Spaß beiseite. Fällt uns schwer, muss aber manchmal sein. Wenn uns jemand erklären will, dass er ja eigentlich nichts gegen Flüchtlinge hat, aber… Oder wenn uns jemand erklären will, dass er ja eigentlich nichts gegen Bier hat, aber… Wir finden beides dufte, sind aber natürlich eh nicht zurechnungsgfähig und verbringen unsere Tage in der Russenhocke, während die Welt an uns vorüberzieht. Billy Talent kennen die Russenhocke nicht. Billy Talent kennen überhaupt eine ganze Menge nicht. Weil sie aus Kanada kommen. Allerdings ändern sich die Zeiten sogar im Land der Holzfäller und Ahornsirupfabriken. Mehr und mehr Amis fliehen vor Drumpf über die Grenze, bringen blöderweise auch ihre Waffen und ihre Hirnlosigkeit mit. „Afraid Of Heights“ greift das alles auf, ist so laut, direkt und anti, wie es die Kanada-Punks schon in den Neunzigern waren. Da gerät Aaron Solowoniuks Erkrankung fast in den Hintergrund. Fast. Wir Babys sind natürlich besorgt und erkundigen uns bei Basser Jonathan Gallant erst mal nach dem Drummer.

 

Wie gehts Aaron?

Er tut, was er kann, um wieder auf die Beine zu kommen. Als es mit Aarons Gesundheit bergab ging, zogen dunkle Wolken für uns auf. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Das Album war im Grunde fertig geschrieben, die Texte standen, die Drums waren programmiert, aber nicht aufgenommen. Wir standen kurz davor, ins Studio zu gehen, als Aaron die Band verlassen musste. Das war eine verdammt schwere Zeit, lange wussten wir nicht, ob er in naher Zukunft zurückkommen würde. Wir mussten uns also entscheiden, ob wir ein weiteres Jahr warteten oder einfach weitermachten. Er beschwor uns, weiterzumachen, wollte wirklich, dass wir dieses Album ohne ihn aufnehmen. So war es entschieden.

 

 

„Es waren vier lange und harte Jahre.“

 

 

Wie fühlt sich die Rückkehr unter diesen Umständen an?

Es waren vier lange und harte Jahre. Ich meine, wir stecken immer noch mittendrin in unseren Problemen, doch gerade deswegen tut es so gut, jetzt mit diesem Album zurückzukehren. Für mich ist dieses Album ein Meisterwerk und ein Zeugnis unseres Willens, mit starken Songs, die eine deutliche Sprache stecken.

 

Was für eine Band hörst du, wenn du „Afraid Of Heights“ hörst?

Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Doch wenn ich das Album höre, sehe ich die Reise, die wir hinter uns haben. Ich höre Mitgefühl, Ausdauer und Mut, höre aber auch andere Menschen als die, die wir heute sind. Themen wie Empathie und Veränderung kommen nicht das erste Mal bei uns vor, wurden aber noch nie derart offen und schonungslos behandelt.

 

Und wie fühlt sich die Band ohne ihn an?

Jordan [Hastings – Ersatztrommeltier und enger Buddy – die informierten Babys] ist ein unglaublicher Mensch und ein enger Freund. Er verstand die Situation sofort und machte es uns wirklich sehr leicht. Selbst ich, der in der Band am meisten Zeit mit Aaron verbringt und mit dem ich auf Tour immer meine kleinen Spielchen durchgezogen habe, fühle mich sehr wohl mit ihm in der Band. Dennoch merke ich, dass ich immer noch all unsere kleinen Routinen durchziehe und dann plötzlich feststelle, dass er fehlt. Das ist ein seltsames Gefühl.

 

 

„Angst habe ich um meine Kinder“

 

 

Das Album ist ziemlich aufgebracht und aktuell, greift den politischen Wahnsinn aber auch mit Humor auf. Wovor hast du in Zeiten wie diesen am meisten Angst?

Mal abgesehen von Ängsten wie der, lebendig begraben zu werden? Gut, die meiste Angst habe ich um meine Kinder. Ich hoffe, dass sie in einer mitfühlenden Welt aufwachsen, in der man sich umeinander kümmert und in der Empathie kein Fremdwort ist. Doch die Richtung, in die sich unsere Gesellschaft bewegt, wird durch Donald Drumpf oder eure AfD äußerst bedenklich [gewiss nicht unsere – die Anti-Babys]. Das bringt mehr und mehr Amis und Waffen in unser Land, das darf doch einfach nicht wahr sein! Also versuche ich, mit gutem Beispiel voranzugehen und einfach ein guter Mensch zu sein, Höflich sein, die Tür aufhalten, anderen Menschen helfen. Wenn jeder versuchen würde, ein wenig besser zu sein, wäre das ein toller Anfang. Oder wir bauen halt auch eine Grenzmauer wie sie Drumpf will. Nur höher.