ALI_AS-Euphoria

„Na aber, wer wird denn gleich?!“ Eine Catchphrase, wie sie nicht besser passen könnte zu Ali As, der auch Urheber der selbigen ist. Denn völlig abdrehen könnte man schon nach dem ersten Durchlauf seiner neuesten Platte namens „Euphoria“. Der Titel ist Programm. Und wenn einem dann nach und nach klar wird, dass das Ding wie die Insel von LOST ist und es immer wieder aufs Neue was zu entdecken gibt, steht man nur noch Kopfschütteln vor den heimischen Boxen. Hinter jedem Vers lauern neue Bretter, die einem derbe vor den Latz geknallt werden. Der Gute präsentiert eine textliche Dichte, die sich manch anderer Mikrofonakrobat für seine gesamte Laufbahn nur wünschen kann. Blinde Rap-Hater würden mit Sicherheit behaupten, es handele sich hier um ein weiteres gesichtsloses, lediglich auf Krawall und dicke Eier gebürstetes Deutschrap-Album. Aber das schlichtweg aus einem einzigen Grund: Ihre Indiebands sind einfach nicht im Stande, Texte zu schreiben, die tiefer gehen als Minenarbeiter. Und sind wir mal ehrlich: Der gute Ali ist ein Poet. Mit seinen Lines schwingt er den imaginären Pinsel hinterlässt kleine Meisterwerke auf der Leinwand, die man sich sofort ins Wohnzimmer hängen will.

 

Seit über zehn Jahren im Game und wie nur wenigen anderen wünscht man ihm schon so lange den großen Durchbruch. Dass die Rap-ublik endlich ahnt, was in ihm steckt. Dass ihm der Respekt gezollt wird, den er wahrlich verdient – sowohl immateriell als auch in Form mehrstelliger Kontobeträge. Mit Euphoria könnte ihm jetzt endlich dieser Schritt gelungen sein. Folgende Faktoren sprechen dafür:

 

  • Das Album ist stimmig, es hat einen Rahmen. Da hat sich tatsächlich jemand Gedanken gemacht!
  • Die Features sind mit Herz und Verstand gewählt, ergänzen ihn, holen möglicherweise Horden an Fans ins Boot, denen er bislang kein Begriff war (Kollegah, MoTrip, Namika, Farid Bang).
  • Ali hat sein Songwriting weiter fein getuned und es reicht vom Bordstein bis zur Skyline, sprich: alles dabei von textlichem Wie-Vergleich-Massakern über reflektierte Generationsbeobachtungen bis hin zu Pop-geladenen Liebesbekundungen.
  • Deutschrap ist beliebter denn je und als alter Optimist glaubt man tatsächlich noch an so Devisen wie „Qualität setzt sich durch“.

 

In einem Interview Ende 2014 hat er mal zu Protokoll gebracht, dass seine Mucke drein Facetten seiner Person verkörpert: Prolet, Poet und Prophet. Das trifft ziemlich genau den Nagel auf den Kopf. Immer wieder spürt man, wie diese drei Herzen in seiner Brust schlagen, wie Joko und Klaas miteinander rangeln und den massiven Kerl fast zum Platzen bringen.

Am Anfang dachte ich ohne Scheiß „Entscheide dich doch verdammt nochmal, was du willst!“, jetzt aber ruf ich ihm durchs Joghurtbechertelefon zu „Genau so isses richtig!“. Vielfalt, die viel knallt.

 

Fresse, ich will in mich gehen!

Mit scheinbar ruhigen Tönen geht es im Opener „Denkmäler“ los, aber dahinter versteckt sich harter Tobak, ein schweres Schicksal, auf dem letztendlich sein Ehrgeiz beruht, der ihn Tag für Tag anzutreiben scheint, es ganz nach oben schaffen zu wollen.

Er erzählt in einfachen Bildern und punktuellen Assoziationen vom Weg seiner Eltern raus aus Pakistan, rein nach Deutschland. Vor Jahrzehnten passiert, aktueller denn je. Als er geboren wird, nimmt der Beat Fahrt auf. Bouncende Bässe als Sinnbild seines eisernen Willen uns seines charismatischem Selbstbewusstes.

Wut, Angst, Orientierungslosigkeit wird umgeleitet und transformiert, um the good life zu erreichen. Klingt einfach, ist aber ein knochenharter, jahrelanger Job, dem man sich da verschreibt.

 

Soundtrack für die Sackrasur?

Dass Ali As die Wie-Vergleiche wie kein anderer hierzulande beherrscht (es sei denn, er heißt Kollegah) ist ja hinlänglich bekannt. Einerseits sind diese lyrischen Rafinessen großartig und lassen einen sich immer wieder selbst auf die Schulter klopfen, wenn man ne weitere Line tatsächlich verstanden hat. Andererseits überschattet diese Facette all die anderen, die vielleicht nicht so plakativ daher trampeln, aber nicht weniger Zungenschnalzen versprechen.

So oder so bleibt einem nicht viel anderes übrig, als die Platte mehrmals zu hören. Und hören bedeutet in dem Fall nicht, im Hintergrund dudeln lassen während man sich den Sack rasiert oder den morgendlichen Wheyshake mixt.

Ne. Bewusstes Zuhören, die Worte aufsagen, auf Pause drücken, sacken lassen, wieder Play, Repeat und so weiter und so fort. Nichtsdestotrotz will ich euch mein bisheriges Wie-Highlight des Albums nicht vorenthalten:

 

„Mon dieu, ich mach’ Bombengeschäft/

Und die Pussies sind am schrei’n wie Madonnenrelief.“

 

Diese Mörderline findet ihr auf „Stempel im Pass“, ein Track, der sicherlich zu den stärksten der generell starken gehört. Ein druckvolles Beatbrett, das an „1Train“ von A$AP Rocky erinnert, ein Featuregast namens MoTrip, der aus ähnlichem Holz geschnitzt ist und mit der gleichen Gewissenhaftigkeit und Liebe zum Rap ans Mikrofon tritt.

Kollegah passt als partner in crime auf dem Titelsong sowieso wie Faust aufs Auge und der Auftritt seines Labelpartners Farid Bang im Banger „Farid Bang“ steht definitiv außer Konkurrenz. Wer das Ding nicht verstanden hat, sollte nochmal ganz vorne bei A wie A Tribe Called Quest anfangen.

 

Ich fresse, also bin ich

Der Prophet tritt ganz besonders bei „Was für’n Leben“ und „Jetzt komm‘ wir“ zu Tage. Dabei ist er hier nicht nur Prophet, der versucht das große Ganze zu umreissen und uns aufs Essentielle zu kondensieren. Vielmehr ist er hier wie bestimmt jeder von uns auch ein Suchender, der sich immer wieder fragt, worin eigentlich der Sinn des Lebens steckt.

Was mache ich hier eigentlich und was kann ich bewirken? Für mich? Für meine Mitmenschen? Was treibt meine Generation so den ganzen lieben langen Tag? Und wohin steuert dieses Tier namens Mensch? Antworten findet auch er keine, aber oft sind die Klügsten diejenigen, die die richtigen Fragen stellen.

 

Leihst Du mir Dein Hamsterrad? Meins hat nen‘ Platten!

Die logische Klammer zu „Denkmäler“ bildet unprätentiös der letzte Song: „Erpresserbrief“ erzählt, wie zwar schon viel erreicht ist, aber dennoch immer noch ständiges Rennen angesagt ist, hustle hard im Raphamsterrad.

Die Klamotten, die er schon immer wollte, kann er sich leisten. Aber sein eigentlicher Ansporn ist es, etwas mit Format zu hinterlassen. Mit den weißen Huaraches einen bleibenden Fußabdruck auf diesem Planeten hinterlassen:

 

„Auch wenn in mei’m Schrank jetzt nur noch Markenkleidung hängt/

Ich will nur bekannt für meine Taten sein und denk’/

Auch wenn mich die Menschen aus der Tageszeitung kenn’/

Am Ende bleibt nur ein paar Chucks über der Straßenleitung häng’.“

 

Was soll man da noch sagen außer „Weiter so!“? Wir stehen auf jeden Fall hinter dir und unterzeichnen den Erpresserbrief ohne viel Firlefanz…

Hochachtungsvoll,

Sä IgittBaby.