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Es gibt Musik, die berührt, dann Musik, die umwirft. Die Musik von Daughter hingegen, die nimmt uns komplett für sich ein. Schon beim Erscheinen ihres Debütalbums krochen die kraftvollen und zugleich wohlig-warmen Klänge der Briten unter unsere Haut und tief in unsere Seele. „If You Leave“ machte den Frühling zum späten Winter und ließ uns noch bis weit in den Sommer hinein in einer nachdenklichen Unwirklichkeit verharren. Am wirklichsten fühlten sich die zerbrechlichen Melodien, das leise Dröhnen und die vorsichtig herannahenden Bässe stets live auf der Bühne an, während wir an Elena Tonras Lippen hingen, als würden sie das letzte Geheimnis der Welt vor uns verbergen.

 

Daughters zweites Album beginnt im gleicher Art und Weise. „New Ways“ schleicht sich hallend an uns heran, während ein einsames Gitarrenriff zwischen den Zeilen hängt, die von dem Gefühl, weit weit weg zu sein, erzählen. Anschließend füllt „Numbers“ wabernd die Stille, in der wir uns inzwischen mit geschlossenen Augen wiederfinden. Trabende Drums und ein Hauch von nichts umgibt die Sängerin erneut mit ihrer perfektionierten Aura des ewigen Rätsels.

 

Lust auf Nerven-ziehen?

Einen Schritt weiter in diese unergründbaren Tiefen gehen Daughter in „Doing The Right Thing“, um sich anschließend mit einem kraftvollen „How“ wieder ans Tageslicht zu erheben. Aus der Stille wird zärtliches Shoegazing geboren, das an den Saiten und den Nerven gleichsam zerrt.

Zeilen wie „Moving on, just moving in slow motion to keep the pain to a minimal. Weightless, only wait for a fall“ illustrieren die Zerbrechlichkeit des Albums, die sich ein weiteres Mal perfekt in die Kälte der Jahreszeit einpasst, in dem es erscheint.

Nerven ziehen
Nerven? Braucht kein Mensch!… Raus damit!

Einsamkeit ist das neue Beliebt-sein

Mit der zweiten Hälfte von „Not To Disappear“ wendet sich das düstere Blatt ein wenig und wird zur ruckelnden Aufbruchstimmung. „Alone/With You“ ist eine Ode an die Einsamkeit, in der sich isolierte Effekte in klangvollem Gefrickel verbinden. „No Care“ nimmt noch mehr Anlauf und Tonras Worte schnellen nur so über inzwischen galoppierende Drums. Erst in „Made Of Stone“ kommen Worte, Bässe und der Raum um uns wieder zu sich.

Daughter ist eine Band für graue Stunden, einsame Abende und unwirkliches Befinden. Wer nicht gern dem Regen auf seinem Schlieren ziehenden Weg vorbei am U-Bahn-Fenster zusieht und sich dabei fragt, was er dabei fühlt, ist bei den Briten vielleicht nicht besonders gut aufgehoben.

Doch das macht nichts, denn Träumereien brauchen Platz und Träumereien brauchen Daughter.