Darkest Hour im peinlichen Fanboy-Interview

...Es war höchste Zeit, unverschämt und schamlos den Fanboy rauszulassen und Mike ins waschechte, einzigartige, schonungslose "Fanboy-Interview" zu setzen....
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Werte Gemeinde, ich gestehe – ich bin riesiger Fan von Darkest Hour! Und ich lehne mich auch nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich euch sage: Es gibt kaum einen besseren als Gründungsgitarrist Mike Schleibaum, um eine Geschichtsstunde im modernen Metal zu geben. Ooooh, die Babys sind plötzlich so seriös und schreiben so gefühlvoll! Verzeiht, aber das erbittet das Sujet dieser Abhandlung. Ernsthaft. Schleibaum hat alles mitgemacht. Die US-Hardcore-Schiene an der Eastcoast, schwedischen Melodic Death Metal aufgesogen und Heavy Metal gehailt wie kein anderer. Jetzt ist ihr neuntes Meisterwerk „Godless Prophets & The Migrant Flora“ draußen und übertrifft sich mal wieder selbst. Es war höchste Zeit, unverschämt und schamlos den Fanboy rauszulassen und Mike ins waschechte, einzigartige, schonungslose „Fanboy-Interview“ zu setzen. Ich sage nur so viel: Er hat mich sogar zweimal „Dude“ genannt! Digga, besser geht’s nicht.

 

Also let’s go, sagte der Wikinger. Mike drückt mir ein Bier in die Hand und gibt mir eine kurze Einführung in seine Teenage-Riot-Jahre. Er ist in Washington D.C.’s Hardcore- und Punk-Szene mit den legendären Bad Brains und Minor Threat aufgewachsen. Mit Straight-Edge-Bands wie Earth Crises, Snapcase, Integrity, Dead Guy. Bei dem über zwei Dekaden anhaltenden Jack Daniels- und Bierkonsum von Darkest Hour eigentlich kaum zu glauben.

 

Alter, du warst mal Straight Edge?

Mike: Oh yeah, mindestens ein Jahrzehnt lang, Straight Edge wahrscheinlich 15 Jahre. Die meiste Zeit davon auch vegan, etwas weniger. Ich bin definitiv beides nicht mehr. Menschen ändern sich, ihre Ideen von der Welt verändern sich.

 

Also – das hier wird ein Fanboy-Interview, bitte nimm es nicht zu ernst.

Mike: Ja, ich nehme sowieso keine Interviews ernst.

 

Du bist mein musikalisches Idol. Wer ist deins?

Mike: Ich finde es gut, mehrere zu haben. Auf dem Wort Idol liegt natürlich ein schweres Gewicht. Wie wäre es mit kreativem Einfluss? Ein „Idol“ heißt ja, dass jemand von unschätzbarem Wert ist, dabei sind meisten ja gleichwertig. Ich liebe Eddie Van Halen, aber er hat kreative Entscheidungen gefällt, die mir missfallen. Ich liebe Dimebag Darrell. Und er hat kreative Entscheidungen gefällt, die ich mag und die ich nicht mag. Als Kind war ich besessen davon, dass jede einzelne Sache von jemandem, der mich beeinflusst, mir auch wirklich etwas bedeutet. The Clash waren cool, weil ich genau so dachte. Pantera waren seltsam, weil ich überhaupt keine Verbindungen zu irgendeiner stupiden Redneck-Ideologie habe, die die Flagge der Konföderierten Staaten von Amerika involviert. Aber dieser Typ konnte die Gitarre spielen! Musen im Metal sind für mich zuerst Metallica, Megadeth, Slayer, Ozzy, Pantera, Van Halen, AC/DC, Scorpions…

 

Ozzy hatte ja viele Gitarristen…

Mike: Sicher, und ich liebe sie alle! Vor allem an erster Stelle Zakk Wylde wegen „No Rest For The Wicked“. Ich liebe – wer tut das auch nicht – Randy Rhoads, weil er im Prinzip neoklassische Gitarre im Metal erfunden hat und dabei badass war.

 

Er konnte ja gar keine schlechten kreativen Entscheidungen mehr fällen…

Mike: Ja, weil er starb. Ich habe viele Quiet Riot-Bootlegs, als sie gerade auf dem Strip groß wurden. So wie du bin ich Fanboy von haufen Scheiß: Ich sammle Bootlags von Live-Performances von so ziemlich allem, was ich mag. Heute kannst du vieles davon auf YouTube finden. Ich habe also viele von Quiet Riot, bevor Randy bei Ozzy eingestiegen ist. Sein Spiel ist großartig, aber die Songs sind es nicht so. Jedem haftet also etwas an, mit dem er einen Schritt aus deinem Sonnenlicht geht. Ich habe gelernt, die Dinge wertzuschätzen, die mich eine Verbindung fühlen lassen. Es gibt so viel weißes Rauschen in Musik allgemein.

 

Obwohl du in der Straight-Edge-Hardcore-Szene groß geworden bist, klingen Darkest Hour komplett anders.

Mike: All meine Heavy Metal-Freunde wollten sich nur abschießen, trinken, Metallica-Cover spielen und sehen, wer den Bass schneller spielen kann. Meine Punk-Freunde haben Bands gegründet, versucht Shows zu spielen, auf Tour zu gehen. Die Hardcore-Bands haben 200 bis 300 Menschen fassende Klubs gespielt, alles selbstorganisiert. Das war eine ganz andere Philosophie, ein ganz anderer Einfluss. Nicht musikalisch, dafür vom Lifestyle. Man musste kein Superstar sein, um Musiker zu sein.

 

Hast du Dimebag oder Eddie mal getroffen?

Mike: Ja, beide. Auch die Brüder von At The Gates, die haben einen coolen Style. Ich bin ja in dieses schwedische Ding eingestiegen, nachdem ich Pantera, Hardcore und Punk gefunden hatte. Mitte der 90er ist dieses europäische Heavy Metal-Ding in Amerika populär geworden. In Flames, Dark Tranquillity, Entombed, Carcass wurden cool. Das war ganz neu, das hat die ganze Gestalt der Band verändert, obwohl die ja noch nicht lange meine Idole waren. Darum sind wir von einer Hardcore-Band zu einer Death Metal und zu einer Melodic Death Metal-Band geworden. Jetzt sind wir mehr eine Heavy Metal-Band. Wir haben ja hunderte Shows mit Machine Head gespielt.

 

Was hast du von Robb Flynn gelernt?

Mike: Viel zu viel. Das Wichtigste: einer Metal-Band einfach dabei zuschauen, was sie machen. In allen Ecken zu stöbern, zu sehen, wie was gemacht und entschieden wird. Wir haben gerade erst die längsten Sets der Geschichte unserer Band gespielt. Als wir das erste Mal in Europa waren, haben wir vier Songs in 20 Minuten gespielt. In den 90ern. Normalerweise war ein Headliner-Set dann 45 Minuten lang. Jetzt haben wir eine Stunde und 20 Minuten gerockt, weil wir von Machine Head gelernt haben, wie man sowas durchschreitet.

 

Jetzt die tougheste Fanboy-Frage: Wie kann ich ein so großartiger Gitarrist werden wie du?

Mike: Ich denke, man muss einfach süchtig danach sein, Gitarre zu spielen. Ich will damit nicht sagen, dass man es lieben muss. Sondern man muss verdammt ungesund süchtig danach sein. Wenn ich also irgendwann etwas Freizeit habe, wo ich nicht irgendeinen Scheiß machen muss, will ich Gitarre spielen. Warum, wenn ich das doch die ganze Zeit [mit der Band] mache? Weil es das ist, was ich eben immer mache. Unser Bassist [Aaron Deal] will sein Doom-Projekt voranbringen und hat mich gefragt, wie ich es schaffe, ständig Alben rauszuhauen UND Darkest Hour zu haben. Weil ich nie aufhöre! Ich verlasse das Studio und habe zwei Tage später das nächste Riff am Start und fange von vorne an.

 

Wie viele Bands hast du noch?

Mike: Beasts Of No Nation – eine Hardcore-Band. Nicht so verrückt, wie die Bad Brains. Eher politischer Punk, kein Metal. Dann noch eine unbenannte Band, die aber ein ganzes Album hat. Da machen viele Leute mit, die mit Dischord [Records] in Verbindung stehen. Dann arbeite ich noch mit Liam [Wilson] von Dillinger Escape Plan an diesem doomig verrückten Spastikzeug. Und dann noch ein paar Dinge, die ich aber noch nicht beschreien will. Ich maile ständig mit den Leuten, die ich auf der Straße kennenlerne.

 

Was sagt deine Frau dazu, wenn du nur auf Tour bist, um dann nach Hause zu kommen und für drei, vier andere Bands zu spielen?

Mike: Sie ist cool damit. Wir touren ja nicht mehr so viel wie früher. Meine Frau ist seit 15 Jahren an meiner Seite, sie hat den ganzen Scheiß schon heftiger durch. Ich habe einen vierjährigen Sohn [heute bestimmt fünf oder sechs]. Mit der Band haben wir das ganze Haus renoviert und der ganze Keller ist jetzt ein Studio-Jam-Bereich. Alle Bands, in denen ich bin, wollen in meinem Haus rocken, weil das viel cooler ist als irgendein Proberaum. Und es ist gratis. Und wir machen Barbecues. Der Schlüssel ist: Von seiner Frau Akzeptanz zu bekommen, dann kommt alles andere zusammen. Sonst könnte ich nicht all diese Projekte verfolgen und noch ein guter Vater sein.

 

Ihr wart gerade auf 20-jähriger Jubiläumstour, aber euch gibt es doch schon länger?

Mike: 23. September 1995 war die erste Show der Band.

 

Ist euer Motto immer noch „thrash to live“?

Mike: Nach acht Alben sind wir keine Thrash-Band mehr. Also wohl eher „shred to live“. Selbst Oldschool-Thrash-Bands wie Overkill, Death Angel, natürlich Metallica, Anthrax, Megadeth und Slayer sind kaum noch Thrash. Mal ja, dann wieder nicht. Man muss die Rhythmen mal anders schalten. Ich will in keinem musikalischen Sparte in einer Playlist oder einem Musikladen feststecken, die es gar nicht gibt. Ich will die Band sein, die nicht in dein verdammtes Schema passt. Wo wird diese Band hingehen? Und jeder darf darüber argumentieren.

 

Wie sind eure Trinkgewohnheiten heute nach all den Jahren auf Tour?

Mike: Definitiv entspannter. Wir rauchen jetzt mehr Gras. Gestern erst hatten wir eine extra Flasche Jack, die wir rumgereicht haben. Ein Fan nahm einen Zug und kotzte sofort auf den Boden. Wir haben auf jeden Fall ein ungesundes Level erreicht, all das kontrollieren zu können. Aber das ist eben etwas, was wir auch genießen.

 

Was stark ist. Bei so vielen Jahren auf Tour nicht in …

Mike: … verrücktere Süchte abzurutschen? Du kannst 15 Jahren Straight Edge und Veganismus danken. Extremismus – in allen Richtungen – ist keine Antwort für ein Leben in Balance.

 

Was ist dein Rat, wie man nicht zu besoffen wird vor der Show?

Mike: Trinke nicht.

 

Aber du trinkst ja gerade.

Mike: Nun, wir sind ja professionelle Trinker. Ich mag aber den physischen Effekt vom Betrunkensein nicht wirklich. Ich mag den Schwips. Aber nicht mehr. Deswegen hatte ich da nie ein Problem. Wir lassen die Flasche Jack etwas kreisen, rauchen etwas Gras und finden so die Balance für die Bühne. Man muss sich wohl fühlen in seiner Routine, dann kann man die durch einen netten, leichten Schwips dämpfen. Sobald die Routine aber auseinanderfällt und du im Schwips nicht mehr weißt, was du zu tun hast, dann hast du Probleme. Du musst lernen, mein Freund. *rülpst

 

Für mich ist UNDOING RUIN das beste Album, das jemals geschrieben wurde …

Mike: … von Darkest Hour.

 

Nein, überhaupt.

Mike: Wirklich? [Ein kurzer Anflug von Begeisterung übermannt ihn] Es ist ein wirklich gutes Album.

 

Was bedeutet es dir?

Mike: Ich habe viele gute Erinnerungen an diese Zeit, die wir in Vancouver verbracht haben. An [Produzent] Devin Townsend. Dude, als das Album rauskam, ist es ganz gut gelaufen. Aber wir hatten keine Ahnung, ob die Leute das mögen, was wir tun. Wir haben es einfach gemacht. Du hörst ja, es ist total drüber. Du hast da Thrash-Songs, Punk-Songs. Aber eben eine gute Mischung. Devin hat einen großartigen Job abgeliefert. Ich hätte mir nicht mehr von ihm als Produzenten wünschen können. Der Grund, warum das Album so gut ankam, war: Wenn Devin dir hilft, ist das wie von der Hand Gottes berührt zu werden.

Er hat sein Herz und seine Seele reingesteckt, das war das Besondere. Und er hat es nochmal auf DELIVER US getan, da haben wir ihm aber ein Stück Seele gestohlen. Er sagte, er könnte das nicht nochmal tun, es sei zu schwer für ihn.

 

Ich hatte nur ein Interview mit Devin. Ihn umgibt eine so große Aura. Und doch ist er so still.

Mike: DAS ist ein verdammtes musikalisches Idol. Er ist einfach der Mann.

 

Ich bin etwas frustriert, dass deine Band nie den Headliner-Slot auf Festivals und so gekriegt hat. Wenn es eine Band verdient, dann eure! Warum ist das so?

Mike: Was? Wir haben Festivals geheadlint! Zwar keine großen mit Pyro. Wir sind eher eine Kultband, keine, die dein verdammt großes Festival spielt. Wir könnten eine Rockshow liefern mit all dem Licht, Laser und Pyro. Aber stattdessen spielen wir hier, in den kleinen Klubs, vor Leuten, die es bewegt. In einer Umgebung, wo wir aufgewachsen sind. Die kleinen Punk-Shows, wo alles zerstört wurde. Das kannst du nicht übertreffen.

 

Letzte Frage: Ist Darkest Hour jetzt eine Happy Hour?

Mike: Neeeeeee.

 

Nicht musikalisch gesehen.

Mike: Nein. Es gibt so viele kreative Spannungen. Wenn du einen so guten Typen hast wie Travis [Orbin, Drummer]; einen, der so spielen kann wie Lonestar [Mike Carrigan, Gitarrist], einen Typen, der Musik schon so lange hört und studiert wie Aaron [Deal, Bassist] und jemanden, der schon so lange auf Seelensuche ist wie ich es bin – John [Henry, Sänger] – die alle zusammen versuchen, einen Song zu schreiben: Die wollen nicht in Mike’s Band sein. Die wollen in ihrer eigenen Band sein. So entsteht etwas Besonderes. Man braucht diese Spannung. Die ist absolut nicht glücklich. Sie ist dunkel und man schreit sich verdammt nochmal an. Aber jeder ist aus den richtigen Gründen dabei. Das rüstet einen. Dude, ich will keinen in der Band haben, nur weil er mein bester Freund ist. Ich will ihn dabei haben, weil er verdammt nochmal musikalisch das beste motherfuckin‘ Kommando für diesen Job ist. Sie bringen etwas einzigartiges mit, wissen mich mit allem Mist zu händeln. Wir haben keinen General, sondern einen Team-Captain und Star Players.

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Das Fanboy-Interview

Es gibt Themen, Artikel und Meinungen, die müssen gebracht werden. Aber nicht im Namen des Autors, sondern in unserem...Aus dem einfachen Grund, weil es da draußen ziemlich viele Idioten gibt, die mit Meinungen ein ziemliches Problem haben.
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