[dropcap size=big]W[/dropcap]äre die Popmusik eine Episode von „Game of Thrones“, dann wäre Madonna eine gestürzte Königin, die es immer noch nicht wahrhaben will, keine Macht mehr zu haben. Die vor Wut, Angst und Frustration schäumend um jeden Preis versuchen würde, den Eisernen Thron wiederzuerobern. Und die dafür auch nicht dafür zurückschreckt, Intrigen zu spinnen und erfolgreiche Aufsteiger für ihre Sache zu gewinnen. Das Problem ist nur: das Rennen ist längst gelaufen, die Achtziger sind vorbei, die Mauer ist dank David Hasselhoff gefallen – und Madonna ist eben schon längst keine Königin mehr. Winter is coming.

 

Queen of Pop. Schöner Name, zugegeben. Und in den Achtzigern gewiss völlig zurecht dauerhaft an Madonnas Revers geheftet. Aber heute, nun ja, heute sieht die Sache natürlich etwas anders aus. Madonnas Fotografen brauchen für ihre Photoshop-Magie mittlerweile wahrscheinlich länger als sie selbst zum Aufnehmen eines Albums, aus der Queen of Pop ist mittlerweile so etwas wie eine zunehmend gegen die Bedeutungslosigkeit ankämpfende Grandmother of Pop geworden. Von der affigen Peinlichkeit und unerträglichen Affektiertheit einer Nena ist sie natürlich immer noch weit entfernt, auch ist ihr ganz großer Fall noch nicht gekommen. Dennoch sollte sich Madonna mit ihren reifen 56 so langsam aber sicher fragen, wie lange sie ihr Spiel von Jugendwahn und Körperkult noch durchziehen will, wie lange sie noch mit aller Macht eine Rolle spielen will, wie lange sie noch zwanghaft Vorbild, Impulsgeber sein will.

 

Der ADAC der mittelmäßigen Popmusik

Der Ruf, der bröckelt nämlich so langsam. Das zeigt sich an „Rebel Heart“ so überdeutlich wie nie zuvor. Allein die Riege an Produzenten und Feature-Artists verdeutlicht auf einen Blick, von wem Madonna hier den Karren aus dem Dreck ziehen lässt: Kanye West, Nicky Minaj, Chance The Rapper. Stilikonen, Jugendhelden, Tonangeber eben. Schafft sie es nicht mehr ohne die Hilfe derjenigen, die heutzutage wirklich etwas zu sagen haben? Zumindest scheint sie sich selbst nicht mehr genug zuzutrauen, um es ohne diese Konsens-Rückendeckung zu schaffen. Sie ist eine Ikone, natürlich ist sie das, eine Gallionsfigur der sexuellen Freiheit, jemand, der das Popkulturbewusstsein der Achtziger so sehr geprägt hat wie sonst nur Michael Jackson.

Ein völlig leerer, langweiliger und uninspirierter 4/4-Stampfer wie „Living For Love“ als Opener für das mit großen Worten „Rebel Heart“ getaufte Album zu wählen, ist dann aber doch so ernüchternd wie die Erkenntnis, dass man nur noch alkoholfreies Bier im Kühlschrank hat.

 

Zu viele Songwriter-Köche versauen die Pampe!

Wenn die vielen Köche auf Madonnas neuem Album zu etwas geführt haben, dann zu einer völlig kruden Pampe. „Devil Prey“ ist der einerseits niedliche, andererseits aber vor allem lästerliche Versuch, einen auf Country zu machen, „Iconic“ wird auch durch Mike Tyson (!) nicht zu einem guten Rap-Song. Dubstep darf natürlich auch nicht fehlen – ungeachtet der Tatsache, dass dieses Genre so durch ist wie wie Pete Doherty. Ebenso wenig wie sich Madonna auf eine rote Linie in Sachen Musik entscheiden kann und lieber mal alles mitnimmt, was in den drei Jahren seit ihrem letzten Album „MDNA“ irgendwie chartaffin war, kann sie sich auch nicht entscheiden, ob sie ihr früheres Leben jetzt lieber verteufelt oder glorifiziert.

Um Sex und Drogen, um Liebe, Herzschmerz und Exzesse geht es hier in fast jedem Song. Aber eben mal schwarz und mal weiß, mal Engelchen und mal Teufelchen. So klingt nur jemand, der seiner Vergangenheit hinterherweint und dennoch in der Öffentlichkeit um jeden Preis als gereifte Persönlichkeit rüberkommen will, die ihr Alter genießt. Sonst würde sie nicht so nervtötend oft über ihren Arsch reden. Und ist diese Objektivierung nicht eigentlich auch genau das, wogegen sie so gerne wettert? Madonna, das wandelnde Paradoxon.

 
Im Prinzip hätte sie die Musik längst an den Nagel hängen sollen. Ganz ohne Schaden kommt sie nämlich schon jetzt nicht mehr aus der Nummer raus. Noch ist es allerdings in einem erträglichen Rahmen, also bleibt nur zu hoffen, dass sie bei ihrer kommenden Tournee noch mal ordentlich Geld scheffelt und sich dann auf ihre Fitnessstudiokette konzentriert. „Rebel Heart“ ist schwach und blass, aber nicht völlig desaströs. So glimpflich geht das kein zweites Mal aus, Omi. Geh lieber, solange es noch Zeit ist. Hast genug getan.