[dropcap size=big]N[/dropcap]eulich stehe ich bei Taking Back Sunday und falle echt aus allen Wolken. Trotz zuvor induzierter Bierseligkeit erfüllt mich mit Grauen, was sich da auf der Bühne abspielt. Da stehen fünf mittelalte Typen und spielen unspektakulär wie abgeklärt die Songs, die mal meinen Weltschmerz linderten. Adam Lazzara schiebt seinen Ranzen vor sich her, stolziert schnoddernd mit dem Mikro herum, und scheint ziemlich besoffen. Ich flüchte mich an die Bar.

 

Jaja, Bands und ihre Fans – eine gespannte Beziehung, eine leidige Angelegenheit. Bei allem theoretischen Verständnis für Musiker, die auch irgendwie ihre Brötchen verdienen müssen, muss in der Praxis niemandem gefallen, was er da hört oder sieht. In Subkulturen äußert sich das oft in Sellout-Vorwürfen, Marginalisierung, Distanzierung: „Die waren früher halt besser.“

 

Nur exzentrisches Gepöbele?

In der FAZ hat sich Tobias Rüther mal über alte Helden ausgelassen: Wie Brian Ferry nichts mehr einfällt außer jugendliche Tugenden aufzuwärmen, wie Morissey nur noch durch exzentrisches Gepöbele auffällt, wie Bret Easton Ellis erst das immer gleiche Buch schreibt und sich dann über die Einfallslosigkeit in Hollywod beschwert. Rüther schließt, dass eine solche Selbstgefälligkeit vielleicht das letzte wahre Privileg des klassischen, unantastbaren Künstlers sei. Daran sei ja auch nichts wirklich schlimm bis auf die Tatsache, dass Rüther als Fan diesen Leute eine solche Selbstgefälligkeit nicht zugetraut hätte.

Was er Künstlern zutraut oder eben nicht zutraut, ist dann auch die Pointe. Rüther muss eingestehen, dass einer noch immer am meisten nervt: er selbst. Er als Fan, der den unmöglichen Anspruch an den Künstler stellt, überhaupt einen Anspruch stellen zu wollen.

 

Und trotzdem stehe ich bei Taking Back Sunday und betrachte fassungslos ein Publikum, dass sich über ihren aktuellen, ganz netten Powerrock-Nummern mehr zu freuen scheint als über herzzerreißende Klassiker wie „A Decade Under The Influence“ oder „There’s no I in team“. Wer bin ich eigentlich, dass ich ernsthaft glaube, in zehn oder fast schon zwanzig Jahren darf sich einfach gar nichts ändern?

 

Jaja, schon leer, noch eins bitte. Schnell!

Die einzig wahre Konsequenz für den Künstler, der erhaben bleiben will, wäre laut Rüther: Er muss einfach schweigen – nichts mehr kreieren. Oder alle anderen müssten die Klappe halten. Ich glaube, da liegt das Dilemma, irgendwie kommt ja keine Partei ohne die andere aus. Natürlich soll das Kunstprodukt an erster Stelle stehen, aber so ganz von selbst findet es seinen Weg meistens nicht hinaus in die Welt.

Was macht den kritischen Fan überhaupt so viel schlimmer als den einspruchslos ergebenen? Die abwägende Auseinandersetzung mit Kunst eröffnet schließlich andauernde Dialoge – zwischen Künstlern, Kritikern und Fans. Kunst ist was Persönliches, aber muss man deshalb immer gleich alles persönlich nehmen?

 

Die ersten Töne von „MakeDamnSure“ – und ich spüre nichts, weder Tränenflüssigkeit noch Gänsehaut, nicht heute. Kopfschüttelnd und Bier schüttend betrachte ich das traurige Spektakel aus sicherer Distanz. Ich will ja nichts sagen, aber wäre ich an der Stelle von Taking Back Sunday, … – Ach, lassen wir das lieber.