Keith Buckley redet nicht gerne mit Menschen. Nicht, weil er sie nicht mag, sondern weil sie ihn langweilen, er sie fürchtet – und er nicht weiß, wie… Doch der Every Time I Die –Frontmann hat eine Lösung gefunden: bereits seit seinen Twens frönt er dem wohligen Tropfen Alkohols und schafft es so zumindest den ein oder anderen menschlichen Kontakt aufrecht zu erhalten. Da jedes meiner Interviews mit dem Sänger eigentlich immer sehr nett und unterhaltend war, muss Keith wohl jedes Mal rotzevoll gewesen sein. Dieses Mal könnte dies aber anders gelaufen sein: Seit der Geburt seiner kleinen Tochter ist der Musiker zugänglicher, offener und ehrlicher… Obwohl die Welt um ihn herum immer verschlossener, beschissener und verlogener wird: Der Versuch einer Prognose für einen kleinen Menschen in Zeiten von Donald Trump und anderen Nazitrotteln. In fast nüchternem Zustand.

 

Warum klingt Ihr so sauer?

Außerhalb der Band würde ich mich als ruhige und milde Person bezeichnen. Aber derzeit Mensch zu sein – und insbesondere amerikanischer Bürger – erzeugt einfach nur Frustration, Zorn und Verwirrung. Der Schlüssel ist, das Alles zu kanalisieren. Als Band haben wir die Möglichkeit dazu – auf eine kreative und produktive Weise. Wenn wir das nicht hätten, wären wir schon längst Amok gelaufen…

 

Apropos USA… Wie sehr fürchtet Ihr Euch vor dem Ausgang der Wahlen?

Sehr deprimierendes Thema! Ich will nicht darüber nachdenken. Irgendein schräges Wunder muss jetzt passieren, um uns noch zu retten. Wir sind leider ein Volk, dessen Wahrnehmung von den Medien bestimmt wird. Daher muss ich leider sagen: Natürlich wird dieses Reality TV-Monster unser nächster Präsident. Zynischer geht’s nicht mehr! Das Ende kommt immer näher… Und näher… Und näher!

 

Kommen wir zu etwas schönerem: Du bist frischer Papa…

Es ist immer noch möglich, sich um etwas mehr Sorgen zu machen, als um sich selbst. Im Alter von 36 Jahren haut einen das doch noch aus den Socken. Mit dem Älterwerden habe ich gelernt, mehr auf mich selbst aufzupassen, doch seit die Kleine da ist, zähle ich nicht mehr. Mir geht’s nur darum, dass es ihr gut geht. Das ist eine selbstlose und verdammt gute Erfahrung.

 

 

 

„Zeit hat mich aufgefressen“

 

Welche Lektion wirst Du ihr auf jeden Fall mitgeben?

Hmm… Man beginnt sich damit auseinanderzusetzen wie man erzogen wurde und wie man widerum seine Kinder erziehen will. Ich hab die Dinge nie genossen, die ich erlebt habe. Ich war immer nur damit beschäftigt ganz schnell erwachsen zu werden. Die Zeit hat mich aufgefressen. Ich werde alles versuchen, ihr den Zauber der Kindheit nicht zu rauben, ihr Platz zu lassen für kleine Wunder. Wenn das verschwindet, dann ist das das Ende der Welt.

 

Das passiert, leider, früher oder später…

Ich möchte nicht, dass sie Entscheidungen „rational“ trifft. Denn Entscheidungen funktionieren so nicht. Sondern nur durch Magie.

 

Wie willst Du das schaffen, in Zeiten von Internet und Social Media?

Als wir uns früher „battleten“, dann war das noch mit den Nachbarskindern von Gegenüber. Heute macht man das auf Facebook. Mit Likes und Shares. Jeder ist mit irgendjemand im Wettbewerb – die ganze, verdammte Zeit. Das will ich nicht für mein Kind.

 

 

 

„Ich hab‘ wieder angefangen.

 

 

Als frischer Papa: Hast Du mit dem Saufen aufgehört?

Bedauerlicherweise. Wobei, nicht bedauerlicherweise, aber zu meiner Schande muss ich gestehen: ich hab‘ wieder angefangen. Ich habe es noch durch die Warped Tour geschafft, ganze fünf Monate. Das war ein krasser Erfolg für mich. Zu wissen, dass ich aufhören kann. Aber ein alkoholfreies Leben ist nichts für mich. Sobald ich Daheim war, brauchte ich ein Bier um runter zu kommen. Ohne Alk kann ich nicht wirklich glücklich sein.

 

 

Alk ist ein Teil der Musiker-Routine. Was fehlt Dir, wenn Du aufhörst?

Ich kann einfach nicht mit Leuten reden. Ich bin sehr vorsichtig, nicht dumm oder einfältig zu klingen und zweifle eigentlich immer – an allem und jedem. Bei der Warped Tour war das richtig hart: ich musste raus, um mit anderen Bands zu reden. Das hat mich echt viel Kraft gekostet, das Sozialisieren, und so hab ich einfach viel TV geschaut. Da hat mir natürlich was gefehlt. Ich weiß, dass das ziemlich traurig klingt, aber ich kann einfach nicht nüchtern mit Menschen labern. Alkohol hat mir immer dabei geholfen Kontakte zu knüpfen und neue Menschen kennenzulernen. Alk ist ein soziales Gleitgel…

 

Prost.