[dropcap size=big]B[/dropcap]egreifen kann man das, was jetzt kommt, nicht. Erklären auch nicht. Zumindest nicht mit dem Kopf. Eher schon mit der Lendengegend, doch selbst da bleiben Fragen zurück, deren Beantwortung wohl selbst Supercomputer zum Abrauchen bringen und Stephen Hawking aus seinem Rollstuhl kippen lassen würde. Die Rede ist (natürlich) vom weltweiten Erfolg eines Realität gewordenen feuchten Traums pubertierender Pickelnerds und Trenchcoat tragender YouPorn-Premium-Abonnenten: Babymetal. Diese drei singenden Mädels eben, die der Fantasie eines Manga-Fetischisten entsprungen zu sein scheinen. Knappe Schuluniformen, wippende Brüste, schwarze Pferdeschwänze, quietschige Mädchenstimmen … das ganze bedenkliche Programm eben. Das ganze Programm? Weit gefehlt! Zu dem japanischem Idol-Rumgefiepe und den klebrig verkitschten J-Pop-Harmonien (die ja immer irgendwie so klingen wie abgehalfterter Italo-Pop mit Top-Produktion) knallt uns bei Babymetal eine lächerlich maskierte Begleitband harte Metal-Slams um die Ohren. Die klingen zwar wie Slipknot für ganz Arme und versuchen verzweifelt, jeden harten Rock-Trend der letzten 20 Jahre irgendwie für sich nutzbar zu machen, bringen aber dennoch eine dermaßen abgefahrene WTF-Komponente ins Spiel, die sich in der Tragweite auch nur ein durchgeknallter Japaner ausdenken kann. Ich meine, in Japan gibt es sogar eine Band, die nur aus Robotern besteht. Verstörend findet das da drüben dennoch niemand!

 

Katzenvideos mit schönen Titten?

Ich kann ihn mir schon vorstellen, den kleinen, dünnen, immer noch wie ein 16-jähriger Junge aussehende Japaner mit der modischen Brille, dem Kurzhaarschnitt, dem adretten Hemd und der Designeruhr. Wie er im Büro einer riesigen japanischen Plattenfirma im 35. Stock eines Tokioer Megahochhauses sitzt, im Aquarium drei Dutzend Koi-Karpfen, an den Wänden die wohl quietschbuntesten Auszeichnungen der Musikindustrie. „Ich hab‘ da eine Superidee“, meint er in akzentfreiem japanisch. „Wie wäre es, wenn wir drei wahllose Bräute nehmen, ihnen ein paar unserer kitschigen Songs auf den Leib schneidern und völlig unsinnig Metalcore-Riffs und laute Drums dazu gießen wie Sojasoße auf unser Essen?“ Ein paar Minuten später geht er mit einigen Säcken voller Yen in seinen Wohnquadratmeter nach Hause. Babymetal sind geboren. Und schaffen es viel zu schnell, viel zu weit zu kommen. Cuteness overload eben, da bricht das Internet zusammen. Wie bei Katzenvideos.

 

„Komm, Ken, wir gehen auf ne Swingerparty!“

Okay, der Erfolg in Japan war vorprogrammiert, das haben wir schon verstanden. Wer schon mal durch Tokios Epileppi-Straßenschluchten getaumelt ist, wer schon mal japanisches Musikfernsehen gesehen hat oder weiß, wie der Manga-Fan an sich so denkt, wenn niemand anwesend ist, der wundert sich mal gar nicht über den Erfolg dreier Mädels, die einerseits genau in sein (abseits vom PayTV natürlich unerreichbares) Beuteschema passen und durch ihre künstlich generierte und völlig unglaubwürdige Affinität zu Heavy Metal andererseits Toughness signalisieren sollen. Süß und trotzdem hart, Baby, wie wär’s? Ein bisschen also wie eine Fetisch-Gothic-Barbie, die Ken an die Leine genommen hat und gerade im Sexshop vor dem Regal mit den Plugs steht. Japan, das ist nun mal ein Land, das in solchen Dingend derart far out ist, dass es eigentlich auch auf dem Jupiter liegen könnte.

 

Pedobear is watching you

Warum aber beginnen jetzt immer mehr Menschen, von Babymetal Notiz zu nehmen? Von einem artifiziellen Produkt, dessen Bandname auf derart dämliche Weise entstanden ist, dass man die Strippenziehern in den Schatten der Musikindustrie einmal mehr vollkommene Hirnlosigkeit attestieren kann: Auf japanisch reinen sich die Worte für Metal und Baby. Aber wenn man auch den Pedobear unter den Käufern abholen will, ist ein Name wie Babymetal plötzlich eine ganz großartige Idee. Was wir nämlich noch gar nicht erwähnt haben: Als das Projekt 2010 Wirklichkeit wurde, waren die drei agierenden Mädels sportliche elf bis 13 Jahre alt. Wahnsinnskonzept! Mittlerweile ist die älteste von ihnen, „Su-Metal“, auch schon 17, da wird es von den Pedobear mittlerweile ganz schön eng. Nicht doppeldeutig verstehen!

 

[highlight ]Die ungesunde Fixierung auf ein moralisch bedenkliches Klischee, für das sich Japan schämen sollte[/highlight]

 

Eine fragwürdige Wichsvorlage!

Und plötzlich, ganz plötzlich boten die Schulmädchen auch im Rest der Welt eine mehr als fragwürdige Wichsvorlage. Sie spielten beim Sonisphere mit Bands wie Iron Maiden – obwohl sie vor der Gründung von Babymetal nicht mal wussten, was genau Heavy Metal eigentlich ist und die kleine Yuimetal in einem Interview sogar mal zugab, Angst vor dieser Musik zu haben. Aaaaw … isn’t that cute? Ein gefundenes Fressen natürlich auch für Lady Gaga, die die Japanerinnen fünf ihrer „Artpop“-Spektakel eröffnen ließ. Das alles, wohlgemerkt, mir gerade mal einem Album auf dem Markt. Nachschub gibt es für Babymetal-Fans (natürlich nur aufgrund der Musik) seit dieser Woche – „Live At Budokan“, die bereits dritte Live-Veröffentlichung der Gören. Wundert es da noch, dass der visuelle Aspekt wichtiger ist als die Musik? Natürlich nicht, und das allein ist ja alles andere als schlimm und als Phänomen in der ganzen Popmusik bekannt. Schlimm ist hier allerhöchstens die ungesunde Fixierung auf ein moralisch bedenkliches Klischee, für das sich Japan schämen sollte und das durch Babymetal zu allem Überfluss jetzt auch zu uns schwappt. Dann vielleicht doch lieber Slayer. Die sind zwar hässlich, haben aber immerhin keine Ekel im Publikum, die zwischendrin verdächtig lang auf der Toilette verschwinden. Und wenn doch, hat das eher was mit Jägermeister zu tun als mit knappen Röckchen.