Dass sich Iren gern mal den Barhocker übern Latz ziehen, ist kein Geheimnis. Nur dass dies allein wegen falscher Nachnamen geschieht, ist doch absonderlich. In Belfast reicht es schon aus, so-oder-so-religiös zu sein, um vom schemenhaften Chirurg an der Straßenecke eine gratis Kiefer-OP zu bekommen. Nachts um 1:77 Uhr, nach der Sperrstunde, versteht sich. Gibt eh nichts Brauchbares mehr in den Pubs, also irgendwas muss ja knallen. Sagen zumindest And So I Watch You From Afar, die gern von Bandenkriegen zwischen Protestanten und Katholiken berichten –  und wie man zu später Stund noch seine Sucht nach süßem Suff befriedigen kann. Also Vorsicht, liebe Grundschüler mit Hang zum Hartalk – hier wird ausgesprochen viel über Ausgebrochenes und feuchte Träume aller Alkoholiker gefuselt, äh, gefaselt. Iren halt. Die Babys heißen herzlich Jonathan Adger aka The Bearded Dragon und Niall Kennedy willkommen. Gute Menschen. 

 

Ihr wart überall in der Welt – warum ist Belfast besser als alle anderen Städte?

The Bearded Dragon: Es ist wunderschön, weil die meisten Leute, die wir lieben, da wohnen. Heimat. Ich lebe seit zwölf Jahren da, die anderen seit acht.

Niall: Wenn man da lebt, wird man krank davon. Aber wenn man auf Tour geht, vermisst man es schmerzlich.

 

Also dann, was ist so richtig scheiße an Belfast?

Niall: Die Bars schließen um halb eins! Das stinkt. Vor allem, wenn wir auf Tour gewohnt sind, bis 3 oder 5 Uhr zu feiern, und dann sind die in Belfast so strikt. Was noch?

The Bearded Dragon: Homophobie und Rassismus in manchen Gemeinden. Ich glaube, sich gegenseitig zu bekämpfen, hat sie gelangweilt. Also haben sie sich auf fremde Sprachen oder Hautfarben gestürzt.

 

 

Wenn die Pubs schließen, könnt ihr wenigstens wie jeder normale Mensch in der Öffentlichkeit saufen?

Niall: Wenn du es heimtückisch anstellst?

The Bearded Dragon: Es ist illegal.

Niall: Manchmal schütten wir Alkohol in andere Behälter und nehmen sie mit in den Park. Letztes Mal haben wir Smoothie-Becher mit Rotwein gefüllt und alle dachten, es wäre irgendein Beerensaft [lacht sich der Fuchs ins Fäustchen – die anerkennenden Babys].  

The Bearded Dragon: Ich habe mir einen Subway-Becher besorgt und ihn immer mit Bier gefüllt. Die Kids haben sich schon gewundert, warum der nie alle wird.

Niall: Wenn dich die Polizei aber erwischt, gibt es mächtig Ärger.

The Bearded Dragon: Ja, als wir das erste Mal in Berlin spielten, war nahe unseres Clubs ein Fast-Food-Laden. Ihr Fenster war offen, ich wollte mir ein billiges Bier holen und er öffnete es einfach! Ich: ‚Oh nein, nein.‘ Und er: ‚Es ist okay, solange du kein Ärger machst.‘

 

 

Welches Klischee über Belfast haut so überhaupt nicht hin?

Niall: Die Leprechauns! Es gibt sie nicht, auch kein Gold.

The Bearded Dragon: Dass die Iren gute Trinker sind, stimmt schon. Aber das mit den Kneipenschlägereien, das haut für den Großteil der Nation nicht hin.

 

 

Hand aufs Herz: Wie oft habt ihr euch denn im Pub geprügelt?

Niall: Nicht sehr oft. Wir würden eben nicht in die Gegenden gehen, wo es die gibt. Es gibt definitiv härtere Pflaster, die man in Belfast meidet. Wenn dein Nachname katholisch oder protestantisch ist, kann das Ärger bedeuten.

The Bearded Dragon: Belfast ist aufgeteilt in Nord (Mix), Ost (protestantisch), Süd und West (katholisch). Zwischen diesen gab es immer Unruheherde. Während des Nordirlandkonflikts [der von 1960 bis 1998 andauerte] zogen viele Menschen aus der Stadt, um ihre Sicherheit zu gewahren. Viele Häuser wurden billig an die Universität oder Entwickler verkauft. Dadurch wurden die Viertel mit Studenten und Kleinunternehmern geflutet, also schwächte das die Schlägereien ab. Aber es passiert immer noch.

 

 

Wo kann man am besten trinken, um zu vergessen?

Niall: Die Bars, in denen wir gespielt haben, als wir nach Belfast kamen: Laverys, The Bar With No Name, Limelight.

 

Laverys-Belfast
Im Laverys kann mans aushalten, meinen ASIWYFA…

 

Was macht ihr denn, wenn um halb Eins das Laverys dicht macht?

Niall: Wir gehen auf Hauspartys, die gibt es deswegen echt oft. Es gibt ein paar Bars, die es zwar nicht bewerben, aber nachts hinter der Bar noch ein paar Flaschen Schnaps verkaufen. Die nimmt man dann um 2 Uhr mit und hält die Tür geschlossen.

 

 

Feiert ihr auch in den alten Schlossruinen?

Niall: Nein, weil es wirklich sehr kalt ist. Als wir noch im Norden wohnten, haben wir so etwas tatsächlich öfter gemacht. Wir haben Generatoren mitgebracht, ein DJ hat aufgelegt und wir haben einfach gefeiert.

The Bearded Dragon: Wir sind an der Küste aufgewachsen, also gab es viele Strandpartys. Irgendwo, wo man es von der Straße nicht gesehen hat, wurde ein Feuer entfacht und alle spielten verrückt, tranken und versuchten, Mädchen anzugraben.

 

 

Ihr habt euch sicher schon mit deutschem Bier vergnügt. Im Vergleich dazu: Schmeckt Guinness da nicht kacke?

Niall: Nein, ich liebe Guinness einfach so sehr. Deutsches Bier auch, aber Guinness hat für mich immer einen ganz besonderen Platz im Herzen. Muttermilch.

The Bearded Dragon: Ich könnte es nicht die ganze Nacht trinken. Ich mag sehr kaltes, knackiges Lager. Davon habe ich so einige in den letzten fünf Wochen auf Tour vernichtet. Bei deutschem Bier musst du vorsichtig sein: Es ist zu einfach, sehr starkes Bier zu trinken, das dich total fertig macht. Manchmal gucke ich auf die Flasche und denke: ‚Whooaaaa es hat acht Prozent, ich bin doch nur drei gewohnt!‘. Bescheuert, bevor ich spiele.

 

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Wie probt’s sich in einer alten Leinenfabrik?

The Bearded Dragon: Wir haben echt Glück, viele unserer Freunde haben eine kleine Box, wo man Gesicht an Gesicht steht. Wir haben Platz und sogar zwei große Fenster, die Licht und Luft reinlassen. Wir wollten ganze Arbeitstage einführen, 9 bis 17 Uhr. Das hat sich aber schnell zu 13 bis 19 Uhr oder 21 Uhr verschoben.

Niall: Vor Jahren haben wir ihn mit einer anderen Band geteilt. Sie brachten eine Couch und Mikrowelle mit, das war cool. Nur immer, wenn wir auf Tour waren, bekamen wir vom Vermieter einen Anruf, dass wir seit drei Monaten nicht bezahlt hätten. Dabei haben wir das Geld der anderen Band gegeben. Also hat der Vermieter alles aus dem Raum rausgeschmissen. Zum Glück war das meiste Zeug nicht unseres.

 

 

Nerven euch nicht die vielen Backpacker in Belfast?

The Bearded Dragon: Es ist schön, dass Belfast ein Reiseziel geworden ist.

Niall: Besonders seit ‚Game of Thrones‘. Jetzt haben sie diese Touren mit den kleinen Bussen, die einen zu all den Orten bringen, wo es gefilmt wurde. Das ist riesig für Belfast und Irland, ‚Game of Thrones‘ ist massiv. Es ist aber auch lustig: Es gibt wunderschöne Orte, wo wir aufwuchsen, die jetzt mit Schildern gekennzeichnet sind: ‚Game of Thrones wurde hier gedreht.‘ Jetzt ist es ein Touristenmagnet, vorher war es unser wunderschönes Geheimnis.

The Bearded Dragon: Tourismus macht den Staat flüssig.

Niall: Wir sind auf Tour fast immer Ausländer. Wenn wir zurückkommen, haben wir also mehr Empathie für sie.

 

 

Wie viele Schattierungen von Grün könnt ihr unterscheiden?

Niall: Haha, ich weiß es nicht.

The Bearded Dragon: Ich sehe gerade fünf an den Bäumen.

 

Wenn ihr nicht gerade Pony reitet, was ist eure liebste Sportart in Belfast?

Beide: Ich verfolge keinen Sport.

The Bearded Dragon: Was ist groß in Belfast? Es wurde gerade eine Indoor-Hockey-Arena gebaut. Belfast hatte ein Eishockey-Team für über zehn Jahre.

Niall: Da sind zwar nur Russen und Kanadier drin, aber naja, haha.

The Bearded Dragon: Aber wir sind ja sehr trainiert, wir könnten alles machen. Niall hat starke Tennisarme.

Niall: Tischtennis.

The Bearded Dragon: Beer Pong.

 

 

Auf was freut ihr Euch am meisten, wenn ihr von einer Tour zurückkommt?

Niall: Viele würden jetzt sagen, unsere Freunde sehen. Ich sage es so: XBox spielen, haha. Das habe ich seit sechs Wochen nicht. Ich will mich echt gern hinsetzen, ‚Grand Theft Auto 5‘ oder ‚Call of Duty‘ anmachen und paar Dudes killen *ratatatataa

The Bearded Dragon: Bei mir waren es auch immer Freunde und Familie. Seit acht Monaten habe ich jetzt aber eine Tochter und freue mich echt auf sie. Das ist eine lahme Antwort, ich weiß. Sie fängt jetzt aber an zu krabbeln. Ich muss meine Ärmel hochkrempeln und wieder Vater sein.  In den ersten 36 Stunden nach der Tour werde ich aber eh nur mein Bett sehen. Wenn du nach Hause kommst, versuchst du, so lange wie möglich am Stück zu schlafen. Wieder aufladen.