Human-Abfall-Form-und-Zweck-Review

Stuttgart hat keine Post Punk Szene. Da können sich die gescheiterten Intellektuellen der etablierten Ihr-seid-sowieso-bald-tot-Medien noch so oft die einsamen Wurstfingerchen dran wund schreiben. Drei, maximal vier Bands, von denen die Hälfte ziemlich einfältig daherwummert, machen noch lange keine Szene aus. Nein, Dummerle. Stuttgart hat Feinstaub. Stuttgart hat Schwaben. Stuttgart hat ganz schön beschissene Clubs. Aber Stuttgart hat Bacon.

 

Flavio Bacon, um genau zu sein. Die griesgrämige, ironische Verkörperung des postmodernen, pseudo-philosophischen Schlulterzuckens der zusehends aussterbenden Wannabe-Bohème, die mit Fremdworten um sich wirft und für Blogs schreibt, die irgendwas mit Baby heißen. Um sich scharrt der mürrisch rumstehende Beamtendeutsche ein paar nette junge Herren mit Instrumenten, die sich dann Human Abfall nennen.

Mit Tanztee von Unten haben jene im Jahre 2014 ein ziemlich duftes Debütalbum vorgelegt, das Post-Punk mit Dada-Kunst verbindet und die Spex-Schreiberlinge vor die Herausforderung stellte, die Verwortung jener Musik so aussehen zu lassen, als hätten sie verstanden, was das eigentlich soll.

Bacon Gif
Danke. Für alles!

Atzenjammer.

Zwei Jahre später wirft sich Form und Zweck nun ins Bauhaus-Design-Dirndl, um dem Veröffentlichungsreigen nett gekleidet beizuwohnen. Und verleiht seinem Auftreten mit dem Eau de Milberg noch jenen guten Ton, den in Stuttgart eh jeder hat. Und bereits die ersten Töne dieser Platte lassen uns die Koks-Line vergessen, die wir uns während der Fabrikation von Kritiken üblicherweise gönnen.

Denn anstatt rauschiger Lärm-Passagen umfliegen uns Surf-Riffs, Rhythmen mit Hip-Hop-Anleihen und poppig-melancholische Melodiebögen. Während sich zu den eintönig gebellten Text-Zeilen kleine Gefühlsausbrüche gesellen. Was in seiner zynischen Scheißdrauf-Haltung ohne weiteres als Soundtrack für den nächsten Tarantino durchgehen könnte.

Ja hat die Isis denn jetzt schon wieder eine Bombe gezündet? Ist unser Feierabendland denn vor nichts mehr sicher? Ja, Herrgott, ist das Hochverrat?

 

Sein Groove eilt ihm voraus.

Nein, Dummerle. Das ist genau jenes Kunstwerk, das den übrigen Post-Punk-Persiflagen, die sich ihre Genre-Grenzen wie einen Penisring um die eigene Weiterentwicklung schnüren, nicht gelingt. Das ist genau jenes Kunstwerk, das diesem hasserfüllten Autor ein paar positive Worte mittels antiperistaltischer Erleichterung entlockt.

Denn Form und Zweck ist das konsequente Weiterdenken des eigenen Horizonts. Die bitterbösen, reduzierten Bacon’schen Texte fangen all jene Gefühlsregungen ein, die all die Katastrophen auslösen, die das einst so fest verankert scheinende Europa in seinen Grundfesten erschüttern.

Und Ost bis West droht, der größten Idiotie der Menschheit, dem Nationalismus, erneut zu verfallen, während sich das bisschen Form von Kultur und Geisteshaltung, das einst die ideologischen Grenzen unseres alten Kontinents beschrieb, in Turbo-Entertainment und inzestuöser Selbstreferenzierung verliert.

Katze
Was ist das nur für 1 Life?

Siechendes Nuttenlächeln.

Mit in ihrer Einfachheit geradezu stupide wirkenden, doch gleichsam genial einschlagenden Übergängen und Wiederholungs-Hooks vereinen sie sich zu einer Platte, die die Ambivalenz unserer dahinsiechenden Gesellschaft auf den Punkt bringt. Die Angst vor der ungreifbar wirkenden Technik der Zukunft und das gleichzeitig sinnlose Rückbesinnen auf Analoges, Damaliges, Vergangenes. Die Suche nach Sinn und Einfachheit ob der ständig zunehmenden und komplexer werdenden Welt.

Das ständige Lächeln, das uns entweder aus der künstlichen Welt der Werbung oder der latenten und daher genauso schlimmen Form der Prostitution, der Instagram-Selbstinszenierung, entgegenfliegt. Was im krassen Gegensatz zur allgegenwärtigen Verrohung der Sitten steht. Und dann natürlich ein kleines bisschen Herzschmerz, weil schon wieder eine Beziehung scheitern musste.

 

Lauschgift.

Form und Zweck enthält sich dem Urteil, was richtig und was falsch ist, sondern hält unserer in den Tode tanzenden Kultur das wunderschön geschminkte, doch entsetzlich zu Tode operierte Spiegelbild hin. Und liefert den punkig-dissonanten und poppig-eingängigen Soundtrack für die Generation „Why the fuck is this actually possible?“

Meine Damen und Herren, seien Sie doch mal wieder cool und hören Sie sich das an.