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Schaut man derzeit aus dem Fenster, in die Glotze, seinen Mitmenschen in der U-Bahn in die Hackfresse, fragt man sich des Öfteren: Was läuft da aktuell eigentlich falsch? Welche Ideologien brechen da allerorten durch die Fassade der ach so gefestigten Demokratie? Alligatoah scheint sich trotz andauernder orgiastischer Gelage im Kreise seines Trailerparks in den vergangenen Monaten ganz ähnliche Fragen gestellt zu haben. Das bedeutet nicht zwingend, dass er heilsbringende Antworten liefert, aber er legt die Faust in die Wunde. Und fängt dann an zu boxen. Demzufolge bleibt festzustellen: Sein neuestes Werk „Musik ist keine Lösung“ hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können.

„Ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner eigenen Agenda, gegenüber meinem eigenen Ansatz. Diese Verantwortung darf ich nicht verraten. Wenn ich also irgendwann oberflächliche Musik mache, hätte ich meine Verantwortung verraten – und damit auch die Menschen, die mir in dieser Agenda vertraut haben.“ So äußerte sich Alligatoah vor kurzem im Interview mit dem Baby.

Führt man sich seine aktuelle Platte zu Gemüte, merkt man schnell: Das sind nicht nur leere Worthülsen, das meint und macht er tatsächlich so. Und das ist gut so. Mit leeren Worthülsen ist wahrscheinlich nur der Boden seiner Booth bedeckt, wenn er mal wieder einen neuen Track eingesungen bzw. gerappt hat. Denn: Er schießt nach vor mit scharfer Munition und Opferz hat er wieder mal zahlreiche ausgemacht, die alle – schön einer nach dem anderen – ihr Fett weg bekommen und anschließend abgemagert und sich zu Recht schämend in der Ecke stehen.

 

Masken runter, Arsch gezeigt!

Authentizität. Eine Begrifflichkeit, mit der allerorten nur zu gerne um sich geworfen wird. Aber zu 99 Prozent ist es nichts außer Fassade, plumper Marketingstrategie. Genau hier setzt Alligatoah mehrfach an, reißt so vielen die Maske vom Gesicht. Und leider ist gar nicht schön anzuschauen, was dahinter verborgen ist. Ganz egal, ob es promogeile Pseudo-VIPs sind, die hilflose Kinder als letzten Strohhalm missbrauchen, ihre kläglichen Leben namens Karriere zu retten („Denk an die Kinder“) oder die zombieesken Armeen von Schönheitswahnsinnigen, die Idealen nachhaschen, die nur einigen wenigen die Taschen vollmachen („Du bist schön“). Eines der absoluten Highlights: „Teamgeist“.

Erinnert zwar stark an K.I.Z.s „Doitschland schafft sich ab“, aber ist so gut umgesetzt und vor allem so tagesaktuell, dass diese Parallele der Großartigkeit des Songs keinen Abbruch tut. Hier hassen Hundehalter Katzenliebhaber, Apfelesser wollen Birnenbefürwortern an die Gurgel und Mützenköpfe hetzen gegen Hutträger. Ich sage nur Dresden. Bitte verbinden Sie die Punkte A und B mit einer Linie. Und was passiert, wenn die Wutbürger in ihrer Raserei kein Ende finden? „Das bedeutet Krieg“ unter Umständen. Und Krieg kann nicht schaden, „der Zweck ist mittelheilig“. Gutes Features hingegen sind dem Rapfan sehr heilig, und hier wurde mit Morlockk Dilemma alles richtig gemacht. Chapeau für diesen Move.

 

Kehr mal den Pop unter den Teppich!?

Über den poppigen Klangteppich, der eben wie so oft bei Alligatoah auch bei diesem Album völlig konträr zum harten Tobak seiner Lyrics steht, wird sich Rap-Deutschland sicherlich wieder köstlich streiten. Ist das denn Rap? Was ist es, wenn es kein Rap ist? Warum liegt in mancher Rapper Köpfe Stroh? Auch ich kann mich mit der musikalischen Umsetzung nicht unbedingt anfreunden, aber das ist nichts als persönlicher Gusto. Diese ewig gestrigen, nach starren Mustern geführten Diskussionen sind generell nichts als Humbug. Vieles, was (zum Glück!) derzeit veröffentlicht wird, lässt sich nicht in die gängigen Rap-Kategorien einordnen. Und das ist gut so. Da mag jetzt dem einen oder anderen der Joghurt im Rucksack wackeln. Aber auch das ist gut so.

Wirklich euphorisiert fühlt man sich nicht, wenn man am Ende der 15 Songs angelangt ist. Eher ernüchtert. Sich weiterhin fragend, was man eigentlich so ausrichten kann. Als kleines Licht, das gegen den Strom schwimmt. Oder wie auch immer das Sprichwort heißt. Bezeichnenderweise trifft sein letzter Satz den Nagel mit vollster Wucht auf den Kopf:

„Die Menschen sind nicht böse, die Menschen sind nur dumm.“

Das Baby, nach außen zwar als ständig stänkender Miesepeterling auftretend, war doch bislang im Herzen immer ein trotziger Optimist. Aber so langsam setzt sich auch bei ihm die fatalistische Gleichgültigkeit durch. Den Donald Trumpps, Horst Seehofers und Pegida-Spasten sei Dank.

 

Und was kann Musik noch ausrichten?

Diese Frage beantworte sich jetzt jeder schön selbst und kehre heute im eigenen Biergarten Eden ein. Denn so allwissend Alligatoah auch sein mag, kann er uns hier nicht weiterhelfen. So edel die Absichten der musikalischen Sprachrohre dort draußen auch sein mögen, es kann halt auch in die Hose gehen.

Sobald der Song bei Spotify gestreamt werden kann, liegt die Deutungshoheit beim Konsumenten. Blöd. Musik ist eben keine Lösung. Krieg vielleicht?