Interview: Drangsal flucht nur auf pfälzisch! #meinblock

"Drangsal sein WWW" ist nicht das World Wide Web, sondern Weck, Worscht un Woi. Alla hopp, enner geht noch!...
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Max Gruber. Mit diesem Namen wird man kein Popstar. Allerhöchstens einer dieser verweichlichten Singer/Songwriter, die denken, ein Pädagogikstudium, eine Nuschelfresse und hässliche Wollpullis würden für eine Karriere reichen. Max Gruber ist aber keiner von dieser unerträglichen Sorte, also gibt er seinem Projekt den hübsch beunruhigenden Namen Drangsal. Max Gruber kommt aus Herxheim. Mit dieser Herkunft aus einem kleinen Pfalz-Kaff wird man kein Popstar. Allerhöchstens einer dieser traurigen Gitarristen, die mit schütterem Haar auf Weinfesten in Coverbands spielen. Max Gruber ist aber keiner von dieser unerträglichen Sorte, also zieht er nach Berlin. Weil er aber eben doch Max Gruber heißt und ein waschechter Pfälzer ist, lassen wir den Intros und Visions des Landes, mit ihm über tiefgründig reflektierte Themen, Post Punk, Wave und Düsternis zu sprechen. Klar, sein frisch erschienenes Debüt „Harieschaim“ ist der Shit, wie wir ja hier schon verlauten ließen. Aber er ist halt Pfälzer, verdammt, also sprechen wir auch über die Pfalz. Sein WWW ist nicht das World Wide Web, sondern Weck, Worscht un Woi. Alla hopp, enner geht noch!

 

Was ist Heimat?

Da wo meine Eltern sind. So dumm das klingt.

 

Und Herxheim?

Was Herxheim angeht, bin ich in letzter Zeit etwas säuerlich geworden. Ich dachte immer, das sei ein Ort, an dem keine schlimmen Dinge passieren. Damals konnte ich hier rumlaufen wie die letzte Zecke und wurde nicht von irgendwelchen Faschos verklopft. Jetzt brannte schon zum zweiten Mal ein Flüchtlingsheim. Das macht den Heimatbegriff zu einem geschundenen. Mir war klar, dass es die saufenden, dummen AfD-Wähler gibt; mir war nur nicht klar, dass die auch wissen, wie man ein Feuerzeug bedient. Ich denke also lieber an meiner Eltern und daran, wie meine Mama kocht und mein Papa seltsamen Kram in seiner Garage sammelt.

 

Hat sich das geändert, seit du in Berlin lebst?

In meinem ersten Jahr in Berlin war ich sehr verwirrt. Ich litt nicht direkt unter Heimweh, war aber weder richtig hier noch dort. Heute wertschätze ich alles viel mehr, bekomme nach ein paar Tagen in der Heimat auch relativ bald wieder Fernweh. Wenn zur selben Zeit meine engen Freunde in Herxheim sind, ist das aber anders.

 

Die wohnen auch in Berlin?

Witzigerweise ja, sogar schräg gegenüber von mir. Eine Minute Fußweg. Das ist sehr schön, ein home away from home. Das ist der Grund, weshalb ich mich heute in Berlin so wohlfühle. Das war anders, als ich neu hier herzog. Ich war einsam, kannte keine Menschenseele, wurde von der Stadt erschlagen.

 

Du hast deinem ersten Album den Namen „Harieschaim“ gegeben, ein alter Name für Herxheim…

Herxheim klingt einfach nicht schön.

 

Was steckt dahinter?

Wie man auch an den Songtiteln merkt, mag ich archaische Begriffe. Die suchte ich mir nicht aus, sie schwirrten in mir herum. Mir gefällt der Gedanke, dass das Wort nichts in einem auslöst. Ein weißes Blatt Papier, bis man sich damit auseinandersetzt. Man steht einem solchen Titel emotional deutlich weniger vorbelastet gegenüber.

 

Beschreibe Herxheim.

Die Hauptstraße, die zur Kirche hochführt. Das Haus meiner Eltern. Die Häuser meiner Freunde. Ich gehe in meinem Kopf durch die leeren Straßen.

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Ja, doch, sehr inspirierend, die Herxheimer Architektur…

Wo hingst du rum?

Im Keller. Oder bei Freunden. Hauptsache nicht draußen. Draußen gab es nichts zu tun. Einmal im Jahr pilgerten 14.000 Menschen zum Sandbahnrennen nach Herxheim. Da wurde gesoffen bis zum Umfallen. Die Dorfjugend hat sich dann aufs Maul gehauen und die Alten mit langen Haaren, Halbglatze, Lederhose und Jeansjacke mit Whitesnake-Aufnäher standen am Getränkestand und soffen Schorle ohne Ende.

 

Welche Rolle spielte Herxheim für deine musikalische Entwicklung?

Keine direkte. Aber weil es wenig zu tun gab, begann ich schon früh, mich für Musik abseits des Mainstream zu interessieren. Mit neun besuchte ich mein erstes Konzert mit meinem Vater – Marilyn Manson. Das war aber natürlich weiter weg, hier gab es gar nix.

 

Bist du ein Dorfjunge?

You can take the boy out of Herxheim, but you can’t take Herxheim out of the boy. Aber natürlich war es sehr wichtig, dass ich Herxheim mit 18 Jahren verlassen habe – so schwierig es auch war.

 

Babbelst du eigentlich pfälzisch mit deinen Freunden?

Fuck, und wie! Ich merke das aber oft gar nicht und denke: Mann, dein Hochdeutsch, einfach flawless.

 

Was ist typisch pfälzisch an dir?

Bis auf die Sprache nicht viel, glaube ich. Wenn wir irgendwo auf einer Show sind und uns unterhalten, fragen uns die Leute oft, ob wir uns gerade gestritten hätten. Pfälzisch ist eben schon eher derb, und wenn wir mal in Rage geraten, erbleichen die Leute um uns herum regelmäßig.

 

Also kennst du ja bestimmt auch den Presi, diesen dauerbesoffenen Vorzeigepfälzer von den Presidenten.

Klar kenn‘ ich den Presi! Ich war mal auf einem ihrer Konzerte in Landau, und er hat selbst die Tür gemacht! Ich habe ihn sogar mal nachts bei McDonalds gesehen – zu Fuß im Drive-In, wo er Pommes wollte.

 

Du pflegst ein enges Verhältnis zu Sizarr aus Landau. Was hast du ihnen zu verdanken?

Alles. Die haben immer alles für mich gemacht, mich als Support mit auf Tour genommen und und und. Ohne die und einige andere wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.

 

Das neue Wunderkind des Pop also.

Damit gehe ich sehr vorsichtig um. Ich freue mich riesig, dass meine Musik bei den Leuten Anklang findet. Ich freue mich über die Explosion, aber ich fürchte die Implosion.

 

Bild: Herxheim Museum von Wikipedia / Imannuel Giel

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Mein Block

Nein, er wird deine lausige Band nicht in einem der zahlreichen Metal- und Rockmagazine unterbringen, für die er schreibt. Nein, du musst gar nicht erst auf die Idee kommen, ihm auf einem "Festival-Konzert-Besäufnis" ein mies produziertes Demo deiner ekelhaften Kellerkombo in die Hand zu drücken. Fliegt eh' gleich auf den Müll oder wird von einer befreundeten (natürlich erfolgreichen) Band dazu benutzt, ein paar Lines vor dem Gig zu legen. Nein, er wird niemals aufhören, Röhrenjeans zu tragen. Und wenn es nur deswegen ist, weil er in ihnen viel besser aussieht als Du. Liebe.
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    Auch feini fein