[dropcap size=big]“I[/dropcap]ch bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ So hat sich vor ein paar Wochen eine Gymnasiastin namens Naina beschwert. Aber ist das wirklich so schlimm?  Versicherungen und den ganzen Scheiss lernst du noch früh genug kennen. Wenn du ihnen bei dem x-ten schlecht bezahlten Praktikum in dicken Ordnern und an Kopierern begegnest, wirst Du dich nach deinen Gedichtanalysen sehnen.

 
Ich war jetzt auch nicht der größte Fan von Gedichtinterpretationen. Ich war ehrlich gesagt von sehr wenigen Sachen in der Schule ein Fan. Aber immerhin wird in der gymnasialen Bildung damit etwas am Leben gehalten, was ansonsten viel an viel Wert verloren hat: Kultur. In einer auf Optimierung fixierten Leistungsgesellschaft kann Kultur nicht mehr viel verloren haben. Kunst, das muss genauso effizient und kostengünstig sein wie unsere Ausbildung, unser Lebenslauf, unsere Mittagessen. Der Wunsch nach schnellem Wirtschaftsnachwuchs verkürzt Schuljahre, verschult Unis, und möchte den jungen Menschen ein Jahr im sozialen Bereich ersparen: Ja, da wächst man vielleicht dran, da sieht man mal was anderes – aber was bringt das schon?

 

 
Kunst und Kultur sind immer Luxusg¸ter – die Luxusg¸ter von Gesellschaften, die es geschafft haben, auflerhalb des körperlichen ‹berlebenskampfes auch was für den Geist zu leisten. Man muss sich Kunst also leisten wollen, sie ist letztendlich kein Muss. Normalerweise hat man ja aber auch was davon: Kultur, das sind nach Dietrich Schwanitz auch die Geschichten, die wir ¸ber uns erzählen – und damit die Geschichten, die uns als Gesellschaft zusammen halten. Ohne Kultur haben wir nichts mehr zu erzählen. In Steuern stecken keine Geschichten, nur kleine biedere bürokratische Bürden.

 

Gute Songs sind wie eine Rolex!

Musik gehört zur Kunst, Kunst gehört zur Kultur. Musik ist damit Luxus. Leisten möchte sich den heute kaum einer mehr. Leisten im Sinne von: etwas dafür aufbringen, etwas opfern. Erst wurde per Filesharing geteilt, ohne tatsächlich was vom Kuchen abgeben zu müssen. Jetzt geben sich die meisten mit dem Kompromiss des Streaming zufrieden: zeitweise Bereitstellung für flüchtiges Vergn¸gen. Den Spotify-Spot, der den übergang vom Opener in den zweiten Song versaut – was soll’s. Hauptsache nichts zahlen und meistens hört man ja eh nicht so genau hin.

 
Warum wollen wir der Kultur so viel weniger Wert beimessen als anderen Dingen? Wir, im Westen, sind bereit für unsere Individualisierung eine Menge zu zahlen. Unser sogenannter Lifestyle repräsentiert uns nach außen. Wir hauen eine Menge mehr Geld für bestimmte Schuhe und Hemden raus, weil ein kleines Logo auf diesen Schuhen oder Hemden unserer Umwelt sehr viel mehr mitteilt, als der Nutzgegenstand an sich.

 

Hübsche Platte! Gibts die auch in L?

Ist Musik denn nicht auch Lifestyle? Definiert uns Musik sogar nicht um einiges mehr als unsere neuen Sneaker? Wir identifizieren uns mit Songs, projizieren unsere Emotionen in sie. Wir nutzen sie tagtäglich, um unser eigenes Refugium zu schaffen. Und die Bandshirts, die wir tragen, sollen der Umwelt letztendlich ja auch etwas über uns mitteilen. Und trotzdem nehmen wir in unserem Verhalten Musik oft als gegeben wahr. Ist sie nur leider nicht. Wie mit vielem anderen, was das neue demokratisierte Web für sich nutzt, ist gute Musik keine unendliche Ressource. Wenn Blogs gute Nachrichten liefern können, dann nur, weil ausgebildete Journalisten sie nach hohen Standards recherchiert und in Windeseile weiter verarbeitet haben. Wenn Google akkurate Übersetzungen liefern kann, dann nur, weil diese Übersetzungen von geschulten Sprachwissenschaftlern mit einer Menge zwischenkulturellem Wissen angefertigt worden sind.

 
giphy

 
Diese Mechanismen sind kein ewiger Kreislauf. Nichts ist letztlich umsonst, und wenn wir für nichts mehr zahlen wollen, müssen wir in Kauf nehmen, dass die Qualität immer weiter sinken wird. Eine Doktorarbeit ist schnell abgeschrieben, schnell geschrieben ist sie nicht. Ein gutes Album ist schnell heruntergeladen, schnell produziert werden kann es nicht.

 
Wo immer für diese Leistungen keine Gegenleistung gegeben ist, werden diese Leistungen selbst es irgendwann nicht mehr wert sein – vor allem nicht mehr den Förderern und Geldgebern. Den Künstlern liegt natürlich was an ihrer Kunst, aber von Luft können sie auch nicht leben. Es mag sein, dass die klassischen Wirtschaftsmodelle der Musikindustrie lang ausgedient haben. Aber lasst Euch davon nicht abhalten, euren Lebensinhalt am Laufen zu halten. Ihr habt genug Sneaker. Kauft statt an einem neuen Hemd mal eine Platte, die sieht schön aus und klingt auch gut. Kauft euch mp3-Alben auf bandcamp.com, da haben auch die Bands und Labels was von.

 

Lasst die Kultur nicht zu kurz kommen. Wer nichts zu erzählen hat, der hat nichts mehr zu sagen. Auch nicht in vier Sprachen.