Abay – Everything’s amazing and nobody is happy: „Irrer Indie“

ABAYs Album ist Kohlehydrate-freie Spaghetti, ein warmes Paulaner-Spezi, fettfreie Rosmarin-Chips. Aber niemand behauptet, dass das nicht schmeckt......
Abay - Everything's amazing and nobody is happy-Review

„Scheiße hier. Überall Araber. Und auch Ausländer. Und die bekommen Geld. Nämlich meins. Und die ganzen Frauen. Aber meine Dose Ravioli lass‘ ich mir nicht nehmen. Und ich schaue Fernsehen so lange ich will. Leck mich, Merkel!“ Der deutsche Wutbürger fühlt sich verraten. Seinen Glauben, die guten deutschen Werte und das Recht auf den beherzten Schluck aus der Pulle sowieso – „weil wir ja eh alle bald mit langen Bärtchen gen Mekka beten.“ Das ist ein Problem. Weil sich die Doofen bei Nachrufen um das große „Deutsche Reich“ nicht enthalten können. Und weil die nicht ganz so doofen die Klappe halten. ABAY hat das erkannt:  „Everything’s amazing and nobody is happy“ ist die letzte Gegen-Demo, der 1. Mai reflektierterter Gedanken und sein Plakat ziert die mächtigen Worte „Chill‘ mal Deine Basis, Du Opfer“.  Ach, Angie, wenn das jetzt auch noch richtig mitreißen würde…

Nein, Everything’s amazing and nobody is happy ist keine neue Blackmail und der Ebelhäuser’sche Wahnsinn geht dieser Produktion völlig ab.

Dennoch ist das hier ein kleiner emotionaler Indie-Wüterich. Eine Platte, die hätte richtig groß sein können. Musik wie eine Gratis-Fahrt auf der Dorfkirmes in der Berg- und Talbahn: ein ständiges Auf und Ab zwischen diesem lustigem Kribbeln im Bauchi und dem latenten Geschmack frischer Kotze.

Ein Album das streckenweise umhaut, berührt und begeistert. Und sich selbst im Wege steht.

 

Kann‘ ich das Schnitzel auch mal ohne Salat?

Songs wie The Queen Is Dead oder Different Beds sprechen eine deutliche Sprache. Hier hat jemand keine Lust mehr auf klassische deutsche Klangbilder.

Zwischen zerbrechlicher Piano-Melancholie und berstender Gitarren-Wut schreiben ABAY lieber Songs wie die Gefühlswelten einer Pegida-Anhängerin zur letzten Weltmeisterschaft: Hin und her-gerissen zwischen Stolz und Ablehnung, Wut und Begeisterung. zwischen Schmerz und Ekstase. Leider gilt dies nicht für alle Songs auf Everything’s amazing and nobody is happy.

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Prost… Auf Deutchland *s

Viel zu oft verlieren sich ABAY in musikalischem Dahinplätschern und songwriterischen Durststrecken in Form flächiger Ambienten, die gerne Art-Rock sein würden, die dazu nötige Nonchalance und „I dont give a Fuck“-Tidude aber niemals verinnerlichen.

Viel zu sehr versuchen der Ex-Blackmailer Aydo und (vielleicht noch) Juli-Gitarrist Jonas den feucht-modrigen Proberaumwelten zwischen Umzugskartons und Weihnachtsbeleuchtung zu entkommen, anstatt sich auf das zu besinnen, was ein The Queen Is Dead vielleicht jetzt schon zu einem der besten Songs des Jahres küren lässt: Fokussierung auf das Wesentliche

… Obwohl, wenn man die Augen schließt und ganz fest dran glaubt, dann kann man sich diese Burschen schon in ein verrauchten Club im Dschungel amerikanischer Großstädte vorstellen.

Songs wie Ease Ease holen einen aber ganz schnell wieder zurück, in die Eichenholz-getäfelte Eckkneipe in Wanne-Eikel, wo zwischen vollem Aschenbechern, schalem Bier und zerplatzten Träumen allabendlich über Regionalliga-Fußball, reelle Gefahren durch „Kämmträhls“ und Angies Zukunft diskutiert wird. Doch vielleicht ist gerade hier der richtige Platz für diese Band, denn Aydo hat den Gästen was zu sagen…

Dosenöffner-Hymnen

Everything’s amazing and nobody is happy ist ein Album, dass reflektiert und anprangert. Aber auch analysiert und kokettiert. Sänger Aydo ist ein Typ, der schon viel erlebt hat und gerne darüber erzählt: Aufstieg und Fall mit seiner Band Blackmail. Anerkennung und Vergessenheit dieser Person. Polarisation und Arroganz eines Künstlers.

Und gerade hier findet sich auch die große Stärke dieses Albums: mit seinen Texten hebt Aydo nicht nur den verdreckten Spiegel in die hässliche Fratze der Selbstreflektion, er schlägt so lange drauf ein, bis auch endlich alle andere hinsehen: Nicht nur mit sich geht der Sänger hart ins Gericht, sondern mit allem, was ein Leben wie ein lauwarmes Becks zu geben hat.

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Güten Tag. Willkommen in Deutschland…

Jetzt halt doch mal die Gosch‘

„Hör bitte auf zu pienzen“, „Hier isch’s doch voll schee“, „Ole Ole Ole…Dicke Titten Kartoffelsalat“… Schütteln will Aydo, schütteln und bringt auch sich selbst dabei ins Wanken. Dem Ex-Blackmailer hat die lange Durststrecke bis zu diesem Album nämlich mehr als gut getan: War er früher noch irgendwie abgehoben-arrogant, stößt das hier wahrlich zum Nachdenken an.

Nie zu philosophisch, nie zu weltfremd singen Songs auf Everything’s amazing and nobody is happy vom Reifen und Älterwerden in einer Zeit, in der sich jeder zurück zu entwickeln scheint – und gehen dabei hart mit dem Richten und denen die richten ins Gericht.

Müsste man es auf eine Phrase, nur eine wichtige Aussage runterbrechen, der gemeinsame Nenner wäre eigentlich nur eine einzige, wichtige Frage:… „Muss das so sein?

…Und da rutscht er plötzlich ab und schneidet sich blutig am Dosendeckel, der deutsche Wutbürger. Geht wegen der erneuten Wiederholung von Berlin Tag & Nacht endlich mal vor die Tür. Und erkennt, dass sie vielleicht doch Recht hatte, die Mutti. „Ja, es isch ned‘ alles Gold was glänzt“… Aber: „So isches und so bleibts. In engä Hose reibts“. Und daran ändern auch Parolen nichts… Sondern nur der Blicke aufs eigene Ich.

 

Bussi

ABAYs Everything’s amazing and nobody is happy ist eine starke Platte, die an sich selbst ein wenig scheitert. Große Momente werden von Phasen der Ziellosigkeit verschluckt, wichtige Aussagen verlieren sich im Morast fehlender Fokussierung.

Ein wenig, ja ein wenig ist dieses Album wie Kohlehydrate-freie Spaghetti, ein warmes Paulaner-Spezi, fettfreie Rosmarin-Chips. Geil, aber irgendwie nicht geil.  Dass das nicht schmeckt, hat wiederum niemand behauptet. Außer vielleicht den Doofen. Die sind mit ihren kalten Ravioli aber ganz zufrieden…

„Danke, Merkel!“

Themen
IndiePop

Dieser freundliche Bursche schreibt sehr schöne Artikel. Weil er selbst sehr schön ist. Und schöne Dinge sehr mag. Und dieses sehr schöne Mag betreibt... Zudem wäre er sehr gerne kein Einhorn, jedoch sehr wohl ein Musketier. Sehr Paul McCartney hat er auch schon Mal getroffen, kam aber sehr viel zu spät...Cocaine is eben a sehr hell of a drug... Sehr am Ende? Er fängt doch erst an, sehr geehrte Bitch. Schreib mir: flo@igittbaby.de
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Auch feini fein