AWOLNATION-Run-Review

[dropcap size=big]A[/dropcap]wolnation haben ein Problem. Ein gewaltiges Problem. Mit „Sail“ ist ihnen schon auf ihrem Debüt ein derart krasser Hit geglückt, dass ihnen im tiefsten Grunde ihres verletzlichen Künstlerherz längst klar ist, dass sie das nicht übertreffen werden. Niemals wieder. Wahrscheinlich nicht mal annähernd. Dieser Song war es, der sie vom Fleck weg auf die großen Festivals, ins Fernsehen, in den Pop-Olymp spuckte. Und das, obwohl er mal so gar nicht repräsentativ für diese an sich ganz coole Mischung aus Electro, Rock, Pop und Punk war.

 

Wer hat Angst vor Oliver Geissen?

Klassischer Fall von Künstlermisere. Wer will schon für den Rest seines Lebens an dieser einen Emo-Ballade gemessen werden, obwohl man ja eigentlich viel mehr drauf hat? In zwanzig Jahren reicht das dann vielleicht noch für einen Auftritt in der „Ultimativen Chartshow“, in der man sich von einem bis dahin wahrscheinlich völlig aufgedunsenen und unverständlichen Oliver Geissen anhören muss, wie erfolgreich man damals war.

 

Hello, Musikmittelschicht!

Qualität und Klasse des zweiten Albums „Run“ hin oder her: Die Frage ist jetzt nur, wie langsam der Abstieg zurück hinab in die relative Bedeutungslosigkeit der Musikmittelschicht dauern wird. Goodbye, Feinkostladen, hello Lidl! Begonnen hat dieser Abstieg bereits. Das liegt allerdings nicht an der Musik als solche. Der Opener „Run“ kippt nach einer Weile trippigen Geplänkels in schrammelnden Industrial Rock, von Pop-Strukturen fehlt hier jede Spur. Danach mit „Fat Face“ eine dezidiert britische Piano-Ballade nachfolgen zu lassen, die eigentlich auch aus den Achtzigern stammen könnte? Bandchef Aaron Bruno beweist, dass er ordentlich Arsch in der Hose hat. So was würde man normalerweise von jedem selbstgefälligen Label-Boss um die Ohren gehauen bekommen.

 

Fifty Shades of Belanglosigkeit

Natürlich versuchen dann auch Awolnation, auf Teufel komm raus, ein zweites „Sail“ zu schreiben. Also ist die erste Single „Hollow Moon (Bad Wolf) auch schön schleppend in der Strophe, entscheidet sich dann aber für einen merkwürdigen Achtziger-Pop-Refrain, der dann doch zu viel des Eklektizismus ist. Für den „Fifty Shades Of Grey“-Soundtrack hat es aber gereicht. Gut, den masturbierenden Damen im Kino hätte auch das Geschrei von Affen oder Andreas Gabalier gereicht. Auch in der Folge von „Run“ spürt man, dass man doch recht gern den legitimen Nachfolger zum abartigen Erfolg an Bord hätte. „Jailbreak“ kommt dem noch am nächsten, die niedliche Electro-Punk-Attitüde in „KOOKSEVERYWHERE!“ ist dann aber doch eher was für 14-jährige Mädels.

 

Ey Mann, wo is‘ meine Identität?

Wenn man Run eines anmerkt, dann ist es die große Identitätskrise. Einerseits will man kein zweites „Megalithic Symphohy“ abliefern, andererseits hätte man aber eben doch sehr gern noch mal einen ähnlichen Erfolg, danke recht herzlich. Dass sich beides nun mal nicht vereinen lässt und, wie man auf diesem Album merkt, nur scheitern kann, ist tragisch. Aber so ist das nun mal im Leben. Hat niemand gesagt, dass es leichter wird, wenn man einen Megahit wie „Sail“ landen konnte. Sollte „Run“ also so schnell untergehen wie man das durchaus erwarten darf, so wäre es durchaus schade um Stücke wie „I Am“, „Jailbreak“ oder „Woman Woman“ .

Viele der neuen Nummern versinken dann aber doch recht schnell in einem vorhersehbaren Sumpf aus Pathos, Pop und einem etwas beschämenden Versuch, möglichst viele Teenies mit der Macke des selbstzerstörerischen Dandys hinterm Mikro abzuholen. Aber sehen wir es mal so: Immerhin sind Awolnation eigen genug, um niemals von Marvin Gayes raffgieriger Familie um ein stolzes Millionensümmchen erleichtert zu werden. Vielleicht also doch nicht so schlecht, dauerhaft ganz oben zu sein.