Ghostface-Killah-36-Seasons

[dropcap size=big]W[/dropcap]er bitte behauptet, dass ein guter Film (Prinz) Pi mal Daumen plus minus 90 Minuten haben muss?! Genau: Nur diejenigen, die so viel Plan haben wie ein Reisebus mit integrierter Wünschelrute. Der geistergesichtige Mörder braucht sage und schreibe läppische 40:15 Minuten, um ein kleines, aber feines Epos zu erschaffen, dass sich den Weg in euer euch innewohnendes Kino namens Vorstellungskraft bahnt und von dort auf die in euren Augäpfeln angepinnte Leinwand projiziert wird.  Mit diesem schmucken Gangster-Flick beweist der wortgewandte „Wu Tang“-Member ein weiteres Mal seine Ausnahmestellung unter den Storytellern des Genres. Allein schon der Titel „36 Seasons“  trägt ein ungemein poetisches Potential in sich.

Jeder andere hätte wahrscheinlich irgendeine Sülze mit so und so vielen Jahren und/oder Monaten abgesondert, aber nicht unser allseits geschätzter Ghostface Killah: Neun Mal der Ablauf der Jahreszeiten, ein immer wiederkehrender Zyklus von Erwachen, Blühen und Absterben, der trotz seines Zirkulierens für eine unaufhaltsame Weiterentwicklung sorgt. Das Gleiche ist immer anders … wo bin ich, was bin ich, bin ich überhaupt?! Genug Kleber für heute geschnüffelt, zurück zum Wesentlichen. Vorhang auf, Tony Starks Geschichte geht endlich weiter. Und wie!

 

Du altes Arschloch, lebst Du denn auch noch?

Popcorn oder Nachos mit dreifach Käsedip zur Hand und flott auf Play gedrückt, let’s get it started! Begeben wir uns in die Welt des ominösen Tony Starks, der aus welchem Grund auch immer für sage und schreibe neun Jahre wie von der Bildfläche verschluckt war, aber urplötzlich wieder putzmunter auf der Matte steht. Pssst, nicht so laut mit dem Knabbergebäck! Bitte jetzt den Fokus aufs Zuhören legen, sonst wird das nix mit dem Eintauchen in diese auditive Story from da Streets in 14 Kapiteln bzw. Anspielstationen.

Wirft man vorab einen Blick auf die Producer-Liste, kann man schon erahnen, welches musikalische Klangbild einen auf der Reise begleitet. Trap? Vergiss es! Crap? Niemals! The Revelations saßen durchgehend an den Reglern, was für ein homogenes Ganzes sorgt, und es bleibt einem nicht verborgen, welcher Ära der jüngeren Musikgeschichte sie huldigen. Wir müssen ein paar Schritte zurückgehen, weit bevor die meisten von uns vom flüssigen zum teilweise festen Aggregatszustand transformierten. Die Mannen um Tre Williams holen die späten Sechziger und frühen Siebziger zurück auf unsere Smartphones und iPads, präsentieren uns diesen vielschichtigen Soul, über dem immer ein Nebel der Vergänglichkeit und Melancholie hängt. Dieser Soul, der uns nicht einfach nur wie Tiere rammeln lässt, sondern uns dazu antreibt, mit Schweißperlen auf der Lippe sweet, sweet and passionate lovin’ zu maken als ob es wortwörtlich kein morgen gäbe.

Zombie Gif
Meeeeeensch, lebst Du denn auch noch!? Ich dachte schon Du wärst tot!

 

Schatz, hast Du zufällig meinen Hammer gesehen?

Gleich am Anfang stellt der erste Track „Battlefield“ klar: Das Leben ist weder aus Zuckerwatte, noch ist es eine Einrichtung, in der man das professionelle Pony-Reiten erlernen kann. Eigentlich sind die Protagonisten müde vom jahrelangen Kämpfen, dem täglichen Struggle, aber Ghostface Killah, Kool G Rap und AZ (eine Feature-Kombi, die den Rap-Connaisseur mit der Zunge schnalzen lässt) sind sich einig: „I want respect, these streets was my playground one“. Also flink raus da und den jungen Spunden zeigen, wo der Hammer hängt. Zuvor aber schnell noch bei der nach neun Jahren latent vernachlässigten Dame des Hauses, Bamboo, vorbeischauen und – oh, Überraschung! – sie hat nicht auf einen gewartet, hier wohnt die Liebe nicht mehr, trällert sie in Person von Kandace Springs. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass der patriarchische Starks tatsächlich davon ausging, seine Lady würde sich in neun langen Jahren ohne einen einzigen Anruf keinen neuen Macker anlachen. Siehste, times do change!

Aber steppen wir aus der Door in die Hood. Knochentrockene Drums unterlegen schonungslos knallhartes Prinzip, das da wäre: „Loyalty“ steht über allem, kommt der Auftrag, wird er ausgeführt, was auch immer von einem verlangt wird. Nur so macht man sich einen Namen, hat letztendlich eine Chance zu demjenigen zu werden, der die Befehle erteilt. Schön ist auch zu sehen, wie jeder harte Hund zwei Kriegsschauplätze gleichzeitig zu bewältigen hat. Da ist natürlich einerseits das Kräftemessen draußen in den Straßenschluchten, den Clubs und Bars, ein Drahtseilakt, ständig hin und her gerissen sein zwischen „Tun was getan werden muss“ und „Ich muss es hier raus schaffen“. Und dann haben wir andererseits die zweite Schlacht, die mit der besseren Hälfte geschlagen werden muss, grandios vertont in „It’s a Thin Line Between Love and Hate“. Ergebnis: Die Frauen sitzen am längeren Hebel. Punkt. Das haben schließlich auch schon Jungspunde wie I Salute kapiert.

Polizei Gif
Mach die dumme Sau fertig. Der hat mich nachgeäfft!

 

Liebster Herr Polizist, büdde nich‘ schießen!

Auf Tracks wie „The Dog’s of War“, „Homicide“ oder „Blood In The Streets“ malen Ghostface Killah und Co. den irrsinnigen Teufelskreis der Gewalt präzise mit blutrot auf den Schlagloch-gespickten Teer. Anstatt sich gegenseitig zu helfen, den anderen mit hochzuziehen, die Community aufzubauen, bekriegt man sich, erschießt den anderen, bietet all den unsäglichen Rechtspopulisten bestes Futter für ihre Hasstiraden. Der einzelne kann hier nur wenig ausrichten, keine Chance, die Stimme zu erheben und ein Bewusstsein für die Schieflage zu etablieren. Jeder Aufruf geht unter im dröhnenden Kugelhagel, korrupte Cops tun ihr Übriges dazu. Und dann spannt er auf „Double Cross“ auch noch gekonnt den Bogen zur aktuellen Diskussion rund um das Thema Polizeibrutalität. Das Ganze kommt so unaufgeregt und glasklar daher, dass es diesen wunden Punkt des US-amerikanischen Traums in all seiner Hässlichkeit bravourös bloßstellt. So bravourös, dass der Part hier zitiert werden MUSS:

I seen the police pull up, and rides hopped out
Put your hands behind your back, you’re guilty without a doubt
What you mean, son? We built on this
Illegal chokeholds, slap cuffs on my wrist
I don’t know what you talking about, boy, I’m the authority
I’m just here to question up minority
A thug drug pusher, violent man of deception
And you just happen to fit the description.

Aberaberaber, Herr Rezensent, wie geht die Geschichte denn jetzt aus? Überlebt Tony den gnadenlosen Hustle auf den noch gnadenloseren Straßen von Staten Island? Finden er und seine Herzensdame trotz all der Widrigkeiten wieder zueinander? Und wieso liegt da eigentlich Stroh? Tja, wir wollen hier mal nicht spoilern wie ein aufgetuneter Honda Civic, deswegen kann man jedem nur halbwegs klar denkenden Rap-Liebhaber wärmstens ans Herz legen, die letzten beiden Tracks „Call My Name“ und „I Love You For All Seasons“ mit nem guten Tropfen im Glas vor dem flackernden Kaminfeuer zu genießen.

P.S. Und wer danach nicht auf repeat all drückt, hat Hip Hop nicht verstanden…3Plusss Voice.