[dropcap size=big]Z[/dropcap]unächst mal will ich Missverständnissen vorbeugen, die durch den Titel dieses schicken Artikels entstehen könnten: Nein, ich mag Unheilig nicht. Ganz und gar nicht. Ein Unheilig-Album vom ersten bis zum letzten Ton durchzuhören, wie es mein Beruf manchmal schon erfordert hat, rangiert bei mir gleich hinter Nasenhaare mit der Pinzette zu entfernen, schlechten Wein zu trinken und einer Folge Dschungelcamp. Deshalb soll es hier auch nicht um die Musik gehen. Allerhöchstens als erquickende und hoffnungsvoll stimmende Randbemerkung, dass mit „Gipfelstürmer“ jetzt endlich das letzte Unheilig-Album erschienen ist. Und wir diese furchtbare Musik nach endlosen Abschiedstourneen (die lederhäutigen Scorpions haben es vorgemacht) in naher Zukunft tatsächlich los sind. Dann muss nur noch Andrea Berg einsehen, dass sie eine hässliche Frau im Körper eines noch hässlicheren Mannes ist und sich nach Nowosibirsk zurückziehen, ja, dann müssen nur noch ISIS, Cholera, Hunger und Fußballfans verschwinden – und die Welt wäre tatsächlich ein etwas besserer Ort. Zwar immer noch ein Ort, an dem Helene Fischer Stadien füllt und sich die Boybands der Neunziger ganz Zombie-like weigern, endlich wieder ins Grab zu steigen. Aber ein Anfang wäre getan. Euch habe ich natürlich auch nicht vergessen, Revolverheld. Um Euch kümmer ich mich später. Aufatmen könnt Ihr also vergessen.

 

„Haben Sie auch böse Kerzenständer?“

Jetzt aber erst mal zurück zu Unheilig. Zum Grafen. Wenn das fassungslose Kopfschütteln oder das unkontrollierte Gelächter ob dieses Bandnamens und Pseudonyms auf ein erträgliches Level herabgesunken ist, muss man nämlich attestieren: er ist schon ein verdammt cleverer Bock, dieser Bernd Graf. So heißt er zumindest laut BILD-Angaben. Und wenn wir im seriösen Journalismus eines gelernt haben, dann, dass BILD immer Recht hat. Halten wir fest: ja, er macht furchtbare, entsetzlich schmierige, pathetische, zielgerichtet massentauglich produzierte Musik, die so austauschbar ist wie der dicken Hintern in Rap-Videos. Aber wisst Ihr was? Damals noch, tief in der Gothic-Szene der Neunziger, gab es Unheilig auch schon. Und die Musik klang damals schon so grässlich. Ohne die Pop-Produktion, ohne Kinderchor und pseudoreligiöse Botschaften vielleicht. Aber ebenso schmalzig wie ein Vesperbrett auf der Alm. Und so ungesund. Die Gruftis fanden das damals so richtig geil, feierten ihren Grafen mit den Kontaktlinsen, dem Sp-sp-sp-Sprachfehler und den IKEA-Kerzenständern auf der Bühne nach allen Regeln der, ähem, Kunst ab. Naja, wie Gruftis eben so sind. Die Musik kann noch so scheiße sein: Solange der Typ auf der Bühne faschistoid oder wie eine groteske Karikatur eines Tim-Burton-Helden aussieht, wird abgefeiert. Erbärmlich.

 

Individualität, wo hast Du Dich versteckt?

Fand wohl auch der Graf, weshalb er die erste Chance ergriff, diesem Moloch an seelenloser Uniformität unter dem Deckmantel der Individualität, diesem Sammelbecken gescheiterter und talentloser Freaks zu entfliehen. Klappte gut: Mit „Große Freiheit“ legte er ein Album vor, das länger als jedes andere an der Spitze der Charts stand. Sogar länger als Herbert Grönemeyers „Ö“. Und da wurde sie natürlich laut, die Gothic-Szene, beschimpfte ihn, bezichtigte ihn des Ausverkaufs, sprach ihm über Nacht jegliches Recht ab, „einer von ihnen“ zu sein. Das kommt zunächst mal natürlich einem Ritterschlag gleich, zeigt aber exemplarisch, wie wenig diese Szene nachdenkt. Wie schon gesagt, die Produktion ist poppiger, die Themen lebensbejahender, ansonsten war das aber ein typisches Unheilig-Album. Aufregung kam auch von Bands aus dieser dollen Szene: Von And One zum Beispiel, angeführt vom unangenehmen und völlig zu Unrecht arroganten Steve Naghavi. Der schimpfte erst, ließ sich dann aber von Unheilig als Support einladen. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Selbstachtung.

 

Der Bernd bleibt der Bernd

Und der Bernd? DJ Bobo hat mir mal gesagt. „Der Bobo bleibt der Bobo“ Und das trifft auch hier zu: Der Bernd ist eigentlich stets der Alte geblieben. Ganz im Ernst. Ich kenne den Typen seit über zehn Jahren, und er hat sich keinen Deut geändert. Seine Musik zwar leider auch nicht, aber das ist okay. Wichtiger ist die Tatsache, dass er sich nicht verbogen hat, um diese krassen Erfolge einzufahren. Dass das Versagern und Möchtegernkünstlern nicht schmeckt, ist mir völlig klar. Dass es jeder von ihnen genau so gemacht hätte, natürlich auch. Jetzt bringt er sein letztes Album raus und wird danach wahrscheinlich als Produzent tätig werden. Das heißt zwar, dass wir auch in Zukunft nicht vor furchtbarer Musik bewahrt werden können. Aber das wäre auch ohne ihn der F-f-f-f-all. Und allein um die lächerlichen Befindlichkeiten der Gothic-Szene ein letztes Mal so richtig hochkochen zu sehen, wünsche ich mir, dass der Unheilig-Abschied „Gipfelstürmer“ erfolgreicher wird als alles andere. Auch wenn das bedeutet, dass ich dann in den nächsten Wochen auf Schritt und tritt von dieser grausigen Musik begleitet werde. Aber einen Tod muss man nun mal sterben. Gell, Revolverheld?