Erst abgöttisch geliebt, dann fallen gelassen wie eine leere Bierdose. Ja, Metaller können so herzlos sein wie ein unbedarfter Moskau-Urlauber, der Organräubern in die Hände fällt. In Flames hat es auch erwischt. Einst schwedisch, aggressiv, melodisch… und zu Beginn der Neunziger mitverantwortlich, dass Melodic Death Metal überhaupt erst erfunden wurde. Ihr wisst schon, die Mucke eben, die jede Metalcore-Band als Haupteinfluss hat ohne es zuzugeben. Könnte ja Kiddies kosten. Das, was Pressemenschen in der Folgezeit unangenehmerweise gern mal „Elchtod“ nannten, gibt es heute nicht mehr. In Flames schon. Seht ihr? Das ist auch schon des Pudels Kern.

In Flames haben sich also tatsächlich erdreistet, nicht 20 Jahre lang auf der Stelle zu treten. Das ging mal gut (2002, mit dem herausragenden „Reroute To Remain“) und mal schief, wie auf dem fürchterlich existentialistisch angehauchten und von mehr als einer Midlife Crisis durchwehten „Sounds Of A Playground Fading“. Das ist drei Jahre her und gehört bis heute unter den Teppich gekehrt.

 

Vorab entschuldigen zählt nicht!

Jetzt kommt eben „Siren Charms“, immerhin die elfte Scheibe. Der Albumtitel ist platt, ausgelutscht und bemüht – geschenkt. Die Entstehungsgeschichte klingt wie eine Band, die sich verzweifelt neu erfinden will und damit bereits offen zugibt, sich in eine kreative Sackgasse manövriert zu haben. Was tut man also? Man verkauft das bandeigene Studio (WTF?), siedelt nach Berlin über, mietet sich in ein legendäres Studio ein (ihr wisst schon, Hansa Studio. David Bowie und so) und beschwert sich in der Folgezeit, für die Aufnahmen nur halb so viel Zeit gehabt zu haben wie sonst. Äh, what?

Das klingt nicht nur wie eine bereits im Vorfeld abgesetzte Entschuldigung für ein halbgares Album. Das soll sie auch sein: „Siren’s Charms“ setzt sich nämlich klassisch zwischen die Stühle. Schon der Opener, „In Plain View“, bindet verzweifelt melodische Death-Metal-Leadgitarren in die Chose ein, könnte sich aber allein auf seine starken Melodien und die einnehmende Produktion verlassen. Verschenkt.

 

Kann man sich Melodien tätowieren lassen?

Doch man höre und staune: Was In Flames in der Mitte des Albums machen, ist pure Magie. Auf den Refrain von „Through Oblivion“ fahre ich so dermaßen ab, dass ich mir die Melodie am liebsten tätowieren lassen würde, wenn das ginge. In Notenform vielleicht? Mal sehen. Noch geiler ist nämlich eigentlich „When The World Explodes“. Anders Friden gibt im Refrain den Crooner und hat irgendeine Dame mit herrlicher Stimme dabei. Ja, an der Stelle kommt der „Murder Ballad“-Vergleich, wenn auch eher im Sinne von Ville Valos „Summer Wine“-Interpretation, den er einst mit der schicken Natalia Avelon einsang. Mmmh, Wein.

Den mag Sänger Anders auch, außerdem zeigt er hier mal wieder ganz eindrucksvoll, dass er niemals der beste Sänger der Welt werden wird. Trotzdem ist er in der Lage, Emotionen mit seiner Stimme zu kanalisieren. Wut und Verbitterung vor allem. Sei’s drum, mir ist das ja lieber als Eunuchengejaule oder glattgebügelte Popsternchen. Und es passt irgendwie auch zu seinem Bart. Da kann man also wirklich nur den Hut ziehen – oder könnte man, wenn In Flames nicht gegen Ende alles wieder kaputt machen würden.

Die Single (!) „Rusted Nail“ klingt, als hätten In Flames zwei Riffs eines ihrer vielen mittelmäßigen Songs übrig gehabt und ihn mit Teilen vermischt, die sie in den Schubladen des Studios gefunden haben. „Dead Eyes“ schunkelt fürchterlich, könnte auch einwandfrei von ’ner Teenie-Pop Band voller pubertärer Frauen interpretiert werden. Nur, dass es da mehr zu gaffen gäbe. Doof, dass Freud und Leid manchmal so nah beieinander liegen müssen.

 

Die hässlichen Geißeln der Vergangenheit

Da haben sich ein paar Schweden nicht getraut, ihrer Vergangenheit gehörig in die Arsch zu treten, und sich lieber auf einen Kompromiss eingelassen. Der geht völlig in Ordnung. Ich für meinen Teil hätte mir aber lieber eine Band angehört, die den vielleicht größten Schritt ihrer Karriere macht. Aber da kommen wieder die Metaller ins Spiel. Und die wollte man offensichtlich nicht vergraulen. Da konnte also auch der Geist von David Bowie nichts reißen. Ob Metaller eigentlich auch was gegen den haben?