Als seien sie einst aus den hellblausten Wolkenfronten herabgestiegen, uns Menschen die Schönheit allen Seins zu zeigen. Mit all ihren komplexen Facetten, bunten Flimmereien und brachialen Urgewalten. Agent Fresco heißen diese jungen Götter der Muse Musik. Aus dem schrill-schrägen Inselstaat Island mit seinen atemberaubenden Landschaften stammen diese vier Grenzgänger, zweifelsohne die schillerndste Erscheinung im modernen, technisch versierten Rock. Ihre Musik gleicht einer Achterbahnfahrt durchs Schlaraffenland. Schwanengesänge fegen leichtfüßig über verschrobenste Mathrock-Rhythmen, alles löst sich auf, zerspringt und findet doch wieder in gewaltigen Explosionen von Euphorie zusammen. Die Entstehung von Planeten. Agent Fresco haben ihre eigenen Universen geschaffen. Und sind dabei – wie sollte es anders sein – Bescheidenheiten in Person. Also war es für die Babys ein Leichtes, spontan nach ihrer Show in Hamburg ein Interview klarzumachen. Oh, ihr nahbaren Engelsgestalten, womit haben wir das verdient. Wir können doch nicht mal eure Namen aussprechen! Das sind so zungenbrecherische wie Arnór Dan Arnarson und Þórarinn Guðnason. So zungenbrecherisch eben, wie das, was Sänger Arnór Dan da in ihren himmlischen Hymnen vom Stapel lässt.

 

Wie sind Agent Fresco auf die Welt gekommen?

Arnór Dan: 2008 haben wir als Witz angefangen, für einen Musikwettbewerb in Island. Dann haben wir den aber gewonnen und gedacht: Vielleicht könnte daraus ja was werden. Einen Song spielten wir da, der ist auf unserem ersten Album: „Above These City Lights“. Den haben wir in den ersten zwei Wochen als Band geschrieben.

 

Kanntet ihr euch vorher also schon?

Arnór Dan: Ja, Hrafnkell (Örn Guðjónsson – Drummer) und ich sind Freunde seit dem Kindergarten. Erst hatten wir einen anderen Bassisten. Wir alle waren in einer Musikschule.

 

Aber krasse Entscheidung, einfach so eine Band zu gründen – so etwas verändert das Leben für immer.

Arnór Dan: Definitiv. Es ist die Leidenschaft. Etwas, für das wir viel Zeit, Energie und Emotionen entwickelt haben. Es ist schön, das wachsen zu sehen wie wir eben gleichsam als Freunde und Profis in der Musikszene wachsen. Verrückt, darüber nachzudenken, wo wir angefangen haben und wo wir jetzt sind. Wir spielen vor Bands wie Katatonia, Muse und den Deftones. Das ist irre. Solch eine Ehre.

 

Ist die isländische Bevölkerung wirklich so familiär wie alle denken?

Þórarinn: In der Musikszene in Island stehen alle in sehr gutem Kontakt zueinander und sind vollintegriert. Jeder arbeitet zusammen. Wir können Shows mit Hip Hop- und Electronic-Acts spielen und niemand würde das als Fusion-Ding bezeichnen. Niemand will hier vier Bands an einem Abend hören, die alle gleich klingen. Ich glaube, das findet außerhalb Islands nicht so oft statt.

 

Ihr spielt perfekte Live-Sets und du singst deine wahnsinnigen Wirbelwind-Melodien auf den Punkt, Arnór. Ihr wart doch Profis von Anfang an, oder?

Arnór Dan: Wir haben sehr viel gespielt, gar nicht so viel geprobt. Erst dieses Jahr fühle ich mich extrem bereit und in sehr guter Verfassung. Wir fordern uns selbst. Ich bin froh, dass du denkst, ich singe haargenau. Aber das Ziel von Musik ist die Live-Erfahrung. Es geht mehr um die Energie und die Verbindung zu den Leuten. Manchmal können wir das kontrollieren, dann wieder nicht.

 

Seid ihr immer noch eine DIY-Band?

Arnór Dan: Lange mussten wir alles selbst machen. Þórarinn hat sich viel mit der Tontechnik für unsere erste EP und unser erstes Album beschäftigt. Wir haben alle Social Media in unserer Hand, das Image unserer Band. Für die Videos arbeite ich immer sehr eng mit den Regisseuren zusammen.  Natürlich gibt es auch keinen, der ins Studio kommt und sagt, wir sollten den Song in die oder jene Richtung bringen. Wir haben die Kontrolle über fast alles.

 

Euer Image ist ein sehr persönliches – wie man im „Wait For Me“-Video sehen kann.

Arnór Dan: Ja, der Song ist über meine Familie. Darüber, wie ich all das zur Seite schiebe, um mich auf die Musik zu konzentrieren. Dafür lebe ich in Island mit meinen Jungs, meine Familie ist in Dänemark. Manche Tage sind echt hart. Sie haben Kinder da drüben, meine Nichten und Neffen, die ich nicht so oft sehe wie ich eigentlich wollen würde. Der Song handelt davon, dass ich sicher wiederkehre irgendwann. Aber jetzt verfolge ich meine Träume in einem anderen Land. Ich habe also an all die Videokassetten gedacht, die mein Vater aufgezeichnet hat. Ich habe mich nur auf die ersten fünf Jahre gestürzt, nachdem wir nach Dänemark gezogen sind – die Unschuld und wie ein neues Leben aufgebaut wird. Das wollte ich mit der Musik vermitteln.

 

Wie schwer ist es, all diese intimen Details mit anderen Menschen zu teilen?

Arnór Dan: Für mich ist die Frage echt seltsam. Weil es das einzige ist, das ich von Musik kenne. Darum ist Musik in meinem Leben, sie ist schon immer persönlich gewesen… Musik ist ein enger Freund. Ich weiß nicht, wie ich Lieder ohne persönliche Gedanken und Gefühle schreiben sollte. Das wäre Zeitverschwendung, jenes Konzept verstehe ich nicht. So denke ich zumindest…

 

Das ist leicht gesagt, wenn man Musik schreibt. Aber sie mit all den persönlichen Notizen auch jede Nacht zu performen?

Arnór Dan: Das macht die Energie auf der Bühne wett. Dass ich über den Verlust meines Vaters [in „Eyes Of A Cloud Catcher“] singe, ist nicht dazu gedacht, die Stimmung zu kippen. Es soll gefeiert werden. Anstatt zu denken: alles geht den Bach runter, oder an die Gefühle zu denken, die man selbst oder seine Familie dann durchzustehen hat… Der Punkt ist: sich zu erinnern, weiterzumachen und das zu feiern, was am wichtigsten ist. Und das ist der Moment, den wir jetzt gerade erleben. In keinster Weise bin ich traurig auf der Bühne.

Ist das eine typische Charakterisierung für Isländer, dass sie das Leben mehr schätzen als sich darüber zu beschweren?

Arnór Dan: Ich glaube, ich beschwere mich ganz schön oft. Definitiv. [Unser neues Album] DESTRIER handelt viel vom Beschweren. Ich denke immer noch, dass wir in einer kalten, gleichgültigen und seltsamen Welt leben. Ich denke, wir entfernen uns voneinander, von der Natur und Dingen, die am wichtigsten sind.

 

Ist das auch nur ein Klischee, dass Isländer eng mit der Natur verbunden sind?

Arnór Dan: Ja, das ist ein Klischee.

Þórarinn: Es ist wirklich schön hier, aber wir sind hier schon unser ganzes Leben. Die menschliche Spezies ist sehr anpassungsfähig. Man kann sich an alles anpassen, egal was es ist. Wir bekommen die Frage oft gestellt, ob Natur uns beeinflusst. Nein, ich denke nicht wirklich.

 

Wirklich beeindruckend an eurer Musik ist, dass man kaum satt davon wird. Man könnte Stunden weiterhören.

Þórarinn: Das sind die Feinheiten. Unsere Musik nicht zu linear, statisch und zu wiederholend zu machen.

Arnór Dan: Laaangweilig.

Þórarinn: Nicht einfach kopieren und einfügen von dem, was schon da ist.

Arnór Dan: Das wollen wir nicht von Musik. Ich bin in einer luxuriösen Position. Þórarinn schreibt all die Instrumente und nimmt sie auf. Ich muss das dann nur noch interpretieren, meinen Weg durch diese wunderschönen Landschaften finden. Wir sind zwei Typen, die von anderen Polen kommen und uns in der Mitte treffen. Mit dem selben Ziel: versuchen, etwas einzigartiges und berührendes zu kreieren. Wir wollen Schönheit erforschen, Schönheit erschaffen.