Dr-Dre-Compton-Review

Also ganz ehrlich, bei aller Liebe, verehrter Dr. Dre… fast 16 Jahre lässt du uns auf ein neues Album warten und dann releast du es auch noch in der heißesten August-Woche seit Erfindung des Thermometers? Dit geht einfach nich klar, wa! Da musste das IgittBaby leider Prioritäten setzen, es musste raus! Raus aus den stickigen Wänden seiner Berliner Altbaubutze, von wo sich der Sauerstoff schon lange Zeit verabschiedet hatte! Raus  an den See, abkühlen, kaltes Hopfengold in rauen Mengen, das den Körper von innen soweit regenerierte, das er zumindest zum lethargischen Toten-Mann-Treiben im maßlos überfüllten Müggelsee in der Lage war. Mehr als zweimaliges Durchhören war nicht drin, da muss der Autor jetzt durch, ihr ganz genauso. Dre-Liebhaber, da habt ihr den Salat!

„The Chronic“ und „2001“ sind Klassiker. Zeitlos. Meisterwerke, die auch noch in 100 Jahren genannt werden, wenn es darum geht, Rap zu definieren. Ersteres legte den Grundstein, wie Rap in den Neunzigern zu klingen hatte, wenn er von der West Coast seine Reise um die Welt begann und zweiteres war, wie der Titel selbstbewusst vorgab, seiner Zeit voraus. Steile These: Es gibt nur sehr wenige Langspieler, die sich wie „2001“ von der ersten Sekunde bis zur letzten durchweg so fulminant auf höchstem Level bewegen und keinerlei Ausfälle zu verzeichnen haben. Skippen kommt hier fast der Gotteslästerung gleich. Ganz so glorreich ist es beim Neuling „Compton“ leider nicht geworden.

 

Bist Du schon gekommen?

 

Zumindest kann so viel nach zweimaligem Durchhören gesagt werden: Eventuell handelt es sich hier um einen Kandidaten, der seine wahre Größe erst mit der Zeit entwickelt, einfach noch ein wenig  benötigt, um sein volles Bouquet zu entfalten. Aber das ist in der Tat anzuzweifeln.  Das Timing des Release – so passend zum NWA-Streifen – fühlt sich irgendwie ein wenig zu sehr nach rational durchdachtem Business-Move an. Zu wenig Straßenherz, zu wenig einfach mal machen, weil man es genau jetzt in diesem Moment so fühlt. Alles in der Booth eingerappt und auf Platte gepresst werden muss, weil man sonst das Gefühl hat, zu platzen. Weil das Leben einem verdammt übel mitspielt und die Musik das einzige Sprachrohr zur Außenwelt bleibt, in der Hoffnung, dass jemand der eigenen Geschichte lauscht.

Aber das war vor über 20 Jahren bei Dr. Dre der Fall. Jetzt ist er – verdientermaßen – erfolgreicher Geschäftsmann, einer der reichsten im Musikzirkus, der in den vergangenen Jahren nicht nur Muskelberge, sondern auch haufenweise Asche angehäuft hat. Auch dank seiner ästhetisch fragwürdigen Kopfhörer hat er es geschafft, sich selbst zur Marke zu machen. Das ist ihm zu gönnen und verwerflich ist daran absolut nichts, denn hier ist einer, der in einer der härtesten Hoods der Staaten den steinigen und oftmals blutigen Weg von rags to riches erfolgreich beschritten hat. Ob es seiner Musik gutgetan hat, ist da eine andere Sache.

 

Shadow of the Collossus

 

Die Beats sitzen jedenfalls an jeder Stelle perfekt. Ganz genau wie die Shirts, die um seinen stattlichen, Kollegah die Schamesröte ins Gesicht treibenden Kolosskörper ziseliert wurden. Er klingt auch durchaus hungrig, rappt aggressiv, bellt seine Lines voller Elan ins Mic, scheint noch lange nicht satt zu sein, was einen freudig aufhorchen lässt. Nur der wahre Schmerz, das Leiden des jungen D., das gibt es natürlich schon lange nicht mehr.  Hier steht breitbeinig ein gemachter Mann, der in „Talk About It“ behauptet, eben mal schnell Kalifornien gekauft zu haben. Und dem man das vor allem glaubt.

Deswegen fällt das Album als Ganzes betrachtet doch recht monothematisch aus: Man blickt zurück auf das, was war, woher man kam und präsentiert stolz, wo man jetzt ist, was man jetzt alles besitzt. Das klingt jetzt negativer als es tatsächlich ist, denn Dre und seinen Features ist es gelungen, diese Thematik überraschend abwechslungsreich und mitreißend zu vertonen.

 

Je später der Abend, desto hässlicher die Gäste?

Apropos Feature-Gäste: Nach manch ominösen Detox-Gästelisten wurde einem ja regelrecht übel und man wollte einfach nicht glauben, dass so was eventuell in den Plattenläden landet. Doch hat sich jetzt bewahrheitet, dass der gute Dr. auch hier nach wie vor ein hervorragendes Händchen besitzt, um eine zwar überbordend umfangreiche, aber auf den Punkt perfekt zusammengestellte Schar an Co-Rappern und Sängern um sich zu versammeln, die der ganzen Beat-Pracht die nötige Würze verleiht. Snoop Dogg und Ice Cube scheinen seit langem tatsächlich wieder richtig Lust gehabt zu haben, einen Part zu schreiben: Da spürt man das lodernde Feuer, das bei beiden schon seit langem erloschen schien.

Kendrick Lamar verkörpert immer mehr die nie für möglich gehaltene Verschmelzung von Inhalt und Technik, die auch ausreichend Kraft besitzt, den Emotionen freien Lauf zu lassen. Der absolut zu Recht als King Kendrick betitelte Poet verehrt das Storytelling der alten Schule und hievt es gleichzeitig auf das nächste Level. Kann man auf zweien der 16 Anspielstationen bestaunen.

 

Was, der kann was?

Zu guter Letzt muss man die größte Entdeckung Dr. Dres hervorheben: Eminem. Man glaubt immer wieder, dass er sich irgendwann einfach nicht mehr steigern kann. Und dann belehrt er alle eines Besseren. Was er auf „Medicine Man“ abliefert, lässt einen mit den Ohren schlackern und jubilierend den Boxen entgegenspringen, um auch jedes kleine, feine Detail seines lyrischen Bombardements aufzusaugen. Und wenn er es tatsächlich – wie behauptet – im ersten Take recordet hat, dann zieht das Baby seinen Hut. Und das kommt eher selten vor.  

Jetzt muss das Baby aber erst mal wieder zum Kühlschrank robben, um sich Eiswürfel auf die heiß getippten Finger zu packen. It’s tough being a fuckin reviewer. Und im Winter wird das Album bei heißer Milch mit Honig dann mal richtig gehört.