Der Antichrist ist schon eine ziemlich arme Sau: gezeugt von einem Vater, der wohl zu hässlich war eine Frau zu finden – und sich daher gezwungen sah, die nächst beste Alte in die Kiste zu zerren – ist dieser Bengel nicht nur dazu vorbestimmt ordentlich Stunk zu machen, sondern auch ein Dasein in völligem Missverständnis und ständigem Argwohn zu fristen. Einladungen zu Parties sind da Fehlanzeige, im Kino muss man es sich im Partner-Sessel alleine gemütlich machen und wechselnde sexuelle Partner hat Beelzebub auch nur dann, wenn er sich mindestens eine halbe Stunde auf die Hand setzt – oder von Synthetik-Material auf Socken mit 100% Anteilen Merino-Wolle wechselt … Da ist es doch nur klar, dass auch einem Wesen der Unterwelt mal so richtig der Kragen platzt. Und was könnte für einen Halbdämonen ohne Mitspracherecht in der eigenen Zukunftsgestaltung  wohl befriedigender sein, als die Wesen des Lichts mit ihren eigenen Waffen in den Wahnsinn zu treiben: Er predigt den musikalischen Stumpfsinn und die Massen folgen ihm, er erhebt den schnöden Mammon über künstlerische Befriedigung und sie lobpreisen sein Schaffen… Liebe Gemeinde, verneigt euch vor dem jungen Fürst der Finsternis – und seiner Anti-Bibel „EI“.  Einer Platte, sie sie zu finden, sie alle zu knechten. 

Nein, Teufelchens größter Stolz ist weder völlig behaart, noch stampft er mit behuften Pferde-Mauken über das Antlitz der Erde. Und nach einem zwei Wochen alten, randvollen Eiweiß-Shaker stinken tut er nun auch nicht. Vielmehr kommt der Widersacher aller Widersacher richtig putzig, äußerst bodenständig und unabgehoben sympathisch (echt jetzt) daher und seine Werke tun auch keiner Seele etwas zu leide.

 

Talk to me Jenny, you make me go crazy“  (Psalm aus „Jenny“)

 

Dennoch, sehr berechnend wirkt dies Nicht-Anecken-Wollen: Song-Strukturen runterzitiert wie von einer mittelalterlichen Songwriter-Gebetstafel, Lyrics wie eine Feiertagspredikt auf die allumfassende Kraft der Mittelmäßigkeit und Melodien, die tatsächlich so klingen, als hätte sie des Pastors altes Liebchen vor dem Gottesdienst dank einer kleinen Portion MDMA mal eben an der ollen Konzert-Orgel eingedudelt. Nur eben mit flotteren Beats, cooleren Sounds und einer gar nicht mal so subtil versteckten Abneigung auch nur das geringste Risiko eingehen zu wollen.

EI ist eben Konserven-Pop par excellence. Oder eben die englischsprachige Antwort auf Schlagersendungen im MDR am Sonntagnachmittag. Vielmehr aber der Schlag in die Magengrube der künstlerischen Selbstachtung… Oder würde man Klaus Lage – Gott erbarme sich seiner Seele – zitieren: „Tausend Mal gehört, tausend mal hat’s nicht gestört“. Weiche Satan.

Kniet nieder  Würmer und preiset ihn

Nein, auch der liebe Gott kann uns da jetzt nicht mehr helfen. Es ist ja auch nicht so, also ob der dunkle Schnulzen-Lord einfach so über Nacht seine 25! Höllenhunde auf die Welt losgelassen hätte. Es gab Vorzeichen.

Seit geraumer Zeit nämlich sucht Felix Jaehn die Bestenlisten des Format-Radios und Familien-Festivals tief in den weiten ländlicher Selbstzufriedenheit heim und wird dort gefeiert, wie ein alter Jutelappen in den Eingeweiden des Turiner Doms. Und ebenso wie bei eben diesem berüchtigten Grabtuch streiten sich Gläubige, Nicht-Gläubige und Experten darüber, ob das nun authentisch oder einfach nur die Inkarnation kollektiver Naivität leichtgläubiger Seelen ist.

 

„Even in this Haze, when I see your Face, it’s gettin‘ clearer now“ (Psalm aus „Cut the Cord“)

 

Während der Ruhm des Turiner Tuches wenigstens auf der Annahme übernatürlicher Mächte basiert,  bedient sich Felix dreist im elektro-musikalischen Einmaleins der Bausatz-Songschreiberei und trifft dabei gezwungenermaßen auf typisch irdische Probleme: Ideenlosigkeit und auch ein wenig Selbstüberschätzung – immerhin ist dieser ohne Zweifel talentierte Bursche gerade mal Anfang Zwanzig .

Dennoch: Fast schon gebetsmühlenartig zitiert Jaehn ausgelutschten Psalm auf noch ausgelutschteren Psalm und untermalt diese mit etwas, was wohl im Studio als himmlischer Wink übermenschlicher Kreativität gefeiert worden sein muss…

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… 4/4-Takt-Kinderlieder-Rhytmik mit weiblicher – wahlweise auch urban-maskuliner – Stimmuntermalung, aber hier eben halt mit Steel-Pan wie in Forever Young, völlig verrückter Piano-Streicher-Kombination a la Cut The Cord oder, wenn man mal so richtig derbe auf die Kacke hauen will, das Ganze einfach kombiniert wie in Figure you out.  DJ Schwef El burnt eben heißer als Seelen im Fegefeuer.

Babys Nachruf

Der größte Trick des Teufels, so sagt man, war es den Menschen weiszumachen, dass es ihn nicht gibt. Sein musikalischer Ziehsohn in Spe hat aber auch einen fiesen Trick im Ärmel: er gibt Leuten etwas, das sie nicht mögen… Und lässt sie es abgöttisch lieben. Wem nämlich MØ zu avantgardistisch und Martin Garrix zu viel Bummbummbumm ist, wird sich wohl kaum an Jaehns EI reiben.

Chapeau, Felix, diese Platte ist vielleicht (oder hoffentlich) der letzte Nagel bei der Kreuzigung eines Genre, das schon vor langer Zeit hätte zum Himmel fahren sollen.  Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und hoffentlich nach dem letzten Atemzug des Konserven-Elektropop.