13Was die Titel ihrer Alben angeht, zählen OK Kid nicht unbedingt zu den kreativsten Köpfen dieser Republik. Der Erstling hörte auf den Namen „OK Kid“, das zweite Album heißt schlicht und einfach „Zwei“. Wer jetzt aber denkt, die drei hätten generell nichts Substantielles zu sagen, hat sich schwer geschnitten. Na, blutet der Finger? Pflaster drauf und dann lest selbst, ihr faulen schönen Menschen!

 

Die Blüte dieser Zeit – Indica oder Sativa?

Jonas: Tatsächlich macht es die gute Mischung aus. Ich dachte lange Zeit, Sativa sei das Kraut zur Inspiration und für Kreativität, aber es kommt tatsächlich auf die Mischung an. Ich habe letztes Jahr White Diesel Haze… also ich will jetzt auch nicht sagen, dass ich das angebaut habe…

Raffi: Du hast Erfahrungen gesammelt!

Jonas: Genau, ich habe Erfahrungen gesammelt. Und das ist tatsächlich eine sehr gute Kombination. Mehr Sativa-Anteile als Indica, 70 zu 30 würde ich sagen.

Raffi: Also ich bin da nicht so drin.

Moritz: Und ich weiß gar nicht, wovon ihr sprecht.

 

Schnell zurück zur Musik. Gab es denn eine bestimmte Band, die euch gezeigt hat, dass Rap keine Schranken kennt?

Jonas: Wenn es so etwas gibt wie Vorbilder in Sachen Style und wie Alben klingen sollten, dann sind es für mich auf jeden Fall die Beastie Boys. Die haben sich nie eingrenzen lassen. Da kam das eine Mal ein krasser Hip-Hop-Tune und dann ein Hardcore-Song, weil früher waren sie ja eigentlich eine Hardcore-Band aus New York und haben dann später Rap gemacht. Wenn uns jemand in die Richtung etwas vorgelebt hat, dann auf jeden Fall diese drei Jungs, die es ja leider nicht mehr gibt.

 

Auf „Ich kann alles“ fällt die Zeile „Ich weiß wieder, wo mein Herz schlägt“. Gab es daran zwischenzeitlich Zweifel?

Jonas: Ja, auf jeden Fall. Das heißt ja auch, dass man auf einem Trip ist und man nicht mehr genau weiß, ob das, was man macht, das Richtige für einen ist und ob es gut für einen ist. Da gab es auf jeden Fall sehr viele Zweifel, die auch auf dem ersten Album thematisiert wurden.

 

Gab es also die Gefahr, vom Weg abzukommen? Da ist natürlich die Frage, ob es DEN einen Weg überhaupt gibt.

Jonas: Das ist natürlich wieder ein weites Feld…

 

Aber man kann doch sagen, dass ihr euch zum jetzigen Zeitpunkt schon gefunden habt, oder?

Jonas: Im Moment zumindest, ne?

Raffi: Sich finden klingt immer gleich so esoterisch langweilig. Uns ist auf jeden Fall so ein bisschen was klar geworden oder wir haben uns so ein bisschen geeicht. Wie lang das Bestand hat oder ob das für immer ist, kann ich gar nicht sagen. Aber für den Moment trifft es zu.

 

Wann wart ihr denn das letzte Mal Blutspenden?

Jonas: Ich war noch nie Blutspenden.

Raffi: Ich war schon sehr oft Blutspenden, aber das letzte Mal ist tatsächlich schon relativ lang her.

 

Der Intro habt ihr gesagt, dass ihr nicht eine politische Band seid, nur weil ihr einen politischen Song geschrieben habt… Was nu?

Jonas: Es ist immer dann ein Bedürfnis da, einen Song zu schreiben, wenn eine Sache innerhalb der Band ein Thema wird. Ich schreibe ja die Texte mehr oder weniger für mich alleine, aber trotzdem ist es so, dass wir darüber reden, sobald eine Idee da ist. Und ein guter Song ist es dann, wenn man nicht darüber diskutieren muss, ob man so einen Song bringen kann oder nicht. So ein Song war für uns was komplett Neues und wir haben vielleicht erst danach gemerkt, dass es sich um ein Thema dreht, das für uns alle drei verdammt wichtig ist und uns in einer gewissen Phase auch sauer aufgestoßen ist. Klar, es ist jetzt gerade aktuell durch die ganze Flüchtlingsthematik. Aber wir denken, dass das Thema an sich noch mal viel größer ist als das aktuelle. Ein Beispiel dafür ist die Sache mit dem Blutspenden, wo man sich das Gewissen rein wäscht durch eine gute Tat, um dann wieder in alte ekelhafte Muster zu verfallen. Der Song kritisiert ja eigentlich Leute, die an der Oberfläche ein anderes Bild von sich abgeben als was sie eigentlich sind und vielleicht auch selbst glauben: Ich bin doch ein guter Mensch, ich tu doch gute Dinge. Aber im tiefsten Innern sieht es dann doch vielleicht ganz anders aus.

 

Muss man aufgrund der aktuellen politischen Lage als Band Stellung beziehen? Seht ihr euch da in einer Verantwortung?

Moritz: Generell finde es gut, wenn man Stellung bezieht, gerade auch mit einer größeren Reichweite. Aber es wäre schön, wenn das noch mehr bei denen passieren würde, wo es dann auch bei den richtigen Leuten ankommt. Wir haben in unserem Hörerkreis einfach Leute, die relativ ähnlich ticken wie wir. Wir mussten sehr wenig über den Song diskutieren, denn die meisten haben es richtig verstanden, was ja im Grunde total super ist. Aber es wäre nochmal was anderes, wenn zum Beispiel ein Dieter Bohlen so etwas auf seiner Facebook-Seite raushauen würde. Man hat es ja auch bei Til Schweiger gesehen. Die haben einfach eine ganz andere Reichweite, eben auch in Hinblick auf die Leute, die wir kritisieren.

 

Im Intro-Interview habt ihr dann unter anderem auch gesagt, dass es ganz schön hilfreich sein kann, wenn das Ego nicht mehr im Mittelpunkt steht. Ist die sogenannte Generation Y verloren? ?

Raffi: Ich würde nicht sagen, dass diese Generation unbedingt verloren ist. So was ist immer schnell gesagt. Aber man merkt natürlich, dass dieser Trend der sozialen Medien den Fokus dahin rückt, sich selbst zu inszenieren, anstatt darauf zu achten, was gerade in der Umwelt abgeht. Da muss aber auch jeder Künstler für sich selbst entscheiden, ob er dazu Stellung bezieht. Ich sehe da nicht zwangsläufig ein Muss, darauf einzugehen. Wenn man ein Statement setzt, finde ich das meistens auch gut, wobei es da auch ziemlich whacke Statements gibt. Um es auf den Punkt zu bringen: Musik muss nicht zwangsläufig politisch sein.

 

Eure Liebe für Rap merkt man dem neuen Album deutlich an, auch textlich macht es den Eindruck, dass lange daran gefeilt wird. Bist du da perfektionistisch veranlagt, Jonas?

Jonas: Auf jeden Fall bin ich ein Textfetischist. Das ist einfach ein Handwerk, das ich durch Rap gelernt habe. Und darüber bin ich echt froh. Das hört man aber auf dem Album auch oft bei Songs raus, die keine Hip-Hop-Tracks sind. Ich mache das eben auch wie andere Rapper, die jahrelang an einem eigenen Style feilen um sich dann auch von den anderen zu emanzipieren.

 

Auf „Wisch und Weg“ geht es um Ängste unterschiedlichster Art, denen man aber oft aus dem Weg geht. Stellt ihr euch denn euren eigenen Ängsten?

Jonas: Das ist auf jeden Fall wichtig. Wenn eine Angst schwelt und man sie nicht angeht, dann kann es irgendwann ziemlich scheiße werden.

Raffi: Es gibt ja oft auch keine andere Möglichkeit. Natürlich kann man es auf unbestimmte Zeit hinauszögern, aber das macht einen ja auch kaputt. Das macht einen dumm.

Moritz: Ich finde es ganz schlimm, wenn man Ängste entwickelt und sich dadurch selbst lähmt. Ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis. Je älter Menschen zum Beispiel werden, desto ängstlicher werden sie ja. Und das führt letztendlich dazu, dass einem viele Sachen einfach entgehen.

Jonas: Ich kenne auch Familien aus dem engeren Umfeld, wo die Familie eigentlich komplett zerrüttet ist, aber nach außen wird der Schein gewahrt. Es sind ganz klare Probleme da, die angesprochen werden müssen. Es geht so nicht, alle sind unfreundlich, aber keiner hat die Eier, es anzusprechen. Man lebt so weiter unter diesem Schein und redet sich ein, alles sei gut. Das hat auch was mit Ignoranz zu tun. Natürlich ist es immer leichter, wegzuwischen. Wenn man Sachen nicht so an sich ranlässt, prallen sie aber vielleicht doch nicht so ab, wie man es sich wünscht.

 

Gibt es bei euch aktuell bestimmte Ängste?

Jonas: Vielleicht Angst umgemünzt in die Hoffnung, dass wir hier in Deutschland die Probleme in den Griff bekommen und die Leute merken, dass eine Partei wie die AfD nicht der richtige Weg ist und nicht noch mehr Leute auf diesen Zug aufspringen. Ich glaube, es gibt viele Leute, die aktuell wollen, dass Deutschland sich spaltet und denen darf man einfach keinen Glauben schenken. Es ist eher so eine Angst, dass diese German Angst größer wird.

 

Blick in die Zukunft: Ihr habt keinen Bock mehr, alles erreicht, die Kohle ist gescheffelt… Was würdet ihr dann am liebsten auf IgittBaby.de über euch lesen?

Raffi: Es wäre schön, wenn bleibt, dass wir eine Band waren, die eher die Inhalte als die Personen in den Vordergrund gestellt hat. Oft bleibt ja vom musikalischen Erbe deshalb wenig übrig, weil die Personen sich aufgrund einer Profilierungssucht so krass in den Vordergrund gestellt haben. Ich hoffe, dass das bei uns nicht der Fall sein wird und man sich wirklich an die Mucke und die Inhalte erinnert.

Jonas: Genau das sagt ja auch der Song „Erinnert“ aus: „Nicht für die Liebe von den falschen Jungs, nicht wie Idole auf den Postern“. Wir haben nicht den Anspruch, dass wir mit unseren drei Nasen auf den Postern bei den Kids in ihren Zimmern hängen. Man kennt das ja auch aus der Musikbranche: Wenn es gut läuft, klopfen einem alle auf die Schulter und die Leute wollen sich mit dir schmücken. Das ist auf jeden Fall kein Ziel von uns.

 

Aber ihr wollt schon etwas hinterlassen, richtig?

Moritz: Auf jeden Fall! Wir arbeiten ja daran, unsere Musik so gut zu machen, dass sie uns zufriedenstellt und dass sie von Album zu Album noch besser wird. Wir haben da sicherlich einen hohen Anspruch und wenn man da etwas hinterlassen kann, was andere Leute beeinflusst, wäre das natürlich geil.

 

Zu guter Letzt: Wer kommt bislang von euch den Fickfinger 2016?

Jonas: Da gibt’s viele. Zum Beispiel Donald Drumpf. Der kriegt nen Ficker.

Raffi: Die AfD und Frauke Petry. Die sind auf jeden Fall vorne dabei.

 

Und wer bekommt das Peacezeichen 2016?

Raffi: Norbert Blüm.

Jonas: Was hat er gemacht?

Raffi: Er ist nach Idomeni in das Flüchtlingslager gefahren. Man kann ja halten, was man will von so einer Aktion. Das ist natürlich auch irgendwie PR. Da er aber nicht mehr aktiv als Politiker ist, fand ich das cool. Und dadurch sind bestimmt auch viele Leute darauf aufmerksam gemacht worden, was für Zustände dort herrschen. Hätte man so von ihm auch irgendwie nicht erwartet.

 

So ein feines Gespräch hätten wir auch nicht erwartet. Peace!