Deutsche Leidkultur: Bands scheren sich einen Dreck um Deine Meinung!

Gut gemeinte Ratschläge, schlecht gemeinte Kritik, Rundumschläge und unqualifizierte Beiträge – mit dem Internet ist das alles ziemlich einfach heutzutage. ...
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Gut gemeinte Ratschläge, schlecht gemeinte Kritik, Rundumschläge und unqualifizierte Beiträge – jaja, mit dem netten Internet ist das alles schon ziemlich einfach heutzutage. Sogar ich kann das jetzt! Das denkt sich ja nicht nur jedes igitte Baby hier, sondern zu allem Überfluss auch wirklich jeder Honk mit Facebook-Zugang und Youtube-Profil.

Ein gewisser Chris Concord fand zwei kürzlich prämierte Songs des neuen (und absolut großartigen, mich in vermeintlich falschen Körperregionen ansprechenden) Citizen-Albums jetzt nicht so toll. Anstatt dann aber einfach wieder Nickelback hören zu gehen und den Rest von uns den enormen Fortschritt des Emo-Quintetts von melodisch eingängigem Pop-Punk hin zu verdammt eigenständigem, düsteren Post-Punk von Brand New-esker Genialität genießen zu lassen, meint Mister Concord gleich auch noch, seinen total fundierten Einblick ins Musik-Biz mitteilen zu müssen: Liebe Citizen, Schreibt mal lieber erst mal ein komplett neues Album, bevor ihr touren geht, sonst hört euch keiner mehr zu. GENAU SO war das ja auch schon bei He Is Legend:

„The two songs released have no identity other than obnoxious noise that is just thrown together. If I were in the band I would vote on not promoting or touring this album and start fresh… don’t wanna market a bad product and commit band suicide.. dont ‚He Is Legend‘ yourself.“

 

Ansichtssache ist keine Ansichtssache!

He Is Legend hatte sich mal mit ihrem sehr Hardcore-lastigen Album „I am Hollywood“ viele Freunde gemacht und sich seitdem bei jeder Veröffentlichung von Fortschrittsverweigerern wie Mister Concord anhören müssen, dass sie nicht mehr so (gut) klingen würden. Dabei hatte der Stoner-affine, eher psychedelische Sound der Nachfolger auch was für sich. Das war eben Ansichtssache. Das mit der Ansichtssache versteht im Internet aber echt überhaupt niemand.
Natürlich soll jeder seine Meinung äußern können. Chancengleichheit und Meinungsfreiheit im Web wie in der echten Welt sind super. MySpace oder Reddit veranschaulichen aber, dass die Demokratisierung des Webs sein emanzipatorisches Potential nur bedingt erfüllt. Meistens heißt Demokratisierung nämlich einfach nur, dass jetzt jeder Idiot entweder eine Meinung oder eine Band oder zu allem Überfluss auch noch beides hat. Was davon schlimmer ist, keine Ahnung. Die Welt, das bin jedenfalls immer und ich und mein Kleingeist; und wahr ist immer das, was ich denke.

 

Eine Meinung, ist keine Meinung, ist eine Meinung

Ohne Punkt, Komma oder Fußnote werden in Blogs mehr oder weniger seriöse Nachrichten und dubiose bis schlicht dämliche Interpretationen übereinander geschmissen. Dasselbe passiert auch mit den dilettantischen Tonspuren irgendeiner Dorfkapelle im heimischen Windows Music Maker. Unter dem aktuellen Bandnamen haben wir zwar nur zweimal geübt, aber wenigstens haben wir schon eine geile Website mit flashy Design und die Merchandise-Sommerkollektion am Start! Will you come to my first gig? I can get you Gästeliste!

Was für vermeintliche Musiker und Meinungsmacher gilt, das gilt umso mehr für ihr Publikum. Jeder kann und soll seinen persönlichen Geschmack herausbilden. Keiner muss alle Kunst mögen oder manches Machwerk überhaupt so bezeichnen. Nur kann man Meinung genau wie Geschmack hin und wieder auch mal für sich behalten. Es gibt einfach einen Unterschied zwischen der selbst empfundenen Meinung und vermeintlich objektiven Ratschlägen. Den zu kennen, würde hin und wieder helfen.

 

Das Internet ist ein intolerantes Arschloch

Was Kunst braucht, das ist ein gewisser Freiraum – sowohl in ihrer Präsentation als auch für ihre Rezension. Beides ist im Internet ganz schön reduziert, die vermittelnde Verzögerung fehlt. Völlig gerechtfertigt also, dass Bands gerne mal Kommentare unter Song-Videos deaktivieren. Das ist nicht unbedingt Schutz für sie selbst, sondern auch ein Angebot an alle anderen: Erst mal anhören und Klappe halten. Den Song mal wirken lassen, bevor’s nach drei Sekunden schon den ersten Kommentar hagelt.
In Anbetracht all dessen ist die Antwort von Citizen vielleicht ein bisschen aufs Maul und so gar nicht politisch korrekt, aber schlicht und einfach auch perfekt:

„I literally don’t care about anything you just said.“

Citizen geben einen Scheiß darauf, was ihr meint, zu sagen zu haben – und jeder andere ehrlich gesagt auch. Spart euch das nächste Mal eure halbgaren Kommentare und überlasst das Gemeckere professionellen Dilettanten wie uns.

Themen
Deutsche Leidkultur

Ich bin sowas wie der Bassist unter den Schriftstellern: Weil das mit der Gitarre nichts wurde, habe ich statt der Saitenzahl einfach die Ansprüche runtergeschraubt und mache jetzt ohne Expertise alle fertig, die etwas mehr Erfolg hatten. Musik interessiert mich nicht. Ich habe besseres zu tun, als Platten von A auf B zu drehen und Festivals-Lineups bestehen bei mir aus Bierdosen. Also bevor ihr euch wieder beschwert, wie schlecht recherchiert und sowieso "keine Ahnung" das ist: Ich muss keine Ahnung haben, so ist das im Internet.
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    Auch feini fein