[dropcap size=big]E[/dropcap]s stimmt wirklich, dass Marilyn Manson das Skelett eines vierjährigen chinesischen Mädchens bei sich zuhause rumstehen hat. Und ein wenig Zyklon B. Es ist allerdings völliger Quatsch, dass er auch Eva Brauns Handtasche besitzen soll. Er ist doch kein Unmensch! Ein Mensch im Übrigen schon, auch wenn das manchmal irgendwie nicht so wirkt. Allerdings ein ziemlich abgefuckter, um das mal mit einem hübschen Anglizismus zu umschreiben. Seine besten Tage liegen eben unbestreitbar hinter ihm, mittlerweile macht er eher von sich reden, wenn ihn irgendeine kranke Seele stümperhaft in ein Vergewaltigungsvideo mit Lana del Rey reingeschnitten hat oder er einen rechten White-Trash-Brutalo in „Sons of Anarchy“ mimt. Nun, seinen eigenen sinkenden Stern zu betrachten ist für jeden keine allzu hübsche Sache. Nicht wahr, FDP? Für einen narzisstischen, seelisch alles andere als stabilen und exzentrischen Künstler wie Marilyn Manson aber wahrscheinlich eine ausgewachsene Katastrophe.

 
Es folgte, was bei Männern in solch einem Fall gerne mal folgt: Eine Midlife Crisis, die ihn, frisch 46 geworden, erst von seiner feudalen Hollywood-Villa in ein karges Ein-Zimmer-Apartment und jetzt wieder in ein schickes, streng bewachtes Domizil in den Hollywood Hills geführt hat. Das Mädchenskelett war ihm bei seinen Umzügen natürlich immer ein treuer Begleiter, hohe Chartplatzierungen nicht. Seine Musik, muss ich sagen, hat mir allerdings niemals besser gefallen als in den letzten Jahren. Und sein neues Album „The Pale Emperor“ ist sogar so richtig geglückt, weil Manson endlich das Altern zulässt und als gereifter, erfahrener Großonkel des Bösen auftritt, der mehr Mädchen (und Brian Molkos) vernascht hat als die meisten von uns, der mehr Kokain durch Dollarnoten gezogen hat als alle Häschen von „Germany’s Next Topmodel“ gemeinsam und der mit seinen kritischen Texten und dem offenen Aufbegehren gegen den verfaulten Mythos Amerikas mehr als einmal an den richtigen Stellen angeeckt ist. Im Gespräch begegnet Marilyn Manson mir allerdings immer noch als enigmatischer Hexer, als „God of Fuck“, als okkulter Hohepriester, der mich mit Worten umgarnt und mit Blicken einschüchtert. Oh ja, Charisma hat er, der Mansons Marilyn, und davon nicht zu wenig. Dennoch habe ich das Gefühl, als er mir in der Bibliothek eines Berliner Privatclubs gegenübersitzt, dass er manchmal selbst nicht weiß, ob er das alles ernst meint oder über sein klischeehaftes Gebaren lachen sollte. Es ist das zweite Mal, das ich ihn zum Interview treffe. Das letzte fand in großer Runde in einer Suite am Potsdamer Platz statt, jetzt habe ich ihn allein für mich. Ganze 30 Minuten lang. „Willst Du einen Drink?“, seine erste Frage an mich, beantworte ich mit einem „Nein“. Das sei gut, meint er mit einem lausbübischen Lächeln, er habe die Drinks eh alle vergiftet. Ja, ist klar, Manson. Du hast allerhöchstens den Absinth, der deinen Namen trägt, verpanscht. Genießbar ist der nämlich nicht.

 

Du trinkst gerade einen Tee. Wieso eigentlich keinen Absinth, wie sich das gehört?

„Ich trinke keinen Absinth mehr, habe vor etwa sechs Wochen damit aufgehört. Allerdings hat das eher etwas mit Eitelkeit zu tun. Ich dachte zwar lange Zeit, dass Absinth mir dabei half, kreativer zu sein, tiefer zu gehen, doch auch das ist nicht zwangsläufig wahr. Natürlich habe ich nicht komplett aufgehört zu trinken, was für ein Unfug, den einige behaupten. Dem Absinth habe ich ja nur abgeschworen, weil ich immer viel zu viel Zucker hineinlöffelte und der nicht gut für meine Figur war. Jetzt trinke ich Wodka. Und das funktioniert auch.“

 

Obwohl die Wirkung einer Flasche Wodka ja durchaus eine andere ist als die des Absinths!?

„Durchaus, und das nicht unbedingt im negativen Sinne. Eines der ersten Bücher, die ich zu diesem Thema gelesen habe, war Jean Cocteaus „Opium“. Auch Absinth zählt zu den Opiaten, und Cocteau beschreibt, dass man unter Einfluss dieser Droge tonnenweise Ideen hat, aber nur wenige davon wirklich greifen kann.“

 

Galt das also auch für Deine letzten Werke, die weder in der Kritik noch in den Charts allzu gut wegkamen?

„Ja, das war die vorigen drei Alben praktisch Dauerzustand bei mir. Das war sehr frustrierend, kann ich Dir sagen. Ich hatte eine Menge guter Ideen, die ich partout nicht umsetzen konnte. Ich konnte sie einfach nicht zusammenbringen. Das ist diesmal anders. Das Album ist fokussiert, kondensiert und reduziert. Weniger ist mehr. Das erinnerte mich an meine ganz frühen Anfänge, als ich nicht zu viel Zeit mit Planung und Gedanken verschwendete. Ich wollte damals etwas erschaffen, das Chaos erzeugt. Ein Schisma, das wie ein Katalysator wirkt. Der dritte Akt in einem Drama – das bin ich. Das war schon immer ich. Bei meinen letzten Werken war es mir unmöglich zu sagen, in welchen Akt ich mich gerade befinde. „The Pale Emperor“ ist in dieser Hinsicht ein Neuanfang. Der zweite Tag eins. Der Prozess wurde vom selben Gefühl durchweht, das die Anfänge meiner Karriere heraufbeschwor. Ich sage endlich wieder das, was ich sagen will. Und habe zudem kein Label, das mir reinreden will.“

 

Mit Labels hattest Du in letzter Zeit tatsächlich weniger Glück.

„Zumindest immer dann, wenn es nicht so lief, wie sich das ein Label vorstellte, ja. Aber ich bin müde. Müde, mich beweisen zu müssen, müde, meine Ideen durchzuboxen. Es ist mir völlig egal, ob mich jemand respektiert oder nicht, doch ich muss mich selbst respektieren können. Dafür werde ich aufstehen und kämpfen, dafür stehe und auch und damit lege ich mich nicht an. Wenn Du dich damit anlegst, steckst Du in großen Schwierigkeiten. Ich habe gute Freunde bei den Hell’s Angels.“

 

Dann beenden wir das Gespräch jetzt lieber…

„Muss nicht sein. Die sitzen ja alle in Amerika. Derzeit.“

 

Du warst lange Zeit der Rock-Staatsfeind Nummer eins. Mittlerweile schockt ein Marilyn Manson niemanden mehr.

„Das sollte heutzutage eigentlich mehr der Fall sein denn je. Ich habe da diese Sache herausgefunden …“

 

Welche Sache?

„Das mag jetzt wirklich paranormal und abgedroschen klingen, doch Robert, der das Album gemixt hat, war früher Astrophysiker und hatte diesen Frequenzmesser in seinem Studio stehen. Als er das Album mixte, rief er mich zu sich und zeigte mir ein Muster meiner Stimme auf dem Frequenzmesser. Und so wahr ich hier sitze: Mein Stimmmuster ergab ein Pentagramm! Er verglich meine Stimme mit dem sehr raren Tritonus, der früher von der Kirche als Ton des Teufels verboten worden war. Mozart wurde vorgeworfen, dass seine Musik das menschliche Bedürfnis von Religion auslöschte. Und das ist bei meiner Stimme auch so. Sie hat eine Wirkung. Und wenn du dich auf gewisse Töne oder Frequenzen einlässt, wird „The Pale Emperor“ zu etwas Magischen, zur Essenz dessen, was Robert Johnson mit seinem „Cross Road Blues“ ausgedrückt hat. An dieser Weggabelung muss man sich entscheiden, ob man Faust oder Mephistopheles ist.

 

Und was bist du?

„Ich bin beides. Ich machte vor langer Zeit einen Deal mit dem Teufel, hielt aber meinen Teil der Abmachung nie ein. Lange waren die Höllenhunde hinter mir her, doch mit diesem Album begleiche ich meine Schuld.“

 

Okay. Wir sind verwirrt. Und wir lassen ab sofort im eine Kerze in der Redaktion brennen. Sicher ist sicher! Amen.