Drangsal-Harieschaim-Review

Bleich, lang und immer nur drin. Drangsal frisst sich gerade wie ein Bandwurm durch die Medien der Intellektuellen und der, die es noch werden wollen. Das einzige, was noch mehr 80er als dieser junge Herr mit dem Namen Max Gruber aus der Pfalz ist, ist der Kiosk-Verkäufer, der dir heute dein Zehn-Uhr-Bier in die Hand gedrückt hat. Und dennoch bezeichnet er Ian Curtis als einen Wichser. Von der Realness des ewigen Undergrounds hält er genauso viel wie Donald Drumpf von Mexikanern. Und dennoch tanzt der dunkel gekleidete Post-Punk-Pulk mit Gesichtern im lupenreinen Alpina-Weiß zu allen Songs seines Debüts Harieschaim. Sein Näschen steckt er vielleicht in fremde Facebook-Profile aber keineswegs in köstliche Koks-Berge. Das Baby ist verwirrt.
Was ist also denn nun dran an diesem Drangsal? Wir ziehen die Line Koks, die Gruber auslässt und begeben uns auf Investigativ-Recherche durch die Welt Drangsals.

 

**Spex-Symbol.**

Liest man, was Gruber wohl gerne von sich gelesen haben möchte, klingt die Biographie des Bleichen nach der Dramaturgie jedes zweiten Nachtstreifens jener Sorte, die dich früher an Sexy Sport Clips verloren haben. Allein in einem Dorf namens Herxheim aufgewachsen. Vorliebe für verquere Looks und ungewöhnliche Musik.

Exzessives MTV-Abgucken der Moves der großen Rock- und Pop-Meister. Flucht nach Berlin. Und dann verkleidet sich der Typ als Pfarrer und knutscht im Video zu „Allan Align“ die medienwirksame Leergutmaschine Jenny Elvers in einer Kirche.

Klar, dass die Spex da steil geht. Alles wie gehabt bisher. Das Baby sucht weiter.

sexsymbol
Ähä, ähäm… Ich kanns fühlen!

**Muttikulti.**

Legt man Harieschaim nun auf den Plattenspieler, möchte man statt Mutti plötzlich Maggie als unterkühlte, sexuell unterernährte Politikerin bezeichnen. Hasst plötzlich nicht seinen Projektmanager-Posten, sondern die Fließbandarbeit in der hiesigen Fabrik. Verabscheut plötzlich nicht mehr die Bieber-, sondern die Beatles-Fans.

Denn die zehn verflucht kurzen Songs des Drangsalschen Debüts picken die besten Stücke aus The Cure, The Smiths, Joy Division und Depeche Mode, raffen sie auseinander, und führen sie mit einem beängstigend guten Songwriting-Gespür und einer guten Portion Gruber aneinander.

 

**Schuss mit Lustig.**

Die Zeile „Life It Will Not Wait“ im bereits erwähnten „Allan Align“. Die pluckernde Basslinie im auf Deutsch gehaltenen „Will Ich Nur Dich“. Die süffisanten Synthies in „Do the Dominance“. Der Depeche-Mode Gedächtnis Beat in „Love Me Or Leave Me Alone“. Der metallische Gitarren-Einschub in „Schutter“.

Gruber hat seine Post-Punk und New Wave-Aufgaben nicht nur gemacht. Er hat sie wie ein Sieben-Jähriger Asiate perfektioniert und mit seiner Lösung den Lehrer noch doof aussehen lassen. Doch ist dies der Weisheit letzter goldene Schuss?

hör auf
Tuuu aufhören!

**Widerspruchreif.**

Keineswegs. Denn wenn dieser hagere 22-Jährige glamourös die Dominanz besingt. Gleichzeitig aber mysteriös entfernt vom Geliebt-Werden berichtet. Das eiskalte Fallenlassen einer Liebschaft mit Verve in den Raum stellt. Nur um hallend-opulent das Missverstanden-Sein zu verarbeiten. Wenn Gruber in seine Glitzer-Pop Welt einen schmierigen, rotzigen, abgründigen und selbstverliebten Lacher mit einwebt.

Dann schält sich des Drangsals wahrer Kern aus unserer blutenden Nase und seiner isolierten Welt: Dieser Mann hat in seiner zweifelsfrei einsamen Zeit die wundersamen Werke der Medien bis zum Überdruss konsumiert – und sein Über-Ich zum Widerspruch stilisiert.

Zu jenem Widerspruch, der akribisch an seinem eigenen Bild – und seinem Output arbeitet. Zu jenem Widerspruch, den wir lieben zu hassen. Den wir hassen zu lieben. Dessen Sager, dessen Bilder, dessen Selbstverständnis die Schweinehüter hinter den Medien-Schaltern so brauchen. Zu jenem Widerspruch, der zum Abziehbild unserer „Alles und Nichts“-Gesellschaft wird: Zu 1 nicem Widerspruch.