die-orsons-whats-goes-review-igitt-baby

[dropcap size=small]I[/dropcap]ch mag Superhelden. Arme, abgefuckte Trottel – mal abgesehen von Iron Man oder Superman – kommen in den Genuß intergalaktische Arschlöcher bekämpfen zu dürfen und nebenbei die heißesten Schnitten des Planeten zu knallen. Aber so toll Superhelden und ihre Sidekicks auch sein mögen, seitdem ihre Geschichten in der breiten Popkultur angekommen sind, geht es mit Marvel, DC oder Dark Horse steil bergab. Jetzt gilt es nämlich nicht nur übergewichtige Pickelgesichter von freelancenden App-Pogrammieren – und mich – zu befriedigen, sondern eben auch die todlangweilige Familie Müller. Zwischen Schnitzeltag in der stinkigen Kantine irgendeiner renomierten Versicherung und dem strategischen Abschieben der Kinder in den Samstags-Förderunterricht, will eben auch der RTL II-geplagte Spießer in fantastische Welten fernab des Alltags flüchten. Da verwundert es ja schon fast ein wenig, dass Comic-Zeichner noch nicht auf die Idee gekommen sind Commander Schweinsbraten mit seinem sprechenden Rauhaar-Dackel in eine epische Schlacht um den „Stempel der Einfältigkeit“ ins Rennen geschickt zu haben. Auch Eichhörnchen-Girl mit ihren Lockenwicklern des Todes würde einen völlig neuen Markt erschließen. Aber die Industrie pennt mal wieder. Wer hier wiederum ausnahmsweise auf Zack ist: die deutsche Musikindustrie. Mit Die Orsons hat das schwäbische Pseudomajor Chimperator nämlich völlig neue Vigilanten geschaffen: die Rächer der Gutbürgerlichkeit, Kämpfer für die Kehrwoche, die Hüter der abgenutzten Tennissocke – und What’s goes ist ihr Kryptonit.

Die Orsons sind der Act, den Deutschland verdient, aber nicht der, den es im Moment braucht. Maeckes, Kaas und Co sind nämlich dunkle Ritter im Kampf gegen zweigesichtige Prollrapper. Ihre Waffen sind clevere Texte, clevere Sozialkritik, cleveres Songwriting sowie cleveres Zitieren deutscher Popkultur. Und genau das liegt auch das Problem: wer nicht wirklich willig ist eine wissenschaftliche Abhandlung über dieses Album zu erörtern (oder besser, kann), wird wohl einige Schwierigkeiten haben die Message hinter What’s goes zu raffen. „Musikkenner“, die Farid Bang oder Kurdo für die lyrischen Vorboten einer neuen intelektuellen Gesellschaft halten, stoßen hier sowieso an ihre Grenzen. Denn auch wenn What’s goes nicht direkt so klingt, dieses Album ist ein spießiges, ein einfältiges – verpackt in ziemlich schrullige, ausufernde Songs.


Der typische Orsons-Fan im Interview

 

Das ist kein Klo. Das ist ein Orakel!

Und vielleicht genau aus diesem Grund sind Die Orsons, ebenso wie der Fledermausmann, nicht ganz unumstritten. Schließlich fordern die Schwaben nicht nur inhaltlich einiges von ihren Hörern, auch musikalisch darf man das ein oder andere Stück schon fast progressiv nennen. Sprich: Während Batsy den Bürger Gothams nie ganz den Zweifel nimmt, ob das Spitzöhren wirklich nur Gutes im Schilde führt, lassen auch Die Orsons ihre Hörer mit ihrer zweideutigen Doppelbödigkeit im Dunklen stehen.
Sind Tracks wie „Papa Willi und der Zeitgeist“ nun einfach nur purer Zynismus oder knallharte Gesellschaftsanalyse auf die Generigkeit einer denkfaulen Gesellschaft? Sind läppische Midtempo-Balladen wie „Das Klo“ oder schlagereske Pophymnen wie „Sunrise 5:55 AM“ einfach nur zum Lachen oder findet man hinter all dem offensichtlichen Geblödel doch eine tiefere Botschaft, den eindeutigen Seitenhieb auf Menschen, die auf Karten für das nächste Helene Fischer-Konzert sparen oder Persönchen, die ihre Lebensziele anhand der Glückkeks-Botschaften beim Büffet-Chinesen planen? Die Orsons geben keine Antwort. Das überlassen sie dem Hörer.

 

Zombie Gif
Ey, ich bin doch gar nicht tot! Ich bin doch nur Deutschrapper!

 

Der ist nicht tot, der atmet nur gerade nicht

Und so schaffen Die Orsons mit What’s goes einen kleinen Mythos: Deutscher Rap kann noch intelligent. Deutscher Rap vermag noch komplexe Songs zu schreiben. Deutscher Rap ist nicht verloren und muss sich nicht beim Amt einen fliederfarbenen Zettel ziehen, um authistisch, ähm authentisch zu sein. Manchmal tun es eben auch schwäbische Klischees, überraschende Retrospektiven und bissige, wenn auch vertrackte Satire. Aber wie gesagt, ich bezweifle, dass der Wortschatz der meisten Rap-Anhänger bei „Retro…“ weiter denkt als an Nike Air Jordan oder die Scarface Blueray-Platin-Edition.

 

Tut mir Leid, Orsons, ihr seid meine Helden. Aber sie werden Euch jagen. Warum? Weil Ihr es ertragen könnt. Weil Ihr keine Helden seid. Ihr seid stille Wächter, wachsame Beschützer. Ihr seid die dunklen (schrillen) Ritter des deutschen Raps…