Wenn Caliban-Sänger Andy Dörner ein Messer in der Hand hält, dann will er in See stechen. Er hat auch immer leere Flaschen im Kühlschrank, falls sein Besuch nichts trinken will; friert heißes Wasser ein, wenn er zuviel gekocht hat und holt bei Stromausfall ein Kilo Watt. Hahaha, Ostfriesen sind so witzig. Naja, sieht Andy anders. Als zugezogen Maskuliner muss sich Calibans Monster-Organ mit den dünnen Beinchen in der kleinen Gemeinde Neukamperfehn im hohen Norden über Wasser halten. Ebbe und Flut tun ihm ganz gut, doch Krawall und Heavy Metal gibt’s an keiner Ecke. Geprägt ist sein 1.500-Einwohner-Nest von Trostlosigkeit, Gartenarbeit und einer einzelnen Eckkneipe. Die Babys machen mit Andy einen Rundgang durch die Ödnis.

 

Was ist so richtig scheiße an Neukamperfehn bei Leer?

Scheiße ist die Busverbindung. Weil ich kein Autofahrer bin, bin ich auf Bus und Bahn angewiesen. Bei uns fährt nur der Schulbus – quasi früh und nachmittags der letzte. Deswegen bin ich immer auf meine Frau angewiesen, dass sie mich zum Bahnhof fährt, wenn ich arbeiten muss.

 

Und was ist geil an Neukamperfehn?

Die Ruhe. Die Natur. Wir haben einen großen Garten, wo ich mich betätigen kann [Apocalyptica betitelten dies als größtes Heavy-Metal-Hobby – die allwissenden Babys]. Ich verbringe meine meiste Freizeit im Garten, muss viele Äste und Hecken schneiden, Rasen mähen, im Herbst viel Laub fegen. Wir haben viele Obstbäume und viel Gemüse in Gewächshäusern. Bei Kartoffeln musst Du auf Bodenschichten achten, die pflanzen wir bald an. Im Sommer sind wir relativ gut durch Tomaten, Gurken und Salat versorgt.

Garten_Caliban
Ja, doch. Man kann sie sich bildlich vorstellen, wie sie selbstzufrieden durch das wohlige Grün growlen…

Wie weit musst Du fahren, um Konzerte zu sehen?

Auch ein Problem: Das Nächste, wo alle Bands spielen, ist Hamburg. Das sind rund 200 Kilometer, genau so, als würde ich zurück in den Pott fahren [Andy stammt aus Hattingen – die klugscheißenden Babys]. In Bremen – was näher ist – spielen nicht so viele Bands, die mich interessieren würden. Immer, wenn gute Bands spielen, bin ich aber selber unterwegs. Und wenn man Festivals mit den geilen Bands spielt, dann sind sie meist am anderen Tag da.

 

Kann man sich auf dem Land tätowieren lassen?

Nee. Ich bin ja eh nicht tätowiert, hab’ nur ein Minitattoo, das ich mir mit 18 Jahren stechen ließ. Ich finde Tattoos an anderen geil, kann mich aber selbst nicht entscheiden beziehungsweise entscheide mich zu oft um. Ich würde das bereuen. Bei uns in der Gegend ist keiner besonders gut. Ich war damals bei Seven Star Tattoo in Bochum. Der macht aber mehr mit Masken, Asia-Style. Ich kenne mich da aber echt nicht gut aus.

 

Wo geht man in Ostfriesland mit Kumpels einen draufmachen?

In Leer gibt’s das Zollhaus, das ist eine Art Großraumdisco. Nur war ich da noch nicht, da ist mehr Gothic-Party. Ich gehe kaum raus, war noch nicht einmal da feiern. Wir gehen meist zu Freunden auf Partys. In Leer ist noch so eine Rockkneipe, so’ne kleine Klitsche [Szenerie heißt der Bums – die topinformierten Babys]. Ich leb’ mich auf den Shows und Touren aus, zu Hause ist mein Ruhepol. Klar feiere ich noch, verabrede mich nur nicht mehr um 22 Uhr für die Disco.

Szenerie_Leer
Hier können Caliban einfach mal Mensch sein, weil Gothics wollen sie ja nicht: Im Szenerie in Leer.

Und wohin führst Du Deine Frau aus in Neukamperfehn?

Nirgends! Da ist nichts. Nur die Eckkneipe mit der Kegelbahn. Wenn ich meine Frau ausführe, gehe ich entweder ins kroatische Steakhouse-Restaurant oder zum netten Spanier Tapas essen. Ich war 15 Jahre Vegetarier, aber seit fünf Jahren nicht mehr. Meine Frau war’s nie, irgendwann war mir das zu viel, für drei Leute kochen und so. Es war klar für mich, dass ich meine Tochter nicht vegetarisch ernähren würde. Im Aufbau ist das für die Knochen wichtig, auch wenn mir jetzt viele widersprechen werden. Ich esse jetzt gezielter Fleisch. Das ist das Coole auf dem Land. Da hast du deinen Dorfmetzger und bist auf der sicheren Seite, dass du keiner Massentierhaltung verfällst. Du weißt, das ist Fleisch auf relativ humaner Basis [also Menschenfleisch? – die verwirrten Babys]. Wir essen nicht viel Fleisch, in der Woche vielleicht zwei Tage, sonst Gemüse.

 

Klingt ja nach einem echten Hot Spot der guten Laune, dein Neukamperfehn, Andy. Naja, andere haben nicht mal ein Dach über dem Kopf und du ein Gewächshaus. Solange also keiner mit Steinen wirft…

Bilder: stocksnap