[dropcap size=big]E[/dropcap]s ist ja jedes Jahr die gleiche Leier. Da sitzen Hannelore und Karl-Heinz in ihren durchgelatschten Pantoffeln vor dem Tisch mit dem Spitzendeckchen und der „Edle Tropfen“-Ekelnascherei vor der Glotze und ziehen sich einen der zahllosen Jahresrückblicke rein. Karl-Heinz ist schon wieder kurz vorm Einschlafen, letzte Nacht war er wieder siebenmal wach, weil er pissen musste, aber dann doch nur ein paar brennende Tropfen loswurde. Zum Arzt wird er deswegen noch lange nicht gehen. Da trinkt er lieber noch ein Oettinger (sogar das Weihnachtsbier, gab’s im Angebot) und hält seine blutunterlaufenen Augen mit einiger Mühe auf, während Hannelore jeden retrospektiv über die Leinwand flimmernden Monat analysiert und kommentiert, wie man als dummer alter Mensch, der keine Ahnung von der Welt hat, eben so analysiert und kommentiert. „Schon schlimm mit diesen Flüchtlingen“, sagt sie dann zum Beispiel im September, „aber hier können die halt auch nicht alle hin, oder, Karl-Heinz? In der Schillerstraße wollen die ja auch ein Flüchtlingsheim bauen. Ich hab ja nichts gegen die, aber ganz so nah brauch ich die ja jetzt auch nicht.“ Karl-Heinz grunzt Zustimmung, vielleicht verkrampft sich aber auch gerade nur wieder sein Unterleib.

Wenn der Rückblick dann vorbei ist, ist Hannelore wie jedes Jahr mit den Nerven am Ende. „Herrgott, das war aber ein schlimmes Jahr.“ Verdammt noch mal, Hannelore, natürlich war es das! Die Welt ist ein Scheißort, wann begreifst Du das in Deiner Vorgartenidylle denn endlich mal? Und das nicht erst seit ein paar Jahren, wie Ihr Sesselpupser ja immer gern glaubt. Fragt doch mal die Kinder, die auf die Kreuzzüge geschickt wurden. Oder die Unschuldigen, die von der Inquisition verbrannt wurden. Oder die Juden. Oder die Sklaven. Oder so ziemlich jeden, der vor mehr als 100 Jahren gelebt hat. Ihr aber braucht dazu extra einen Jahresrückblick, um eure beschämende Lethargie und den Stillstand in Euren Leben, Köpfen und Herzen erträglich zu machen. Immerhin gibt es da welche, denen es noch schlechter geht. Je weiter weg, desto besser. Zumindest solange, bis Karl-Heinz vor Schmerzen nicht mehr länger kann, doch zum Arzt geht und mit einer Diagnose zu Hannelore zurückkehrt, die dieses mickrige Leben auf den Kopf stellt. In einem Jahresrückblick wird Karl-Heinz 2015 deswegen allerdings noch lange nicht auftauchen.

 

2014: Der Tod ist der neue Oscar

Ganz ähnlich wie mit Jahresrückblicken verhält es sich ja mit den von uns gegangenen Persönlichkeiten eines Jahres. „Mensch, dass der gestorben ist, habe ich ja schon ganz vergessen“, hört man dann wieder jemanden über den Rand einer Kaffeetasse nuscheln, den Spekulatius in der Hand. Ja, Überraschung, Menschen sterben. Ziemlich viele sogar, und das ziemlich regelmäßig. Auch 2014. Zum Beispiel hat sich Robin Williams umgebracht. Und die scheinheiligen Facebook-Postings auf seinen Tod hin wurden in ihrer aufgesetzten Trauer und unglaubwürdigen Anteilnahme nur von der Ice Bucket Challenge übertroffen. Oder, wie ich es nenne, von der größten Verarsche seit den Hitler-Tagebüchern. Keiner der Leute, der auf Facebook etwas „Schönes“ über Robin Williams geschrieben hat, hat zu seinen Lebzeiten gepostet, was für ein toller, tragischer, lustiger und berührender Künstler er doch war. Würde dann aber natürlich niemanden interessieren. Wenn, dann macht man es so wie Patti Smith, die die ebenfalls 2014 verstorbene Blues-Legende Johnny Winter bei ihrem wundervollen Konzert in Stuttgart glaubwürdig und ehrlich gewürdigt hat. Ach ja, auch gestorben sind: Phillip Seymour Hoffman (Drogen), Peaches Geldorf (was sonst) oder Tommy Ramone (Krebs). Es wird aber sein, wie es immer ist: Nächstes Jahr sind sie vergessen, weil wieder jemand Berühmtes den Abgang macht. Sogar im Tod fechten die Berühmtheiten der Welt einen Kampf um unsere Aufmerksamkeit auf. Und irgendwann lassen sich verabscheuungswürdige Touristen am Grab von Jim Morrison im Paris fotografieren, weil sie gehört haben, er sei so ein berühmter Sänger gewesen. Faith in humanity lost.

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Robin, Du tragischer Held, wir werden Dich vermissen!

 

2014 waren wir alle so ekelhaft „Happy“!

Natürlich ist auch sonst viel zu richtig Beschissenes passiert in diesem Jahr. Das Aufflammen der rechten Scheiße, Ebola, Flüchtlingsdramen am laufenden Band, mein ausbleibender Lottogewinn. Musikalisch war’s auch nicht gerade prickelnd: Erst kürzlich ereilten uns gleichzeitig neue Veröffentlichungen der leider wieder aktiven Onkelz, von Heino, Unheilig und Xavier Naidoo, auch in den Monaten davor mussten wir sehr, sehr, sehr viel ertragen. Zwar schafften es 2014 auffällig viele deutsche Interpreten mit ihren Alben und Singles an die Spitze, dafür waren es eben Sachen wie Helene Fischer, Andreas Bourani, Broilers, Bushido, Fantasy, die Toten Hosen oder Wolfgang Petry. Ganz ehrlich, da kann mir jedwede Form von Deutschquote gestohlen bleiben. Ist ja ekelhaft! Klar, Grönemeyer holt die Eins noch relativ verdient, dass AC/DC die höchsten Verkaufszahlen seit sieben Jahren einfahren, ist auch stark in Ordnung. Gäbe es aber nicht jede Menge tolle neue Alben von Künstlern wie Lana del Rey, den Black Keys, Sólstafir, Hundreds oder Lykke Li, wäre die deutsche Musiklandschaft ein stinkendes Ödland. Ist sie natürlich trotzdem, solange hunderttausende Hirnlose zum Hockenheimring pilgern, um zunächst zu sehen, was Koks aus Ben Becker macht und dann einmal mehr darin bestätigt zu werden, was Koks aus den Böhse Onkelz macht. Einen haufen überheblicher Polemiker, die tatsächlich denken, sie hätten etwas zu sagen. Und die Musiklandschaft wird sich auch nicht besser, solange es jede spießige Kleinstadt ernsthaft als gute Idee erachtet, ihre ganz eigene „Happy“-Version zu drehen. Solange eine Helene Fischer (nichts gegen Dich persönlich, Helenchen!) es schafft, ein Volk mit derart anspruchsloser Musik in Atem zu halten und sogar die Nationalmannschaft unterhält.

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Zwei unerklärliche Phänomene des Jahres 2014, erstmals auf einem Bild vereint.

 

Das war ein schlimmes Jahr!

„Dann doch lieber die Hosen mit ‚An Tagen wie diesen’“ höre ich da jemanden rufen. Ach, ich weiß ja auch nicht. Mir fällt es nicht so leicht, mich zwischen Fingernägel einzeln rausziehen und langsamem Häuten zu entscheiden. Muss ich bei meinem Musikgeschmack glücklicherweise nicht. Also verbarrikadiere ich mich auch 2015 in meinem Bollwerk des exquisiten Geschmacks und blicke hämisch auf das Land herab, wie es von billigem deutschen Testosteron-Rap und Schlager verwüstet wird. Irgendwann kann ich dann mit einem Ziehen im Unterleib auch folgenden Satz sagen: „Herrgott, das war aber ein schlimmes Jahr.“ Falls ich nicht vorher den Robin Williams oder die Peaches Geldorf mache.

Mit freundlichen Grüßen,

Björn