Eskimo-Callboy-Crystals-Review

[dropcap size=big]D[/dropcap]ie Leidensgeschichte Christi ist ein Scheißdreck gegen den Leidensweg junger Mädchen im ausgehenden 20. Jahrhundert. Schaut mal, das muss man sich erst mal alles auf der Zunge zergehen lassen:

 

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ACHTUNG: JETZT KOMMEN INFOS, IHR DUMMERCHEN

 

1994: Weil Jonathan Knight Panikattacken und Angstzustände am laufenden Band hatte, verlässt er die New Kids On The Block. Die Band wirft wenig später das Handtuch.

1995: Robbie Williams misst sich lieber mit Oasis darin, wer mehr weißes Pulver in seine Nase bekommt, als mit Take That dämliche Videos zu drehen. Er fliegt raus, die Mädchen dieser Welt drehen durch, es werden Kummertelefone für die Fans eingerichtet.

1997: Nach einem Drogenskandal lösen sich die englischen Arbeiterjungs von East 17 auf. Der Independent spricht vom „biggest break-up in Pop music“.

2001: Die Backstreet Boys ziehen sich in Folge des alkoholkranken AJs für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück.[/alert]

 

Hätte es geholfen, den ganzen pummeligen und pickligen Mädchen in ihren dunkelsten Stunden beruhigend zuzuraunen, dass diese ganzen verdammten Boybands irgendwann eh wieder auftauchen wie Pest und Cholera in Teilen der Dritten Welt? Eher nicht. Also ließ man sie flennen, irgendwelche Pillen schlucken, den Frust in sich hineinfressen, Suizid begehen oder sich unüberlegt in sexuell sehr fragwürdige Beziehungen stürzen. Und das alles nur, weil ein paar Eunuchen nach ein paar Jahren im Rampenlicht eher Bock auf Drogen und richtige Frauen hatten? Na, ich weiß ja auch nicht.

 

Wie sehen die denn aus?

Höchste Zeit also für eine neue Ära der Boyband. Für eine Band, der Sex, Drugs und Rock’n’Roll nicht unbekannt sind und die verflucht noch mal kein scheinheiliges Vorbild sein will. Auftritt Eskimo Callboy. Auf den ersten Blick sehen die Typen aus Castrop-Rauxel zwar ziemlich bedenklich aus und wirken eher so, als würden sie auf der Manga-Convention ganz vorne mitmischen. Doch dieser erste Blick täuscht eben. Eskimo Callboy sind ein durchtriebener, hinterhältiger Haufen, die sich sogar diebisch darüber freut, wenn man sie als „Metal-Boyband“ bezeichnet. Leicht haben es die Dudes deswegen bislang nicht unbedingt gehabt, das müsste jedem klar sein, der schon mal an der Starrköpfigkeit eines echten Heavy-Metal-Fans verzweifelt ist. Eskimo Callboy kümmert das aber in etwa so wenig wie sich ein Straßenjunge in Mumbai mit der Frage auseinandersetzt, ob Kanye West seiner Liebe zu Kim öffentlich zu viel Ausdruck verleiht oder nicht.

Metal Detector Gif
Schatz, Schaaatz…Ich habe was „Neues“ gefunden!

 

Der Varoufakis unter den Bands

Eskimo Callboy sind der Varoufakis unter den Bands, der böse Kerl, der allen anderen frech den Mittelfinger zeigt. Sie wissen genau, dass sie polarisieren. Und haben daraus eine Tugend gemacht. Auf dem dritten Album Crystals schlagen sie dermaßen über die Stränge, dass ich mir gerne ein paar Manowar-Fans schnappen, ihnen das Album vorspielen und mich dann diebisch über ihre Gesichtsentgleisungen freuen würde. Metalcore, Hip-Hop, Pop, Electro und was ihnen sonst noch so alles in die zarten Hände kommt, findet sich auf Crystals ein – ein Albtraum für Hardliner, Puristen und angebliche Kunstversteher.

Wer zum Lachen aber nicht unbedingt in seinen Folterkeller muss und nicht die endlose Arroganz besitzt, alles vorschnell verurteilen zu müssen, wird feststellen müssen, dass den Boys ein freches, mutiges und vor allem nötiges Album geglückt ist. They bring back the fun in funeral, könnte man auch sagen. Wild, exzessiv, durchdacht – und bei aller Pop-Patina mehr als nur solide eingezimmert.

giphy
Neeeeeein, Metal darf sich nicht verändern!!!

 

Lass‘ ma Sido machen!

Zu den denkwürdigen Momenten zählen „Baby (T.U.M.H.), das sich an NSYNCs „Tearin Up My Heart“ bedient, „Best Day“, in dem Sido eine smoothe Rap-Einlage beisteuert, oder „Monster“, in dem die Callboys mal so eben zeigen, dass sie auch Stadionhymnen können. Ein gewisses Faible für Trash muss man schon mitbringen, um Freude an „Crystals“ zu haben, das ist klar. Aber wer das nicht in sich trägt, hat hier erstens nichts verloren und ist zweitens ein Lügner. Ich kenne Euch nämlich, Ihr Spasten.

 

Vordergründig über die Band herziehen und nur schwedischen Death Metal bis 1991 auf Tapes hören, aber nach drei warmen Oettinger auf der Party als erster an den Laptop rennen und die Eurodance-Compilation anschmeißen. Das hier ist mehr Metal als Du jemals sein wirst, Du Depp.

[alert type=red ]Anmerkung der Redaktion: Nicht alle Babys teilen die Meinung unseres Autors Björn. Wir geben zu bedenken, dass er viel trinkt und wenig Freunde hat. [/alert]