annenmaykantereit-alles_nix_konkretes_review

„Bitte mach mich stolz“… Wir alle haben diesen Satz vielleicht schon einmal gehört. Von Mama. Zu Weihnachten, der Kommunion, zur Einschulung, am Morgen nach dem ersten richtigen Suff – oder, wenn wir der wohl zweitwichtigsten Frau in unserem Leben gestanden haben, dass wir nun doch kein Arzt mehr werden wollen. Annemaykantereit haben diesen Druck nun in tonale Form gegossen. Vielleicht auch, weil deren Antwort lautete: „Ich kann zwar keine Songs schreiben, aber dafür hat einer von uns voll die krasse Stimme. Das reicht zum Miete zahlen.“ Mutti muss vor Dünkel geradezu platzen.

Alles nix konkretes ist nicht hip und nicht altbacken. Nicht geil und nicht scheiße. Irgendwo dazwischen dümpelt dieses Poptraktat umher und stößt sich immer wieder an sich selbst. Für gute Songs fehlen diesen Hörsaal-Prinzen einfach die zündenden Ideen und für große Momente reicht es einfach nicht, wenn der Frontmann klingt als hätte er auf der Mensaparty ein paar Köpfe zu viel geraucht.

Das hier ist Wohngemeinschaftspop für das gemeinsame Kochen zu Tetrapackwein und JA-Nudeln aus dem Sonderangebot. Die Tomaten gibt es natürlich vom eigenen Balkon, das Olivenöl kalt gepresst vom letzten Hollandradtrip durch die Toskana.

Student Polizei
Sie sind verhaftet!… Wegen Langeweile!

Räucherstäbchenrattanmöbelidealisten?

Annenmaykantereit wollen aber genau das sein… Ein paar zerlumpte Studis, die lieber die verkratzte Wandergitarre auf einem verlausten Echtpferdehaar-Flurläufer ausbreiten, als in irgendwelchen hippen Clubs.

Chapeau. Das ist mit Alles nix konkretes durchaus gelungen: die langweiligen Gefühlswelten eines Durchschnittsstudenten zwischen Stöbern nach Kafkas Verwandlung in der Unibibliothek, Kampf um den frischesten 1-Euro-Kaffe von Yilmaz und dem Rätselraten um die mysteriöse Rothaarige aus dem Ethnologie-Seminar klangen nie authentischer. Der Konservatismus ist eben auch musikalisch bei den ehemals feierwütigen Schmarotzern angekommen.

 

Und jetzt mal weit aufmachen!

Ödnis hin oder her. Diese Band ist erfolgreich in dem, was sie tut. Aber warum? Klar, Sänger Henning May vermag es durchaus ein wenig Charme zu versprühen. Doch das ist genauso erwartbar wie das „Reimen auf  Teufel komm‘ raus“ und das Mitgenommen werden in kölsche Alltagsgeschichten, die sich so interessant lesen, wie der Anamnesebogen eines Urologen kurz vor der Rente.

Sprich: Hier die hübsche Trauer-Ballade, da das obligatorische Tanzstückchen für das „voll derbe Abgehen“ auf irgendeiner frischgemähten Festivalwiese und immer wieder die quälenden Geschichten vom Weggehen und Nachhause-Kommen. Habt ihr echt nichts erlebt in euren Leben? Oder musstet ihr wieder lernen? 

Dozent Uni
Als Dozent musste heute eben selbst für den Spaß sorgen…

Leben? Das ist mir viel zu aufregend!

Auch wenn es Annenmaykantereit mit Alles nix konkretes nicht schaffen als große Songwriter in die Analen einzugehen, so schaffen sie zumindest vielleicht eines: dass Studenten endlich wieder anfangen faul, feierwütig und auch ein wenig asozial zu sein.

… Denn das, was diese Platte  proklamiert, sollte nicht nur den kritischen Hörer, sondern auch den Akademiker von Morgen wachrütteln: Langweilig ist definitiv nicht sophisticated. Und jetzt „Prost, Ihr Fotzen!“