Funkelnd und frei wie ein Glühwürmchen. So schwirrt Conrad Keely durch die Welt. Als wäre da nur Dunkelheit, die er erleuchten müsse. Nicht greifbar und immer in Bewegung, so sind sie, die Künstler und das Feuer in ihren Herzen. Mit der schillernden Songsammlung „Original Machines““ stellt der …And You Will Know Us By The Trail Of Dead-Sänger und -Gitarrist sein erstes Soloalbum vor. Und das ist – natürlich – auf Reisen entstanden, auf seinem iPad. Wann immer dieses umtriebige Wesen durch kambodschanische Dschungel oder Reisfelder streift, mit dem Taxi aus seiner Wahlheimat Phnom Penh Richtung Flughafen fährt oder zu irgendeiner Tour auf der ganzen Welt jettet – stets hält Conrad die App GarageBand bereit. Dank der digitalen Instrumente hat er 24 leichtfüßige Lieder to go erschaffen. Was diese wundervolle Erscheinung aber überhaupt am südlichen Zipfel Asiens will, das erklärt Stadtführer Keely den Babys haargenau. Conrad weiß, wo das Herz der Hipster liegt, warum Penner ohne Beine so liebenswert sind und wo man am besten mal kein Rockstar sein kann: Phnom Penh, seine Heimat.

 

Wie ist die Welt, die dich im kambodschanischen Phnom Penh umgibt.

Viel Freiheit, weil keine Regeln – wie Verkehrsregelungen, allgemeiner Wahnsinn, du kommst mit allem davon. Das kann aber auch eine Herausforderung sein, Menschen mögen Regeln und Vorschriften. Hier halten sie plötzlich diesen Blankoscheck in den Händen, mit dem sie alles machen können. Wenn sie ausflippen, stoppt sie nichts und niemand. Für manche ist dies die goldene Mitte – ich, der aus dem Polizei dominierten Austin, Texas kommt, bin froh, davon weg zu sein.

 

Wie sind die Leute so in Phnom Penh?

Kambodschaner grinsen viel und sind sehr gastfreundlich.

 

Ehrlich jetzt? Oder ist das wie in Japan nur Höflichkeit?

Wo ist der Unterschied? Es gibt einen psychologischen Effekt beim Lächeln, der dich glücklicher macht. Ich denke, das ist weit gesünder für deine Emotionen anstatt allzeit finster dreinzuschauen. Kulturelle Finsternis gibt es in Russland und Polen, lustigerweise kommen viele Russen nach Kambodscha. Die kann man aus einer Meile Entfernung schon ausmachen. Allgemein hat Kambodscha eine sehr warme Kultur, die dich als Person feiert. Sofern sie nicht korrumpiert sind und dich verängstigen, um dir Geld abzunehmen. Die Allgemeinheit lädt dich aber schnell zu sich nach Hause ein und isst mit dir. Als Reisender schätzt man diese neuen Werte. Die schlimmen Winde in der Wüste haben Gastfreundschaft notwendig gemacht.

 

Wie sieht dort dein normaler Alltagsablauf aus?

Ich genieße es, zu trainieren, alles auszuschwitzen. Ich gehe ins Fitnessstudio oder schwimmen. Jede Woche spiele ich viele Open Mics. Vieles von der Musik, die ich in letzter Zeit schreibe und performe, kommt deshalb so leicht aus mir raus, weil ich dort so viel spiele, für das schlimmste Publikum überhaupt. Keiner achtet auf dich, jeder trinkt, raucht und redet. Niemand ist da, um der Musik zuzuhören. Es ist voll von Backpackern, die ihre Ferien ausleben. Als ich jetzt mit Anathema wieder in England spielte und ein voller Raum voll Menschen zuhörte, dachte ich: Wie großartig ist das denn?

The-Mansion-Instagram
Nein, das ist kein Crack-House, sondern Conrads Lieblingsladen in Phnom Penh „The Mansion“

Was ist der schönste Ort in Phnom Penh und warum liebst du ihn so?

Da gibt es einen Weg, der durch die Innenstadt zum Hafenviertel führt. Das ist mein Laufweg. Da gibt es Verkehr, Wahnsinn, Penner ohne Beine, weil sie Opfer von Landminen wurden. Straßenkinder, Touristen, Affen, viele kambodschanische Familien. Konstantes Leben also, Menschheit. Witzig ist: Vorher habe ich in Brooklyn, New York, gelebt, und bin jetzt nochmal hingefahren. Als ich dann durch Williamsburg gelaufen bin – das Herz der Hipster, sozusagen –, war das erste, was mir in den Sinn kam: Gott, dieser Ort ist so tot! Wo sind alle? Es ist so trostlos, niemand ist auf der Straße.  In Phnom Penh hast du auch Straßenverkäufer, die einfach überall Essen und Zeug anbieten. Menschen lungern an den Ecken rum. Ich habe mich echt gefragt: Was machen die den ganzen Tag? Sitzen einfach auf ihren Motorrädern rum – aber es sind die Motorradtaxis! Haha.

 

Manche Menschen mögen viele andere Menschen ja nicht unbedingt. Was nervt dich an Phnom Penh?

Ja, es ist intensiv. Und der Lärm kann hektisch sein. Das Schöne ist aber: Es ist wirklich leicht, dem zu entfliehen. Eine halbe Meile entfernt ist der Fluss, für 10 Cent kannst du die Fähre nehmen, die dich auf die andere Seite bringt. Dann bist du in der Provinz – Kühe, Pferde, Reisplätzchen. Es ist wunderschön, dort Fahrrad zu fahren. Am Wochenende fahre ich zum Kampot.  

 

Wie ist das Essen in Phnom Penh?

International. Du bekommst großartiges italienisches Essen oder französisches, weil es mal eine französische Kolonie war. Langsam tröpfeln Burger King, KFC und Pizza Hut rein. Es gibt aber noch kein Starbucks! Da muss man nach Bangkok reisen. Typisch kambodschanisch sind Barbecues . Man stellt sogar die Suppe unter den Grill und legt das Barbecue oben drüber. Fischcurry ist auch typisch. Und dann die seltsamen, kleinen Snacks. Sehr populär sind unreife Mangos, in Salz gedippt. Nicht mein Geschmack, manche Dinge mögen Kambodschaner einfach, aber auch nur sie. Nicht mal Thailänder würden das essen. Das Essen dort ist aber immer eine Erfahrung. Und in den großen westlichen Städten wie Austin, Texas, prahlen sie damit, wie viele Restaurants sie haben – ich habe noch keine Stadt in Asien gesehen, wo es so viele Restaurants und vor allem Straßenverkäufe gibt. Du musst nie weit laufen, um etwas zu finden.

Anmerkung: Leider falsch: nach dem Interview eröffnete dieses alles verschlingende Monstrum des Kapitalismus in Keelys Wahlheimat!

Well it finally had to happen. Starbucks has arrived in Cambodia.

Ein von Conrad Keely (@conradkeely) gepostetes Foto am

 

Ist auch nicht teuer, oder?

Kommt drauf an, was du ausgeben willst. Wenn du in der brandneuen Mall 50 US Dollar für verrückte Sachen ausgeben willst, kannst du das machen. Einen Dollar gibt man normalerweise für sein Frühstück aus Reis, Schwein und einem Ei aus.

 

Wie kommst du durch den Verkehrswahnsinn?

Ich bevorzuge mein Motorrad. Aber ich habe auch ein Fahrrad, damit ist es sicherer, weil du nicht auf dieser Maschine sitzt, die dich vielleicht töten könnte. Ich hatte ein paar Unfälle, aber nie mit Geschwindigkeit und nie war jemand anderes beteiligt – außer meiner Dummheit. Mit einem fremden Motorrad habe ich die Bremse gezogen und das Ding warf mich ab. Ich bin gerade mal zehn Meilen die Stunde gefahren, das hat schon wehgetan! Aber der Verkehr ist dort langsam, friedlich und geduldig, nicht so wie hier.

 

Meidest du manche Orte in Phnom Penh?

Ähm, nicht in dem Sinne von Gefahr. Ich meide manche Orte, weil sie langweilig sind. Viele fahren zu diesem ’netten‘ Städtchen Kaeb. Ich denke, das ist der langweiligste Ort auf dem ganzen Planeten.

 

Auf welche Rockkonzerte gehst du da so?

Es gibt dort keine Rock’n’Roll-Konzerte! Es gibt gar keine Konzerte, hahahahaha. Ich spiele ab und zu, ja, aber das sind nur kleine Clubs. Wenn du ein Konzert willst, musst du nach Thailand oder findest vielleicht eins in Vietnam. Soweit ich weiß, gibt es kein Konzert in dem Sinne, wie wir es kennen. Dengue Fever kamen vorbei. Die Kambodschaner haben sonst Veranstaltungen, die ähnlich wie Konzerte sind. Das sind aber eher Karaoke-Stars, die Werbung für Telefongesellschaften machen, total kommerziell.

Conrad-Keely-(@conradkeely)_IgittBaby
Früher noch Groupies, Drogen und Festivalbühnen…Heute: das!

 

Also kein guter Ort, um Rockstar zu sein?

Es ist ein guter Ort, kein Rockstar zu sein. [hier haben sich die Babys kurz vor Lachen ins Höschen gemacht, sorry Bro – die nassen Babys] Das Leben dort ist meine Auszeit. Wenn ich von Tour komme, wo ich einen Monat lang Konzerte gespielt habe, will ich nicht gleich wieder auf ein Konzert gehen. Ich will einfach am Fluss sitzen und Gras rauchen.

 

In “Looking For Anchors” spielst du mit großen Worten: „you could be anyone, anything at all“. Ist dir das warme Klima zu Kopf gestiegen oder meinst du das ernst?

In Indochino bin ich von sehr vielen Menschen umgeben, die auf Reisen Seelensuche betreiben, alles zurücklassen und andere Bedeutungen ihres Lebens erforschen wollen. Sie wollen ihre Identität neu erfinden, sich irgendwo verankern. Das reflektiert meinen Sinn vom Selbst. Weil ich selbst nicht weiß, an welchen Ort ich gehöre. Ich fühle mich heimisch an vielen Orten, auch hier in Berlin, aber ebenso in England, wo meine Familie lebt, oder in Austin, Texas, USA. Ich habe nur nie die Notwendigkeit gefühlt, dort für allzu lange Zeit zu bleiben. Dabei denke ich mittlerweile, ich müsste mich langsam binden, um mein Buch zu beenden. Ich kann nicht weiter rumreisen und an einem Roman arbeiten, das ist unmöglich.

 

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