I[dropcap size=big]I[/dropcap]ch habe mich doch tatsächlich ein bisschen in Kanye West verliebt. Also natürlich alles no homo und so, aber sein Verhalten bei den Grammys hatte eigentlich alles, was man sich von einem völlig narzisstischen Künstler mit großer Klappe und Gott-Komplex wünschen kann: Auch in diesem Jahr hielt es ihn nicht auf seinem Sitz, am liebsten hätte er diesem „Loser“ Beck dessen Trophäe für das beste Album des Jahres aus der Hand gerissen. Hat er bei Taylor Swift vor einiger Zeit mal gemacht, weil Beyoncé leer ausgegangen war. Auch diesmal konnte West wahrscheinlich einfach nicht verstehen, dass ein relativ hässlicher und verlotterter Country-Weirdo wie Beck diesen Preis abholt – noch dazu für ein Album, das weder von einem Schwarzen geschrieben noch produziert wurde und außerdem weder R’n’B noch Rap oder Soul ist. Kriegt er nicht rein in sein Hirn, allem Anschein nach. Schon jetzt legendär ist auch sein Interview im Anschluss an die an Plattitüden nicht arme Verleihung: „Die Grammys müssen aufhören, mit uns Künstler zu spielen“, meint er angepisst und erwähnt, dass Beyoncés nominiertes Video zu „xxx“ ja wohl „flawless“ war. Makellos, Herr West, ist aber nicht immer gut, auch ein rasierter Typ im Anzug kann seine Tochter missbrauchen.


Häusliche Gewalt war eh ein großes Thema. Passt ja auch prima zur glamourösen Verleihung eines Pop-Preises, der dekadente, regelmäßig in der Öffentlichkeit ausrastende Popstars glorifiziert. Da schaltet sich sogar Obama per Video zu, um seinen lieben Schäfchen zu sagen, dass häusliche Gewalt nicht cool ist, auch ein Opfer häuslicher Gewalt haben die Macher irgendwo ausgegraben und vor einem Mikro bloßgestellt. Muss das sein? Natürlich nicht! Es zeigt nur die Dummheit einer Nation, wenn der Präsident extra eine Ansprache dazu halten muss. In der Zeit hätte man auch noch einen coolen Künstler auftreten lassen können. Aber genau da liegt ja das Problem: meine Definition von cooler Künstler könnte sich nicht viel stärker von der der Grammys unterscheiden. Rihanna, Kanye West und Paul McCartney langweilen mit ihrem öde und uninspirierten „Four Five Seconds“, einem Song, für den sich Sir McCartney eigentlich viel mehr schämen müsste als er derzeit zugibt. Ich höre jedenfalls John Lennon, wie er sich im Grab umdreht und plant, Paul in ein paar Jährchen dafür ordentlich den Kopf zu waschen.

 

Heulsusen und Scientology-Spasten!

Heulsuse Sam Smith räumt vier Preise ab, verdient hat er davon natürlich keinen, live spielen muss er dann natürlich auch noch. Verstehe ich nicht. Verstehe! Ich! Einfach! Nicht! Da ist Kanye aber ruhig geblieben, obwohl ich ihm da schon ganz „Batman“-like irgendein Symbol auf einen Scheinwerfer gelegt hätte, damit es in den Nachthimmel projiziert wird. Einen dicken Hintern oder so, die mag er ja. Sam Smith auch, aber das ist ein Thema für sich. Smith also vier, Scientology-Spast Beck die Königsklasse. Wo, verdammt noch mal, waren die Frauen? Ich weiß nicht, wie es Euch ging, abe rim Pop-Jahr 2014 sind bei mir vor allem Frauen hängengeblieben. Okay, Sam Smith und Beck habe ich allein aus optischen Gründen ausgeblendet, man will ja generell von Schönheit umgeben sein, aber wieso wichtige Pop-Meinungsmacher wie Taylor Swift oder Iggy Azalea tatsächlich leer ausgehen können angesichts dieser „Konkurrenz“, ist ein weiterer schlechter Witz der amerikanischen Pop-Maschinerie. SIA übrigens hat keinen Preis gewonnen. KEINEN! Obwohl sie zwei der Musikvideos des Jahres und ein großartiges Pop-Album veröffentlicht hat. Performt hat sie dennoch – und mit einer weiteren visionären Fassung von „Chandelier“, das mal eben die gesamte anwesende Konkurrenz in die Schranken gewiesen hat.

 

 

Vereinzelte Lichtblicke in einer merkwürdig gekünstelt-betretenen Show waren der Grammy für St. Vincent, die überraschend kurzweilige AC/DC-Performance und die Stiere bei Madonna auf der Bühne. Die hat auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass sie noch mal angreifen will. Und ist noch eindrucksvoller gescheitert. Du bist raus, Alde, das müsstest Du spätestens jetzt einsehen. Macht sie aber nicht. Und bei den Grammys wird das auch noch goutiert.

Verdammt, Amerika, Du hast uns mal wieder enttäuscht. Und wenn Obama nicht gesagt hätte, dass das nicht cool ist, würden wir unsere Frustration jetzt intern rauslassen.