Fjort-Kontakt_Review

Leben ist, wenn man trotzdem lacht. Wenn man trotzdem liebt. Wenn man trotzdem seine schweren Beine aus dem Bett kriegt. Macht insgeheim zwar alles keinen Sinn, paar Jahrzehnte noch, dann ist es eh vorbei, plus/minus ein paar Jährchen. Das Meiste draus machen hat man ja meist schon aufgegeben, wenn man hoch motiviert nach der Uni doch nur auf der Straße landet oder seine dritte große Liebe zu Grabe getragen hat. Jetzt wär’s einfach schön, wenn es manchmal weniger weh tun würde und es auch noch möglich wäre, ohne eine Flasche Wein entspannt zu sein. Na gut, sagen wir zwei.

 

Ist noch Selbstmitleid da?

Bringt ja aber alles nix, das Lamentieren, verbraucht nur Sauerstoff, und der wird ja auch immer knapper. Real world problems sind deutlich größer als deine eigenen. Aber eben so verdammt weit weg. Und abstrakt. Hunger in Somalia? Wo zum Henker liegt das? Also schmort jeder in seinem eigenen Sud als Selbstmitleid, Zynismus, geplatzten Träumen und überheblicher Selbstüberschätzung. Zumindest, solange man die falsche Musik hört. Fjørt waren noch nie die falsche Musik.

Auch nicht auf ihrem zweiten Album „Kontakt“. Das ist mal wieder eines dieser Werke aus Deutschland, die dir auf diese einzigartige Weise in den Arsch treten, dass du nicht mal wütend darüber bist.

Auf eigenen Beinen
Fjørt lernen auf eigenen Beinen zu stehen…

Musik gegen Haikus

Klar könnte man jetzt argumentieren, die Band kommt aus Aachen und weiß deswegen besser als jeder andere von uns, was es bedeutet, in einem Loch festzusitzen. Aber anstatt Haikus auf Twitter darüber rauszuhauen oder sich einfach totzusaufen, machen die drei Boys lieber Musik. Ehrliche Musik, laute Musik, schroffe Musik, vor allem aber schöne Musik. Mit Herz, Hirn und Eiern. Post-Hardcore mochte man mal dazu gesagt haben, weil man immer noch nicht gemerkt hat, dass man Post- nicht einfach überall dranhängen kann.

Und ohne Post bliebe nur Hardcore, doch dafür gehen Fjørt auch auf „Kontakt“ viel zu dynamisch, melodisch, rockig, meinetwegen auch punkig zu Werke. Auch mit Emo hat das nichts zu tun, Gott bewahre. Man muss auch mal sein Herz ausschütten können, ohne sich gleich Kajal unter die wässrigen Augen zu schmieren.

Kontakt ist ein auf romantische Weise brachiales Album, eine Sezierung unseres zwischenmenschlichen Versagens. Da muss es bisweilen zur Sache gehen, das liegt in der Natur der Sache. Deshalb bohren sich in „Anthrazit“ metallische Riffs durch die Gicht aus Blastbeats und verzweifeltem Geschrei. Bisweilen braucht es aber auch Ruhe, elegische, gedankenverirrte, merkwürdig seelenvolle Ruhe. „Lichterloh“ mit seinen Pianos zum Beispiel. Zerbrechlich geradezu, kostbar, wie ein kostbarer Moment, von dem man weiß, dass er bald vorbei ist.

R2D2 Kotzen
Ich kotze… Also bin ich!?

Ein Brecherle in Ehren

„Am Ende des Tages wollten wir uns auskotzen“, hat die Band über dieses Album gesagt. Lässt man den Blick durch unser Land schweifen, würde es nicht wundern, wenn „Kontakt“ 876 Songs hätte. So viel kann man nämlich gar nicht kotzen. Na, ein paar weniger Songs tun’s natürlich auch. Die zeigen nicht mit dem Finger auf mich, dich, sich selbst oder den AfD-Demonstranten von nebenan, wie es derzeit die meisten sogenannten gesellschaftskritischen Künstler tun. Sie sagen einfach, was passiert, wenn Menschen kollidieren.

Ausnahmen machen da „Paroli“ und „Abgesang“, die eine eindeutigere politische Agenda haben und deswegen fast ein wenig störend in dieser bedrückend intinem Flutwelle deutschsprachiger Rockmusik wirken. Dann wiederum kann man rechtem Abschaum und minderbemittelten Fundamentalisten nicht oft genug den Krieg erklären… Oder?

Was Fjørt machen nimmt mit, macht betroffen. „Kontakt“ ist anders als „D’accord“, das lässt bei den ersten Durchläufen vielleicht dieses Gefühl der spontanen Selbstentzündung vermissen. Dafür wird es auf lange Sicht die Oberhand behalten. Das ist so sicher wie die nächste menschliche Tragödie.

 

[alert type=red ]!!! ACHTUNG !!!

Diese Meinung spiegelt nicht die professionelle Einschätzung des gesamten Baby-Teams wieder. Es gibt einen, der findet die Patte richtig flach und ziellos (und gibt nur 61%), wurde jedoch zum Schweigen gebracht. Mit frischer Lyoner und einer Flasche Bier… Schnauze jetzt, Fritzi. MfG, Le Baby [/alert]