[dropcap size=big]D[/dropcap]as geilste Ding hat sich natürlich wieder ein deutscher Rapper geleistet. Auch Haftbefehl war für die Teilnahme am deutschen Band Aid Thirty vorgesehen, sollte wie so viele andere angeblich große Künstler seinen Gesangsbeitrag im Kampf gegen Ebola (schon geil, oder? Singen wir den Virus doch einfach weg und tanzen danach gleich den Faschismus von der Welt) leisten. Hat er aber nicht. Hat die ganze Chose abgesagt und ließ von seinem Management ganz offiziell und todernst erklären, dass er sich mit dem Inhalt des Textes nicht identifizieren kann. Say what? Das ist so ziemlich das dümmste Eigentor, das man sich schießen kann. Natürlich ist diese ganze Kampagne ein einziger stinkender Haufen Schmutz, eine Selbstdarstellungsplattform für mediengeile Vollidioten, die auch die Ice Bucket Challenge für eine super Idee hielten. Aber dass man sich in aller Öffentlichkeit und bei vollem Bewusstsein (so arg wie das eben geht bei uns Hafti) von einem offensichtlich humanitären und, bei allem Schleim, Schmalz, Pathos und Kitsch, doch irgendwie menschenliebenden Text distanziert, ist für mich ganz klar der Brüller der Woche. Hafti, du oller Misanthrop, bist du etwa ein Freund vom gemeinen Captain Ebola

Ach ja, was wäre die deutsche Medienwelt ohne diese ganzen Vollidioten, die über die Titelseiten geistern. Richtig, ein viel, viel schönerer Ort. Allein die beteiligten „Künstler“ (mal ehrlich, von Kunst kann all das nicht weiter entfernt sein) lesen sich wie das Line-Up meines absoluten Festival des Grauens. Stellt Euch doch mal vor, Ihr wacht auf und befindet Euch plötzlich auf einem Festival, das unter anderem folgende Leckerbissen für Euch bereithält:

 

[alert type=white ]„Ebola“-Festival 2014 mit

Silbermond

Sportfreunde Stiller

Die Toten Hosen

Max Herre (noch nicht bestätigt)

Ina Müller

Gentleman

Broilers

Jan Delay

Philipp Poisel

Udo Lindenberg

Cro

Clueso[/alert]

Da wärt Ihr doch sogar froh, wenn Ihr zwischendrin so was wie Jennfier Rostock oder die Donots entdeckt. Auch nicht gerade geil, aber immerhin erträglich und nicht Schuld daran, dass Ihr Euch mit einem spitzen Gegenstand das Trommelfell zerhacken wollt. Diese Speerspitze der deutschen Popmusik also, diese Crème de la Crème der heimischen Singstimmen, nimmt nun den Kampf gegen Ebola auf. Entschuldigung, aber wer hatte denn diese grenzwertig bescheuerte Idee? Da könnte man ja gleich eine Wagenladung Einbeiniger zum Kampf gegen die ISIS im Gebirge aussetzen und ihnen jeweils einen Löffel zur Verteidigung in die Hand drücken.

 

Deutsches Niveau: Es geht immer noch schlechter

Auch die leidvolle Entstehungsgeschichte dieses hirnrissigen Projekts riecht schon nach dem Nobelpreis für die geilste Verarsche des Jahres: Da ruft Bon Geldorf, nach König Bono definitiv der Erbprinz in Sachen heuchlerischer Weltverbesserung, mal bei seinem ach so guten Kumpel Campino an, um ihn auf die Missstände in Afrika hinzuweisen. Campino dann so: „Ach krass, wusst‘ ich nicht.“ Bob dann so: „Siehste, Campino, dafür bin ich ja da. Hab auch ne Wahnsinnsidee: Du trommelst ein paar verzweifelte Musiker zusammen, deren Karriere wie deine eigene bald zu Ende sein wird, und nimmst einfach mein superdolles ‚Do They Know It’s Christmas‘ neu auf.“ Campino dann so: „Aber Bob, das Lied ist erstens noch schrecklicher als ‚An Tagen wie diesen‘ und wird zweitens nie auf AfD-Parteitagen gespielt, weil es ja englisch ist.“ Bob dann: „Schnauze, Idiot, auf deutsch würde das alles noch schlimmer klingen.“ Stimmt ja auch wieder.

 

Campino: Nichts als ein gottverdammter Pseudo-Punk!

30 Jahre nach Band Aid, nach „Do They Know It’s Christmas“ ist also auch Bob Geldorf das Geld ausgegangen. Tja, Sir sein reicht eben nicht, um stinkreich zu sterben. Der fingierte UNO-Anruf bei ihm war dann auch alles, was nötig war, um einen Entschluss in ihm reifen zu lassen: Schon mit der Ice Bucket Challenge war die ganze Welt zum Narren gehalten worden, indem sie gewisse Einzelpersonen schwindelerregend reich gemacht und natürlich rein gar nichts Gutes bewirkt hat. Das funktioniert doch sicher noch mal. Ich frage mich ja immer, wie viele Charity-Projekte eigentlich noch unzählige Millionen einbringen müssen, bevor die Welt endlich mal merkt, dass sich ja doch nichts ändert. Bob Geldorf kann das natürlich nur recht sein. Endlich floss der Geldstrom wieder, und von den ersten Scheinbündeln schickte er Campino erst mal quer durch Afrika, damit der Düsseldorfer Pseudopunk mal sehen kann, wie ernst die Situation vor Ort ist. Ernsthaft? Zigtausende ausgeben, damit ein schlechter deutscher Rocksänger SEHEN kann, WIE ERNST die Situation VOR ORT ist? Himmelherrgott, so viel Dummheit hält doch kein Mensch aus. Allein mit diesem Geld hätte man eine ganze Menge Gutes bewirken können. Oder mir im Zweifel einen verdammt guten Urlaub finanziert.

Aber Gutes bewirken, das wollen die an Band Aid Thirty beteiligten Stars natürlich vor allem für sich selbst. Rein zufällig haben fast alle beteiligten „Künstler“ gerade neue Alben am Start, bei Cro gibt es eine iTunes-Aktion und was Ina Müller macht, will ich eigentlich gar nicht wissen. Irgendwas schlimmes zweifellos. An Ebola wird dieser Sog natürlich nichts ändern. Wie auch? Er wird nur dafür sorgen, dass sich ein paar völlig zu Unrecht prominente Musikbanausen in ihre Sessel zurücklehnen und ernsthaft überzeugt davon sind, etwas Gutes getan zu haben. Der einzige schwache Trost an diesem ganzen Albtraum ist, dass auch die neue englische Variante dank der Teilnahme von Bono, Chris Martin, Sinéad O’Connor oder One Direction zweifellos zu Ohrenkrebs führt. Und wer macht jetzt einen Song gegen Ohrenkrebs?

 

Könnte natürlich auch sein, dass sich Captain Ebola schon allein deswegen aus dem Geschehen zurückzieht, weil der unter anderem von Campino und Marteria geschriebene deutsche „Text“ so schlimm ist, dass die Menschheit darunter noch deutlich mehr leidet als unter diesem kleinen Virus. Hier die besten Textstellen:

„Endlich wieder Weihnachtszeit. Egal ob’s regnet oder schneit – wir treffen uns am Glühweinstand .“

„Kleine Jungs in Barcelona Shirts malen ihre Träume an die Wände – Es gibt so viel Zukunft, so viel Vielfalt in all den 54 Ländern .“

„Der Tod kennt keine Feiertage – Und schon ein Kuss kann tödlich sein.“

 

Wir hören jetzt besser auf. Wir Können nicht mehr. Hilfe! Irgendwer, bitte!