1995 geschah etwas Bemerkenswertes. Simultan verliebten sich alle Männer in die selbe Frau.  In ein schottisches Wrack, zerfressen von Depression und Psychosen, offensichtlich nur dann zufrieden, wenn es regnet. 21 Jahre später ist Shirley Manson immer noch da, immer noch wunderschön und immer noch ein Wrack mit Schlechtwetterleidenschaft. Dem neuen Garbage-Album „Strange Little Birds“ hat das natürlich gut getan. Wie es mit ihrem Seelenleben aussieht, wissen wir Babys nicht. Sie hat uns nie zurückgeschrieben. Zum Interview immerhin wurde sie persönlich vorstellig – und wir wieder zu Teenagern.

 

Ihr habt neulich den 20. Geburtstag eures Debüts gefeiert. So alt werden manche Leute nicht, geschweige denn Bands. Was sagt dir das?

Dass ich ein verdammt glücklicher Bastard bin! Ich meine, es ist doch einfach nicht zu glauben, was ich alles erleben durfte. Manchmal kommt mir mein Leben regelrecht irreal vor. Ich bin seit 35 Jahren musikalisch aktiv, was in unserem Business eine verdammt lange Zeit ist. Außerdem darf man nicht vergessen, dass ich eine Frau bin [wie könnten wir!! – die immer noch verliebten Babys], was es noch außergewöhnlicher macht. Ich bin schockiert und erstaunt, dass ich noch immer hier bin – und vor allem sehr glücklich darüber.

 

Ihr habt es ja gern mal einige Jahre ruhig angehen lassen und auch mal Pause gemacht. Die Knete scheint gereicht zu haben, aber wofür war das eigentlich gut?

Wenn man es ganz genau nimmt, haben wir mit Garbage nur eine Pause eingelegt, um ein wenig Abstand voneinander zu bekommen. Diese Zeit war mir sehr wichtig und aus kreativer Sicht unglaublich beflügelnd. Ich machte mit anderen Leuten Musik, besuchte Schauspielkurse und spielte einen Roboter in der „Terminator“-Serie. Nachdem ich all das gemacht hatte, fühlte ich mich bereit, zu den Jungs zurückzukehren und mit ihnen weiterzumachen. Du musst wissen, als ich zu Garbage stieß, waren alle Mitglieder angesehene Musiker, die man sehr verehrte und respektierte. Auch ich sah zu ihnen auf und fühlte mich durchaus eingeschüchtert, mit diesen Menschen zusammenzuarbeiten. Es ist kompliziert, vier Platten mit Menschen aufzunehmen, denen man sich nicht unbedingt gewachsen fühlt. Nach meiner Rückkehr war das anders. Ich fühlte, dass ich ihnen ebenbürtig war, was diesen Neustart deutlich gesünder und dynamischer machte als jemals zuvor.

 

„… die Schnauze gestrichen voll“

 

Wenn man sich „Strange Little Birds“ anhört, hat man das Gefühl, dass da immer noch die Shirley von 1995 darüber lamentiert, dass sie immer noch nur dann glücklich ist, wenn es regnet.

Klar, jedem, der das neue Album hört, muss auffallen, dass ich immer noch der Mensch bin, der „Only Happy When It Rains“ gesungen hat. Wir als Band lieben dunkle und traurige Musik über alles, und ich denke, das hört man diesem Album besonders deutlich an. Wir schworen uns schon im Vorfeld, ein düsteres Album zu schreiben, weil wir alle die Schnauze gestrichen voll hatten von diesen belanglosen, fröhlichen Pop-Songs im Radio. Also packten wir die dunklen Gitarren und die dräuenden Stimmungen aus, um einen Gegenpol darzustellen. „Strange Little Birds“ ist ein Album, das sich mit den unschönen Seiten des Lebens auseinandersetzt.

 

… und das zweite Album auf eurem eigenen Label. Wie kam es eigentlich dazu?

Nach unserer Pause rechneten wir mal in aller Ruhe durch und kamen zu dem Schluss, dass wir mit einem eigenen Label besser dran wären. Bevor wir wieder bei einem Major unterschrieben, wollte wir lieber als Indie-Label voranschreiten. Kleiner und mit weniger Einfluss, sicher, aber dafür mit mehr Kontrolle und Unabhängigkeit. Wir hatten keine Lust mehr darauf, in die Taschen der großen Firmen zu musizieren, und entschieden uns für den schwierigeren, aber freieren Weg.

 

Was hat das mit der Band angestellt?

Wir hatten so viel Spaß an der Musik wie schon lange nicht mehr. Endlich mussten wir uns nicht mehr mit Menschen rumschlagen, die kein Interesse an unserer Musik oder an uns als Menschen hatten und die nur ein Geschäft in uns sahen. Das machte uns keine große Freude. Wir sind nicht die richtigen Menschen für diese Art von Arbeitsatmosphäre.

 

Je älter ich werde…“

 

Im Vorfeld habt ihr verlauten lassen, dass Spontaneität und Ungezwungenheit das Songwriting dominierten. War das schwer?

Verdammt schwer. Es erfordert eine Menge Disziplin, um ehrlich zu sein. Je älter ich werde, desto weniger will ich mich auf vertrautem Terrain bewegen. Ich will vorankommen, ich will mich herausfordern. Das ist es, was mich antreibt, aber eben auch eine Menge Disziplin erfordert. Es ist ein schmaler Grad zwischen dem Schmieden und dem Ersticken eines Songs. Zwischen der Kontrolle und der Zerstörung einer Idee. „Strange Little Birds“ mag nicht so sorgsam produziert sein, wie man das von Garbage vielleicht gewohnt ist, doch genau darin liegt das Geheimnis.

 

Ist dir dieses Credo auch in deinem Privatleben wichtig?

Sehr sogar. Hier sehe ich meinen Vater als großes Vorbild. Er ist fast 80 und liebte meine Mutter über alles. Als sie starb, ließ er sich eben nicht vom Kummer erdrücken und brachte sich dazu, wirklich unglaubliche Dinge zu tun. Er erlebte Abenteuer auf der ganzen Welt und ist bis heute ein großes Vorbild, was Lebenswillen und Lebensfreude angeht. Für mich steht fest: Ich möchte mal genau so werden wie er!

 

Wie geht’s der Band eigentlich derzeit? Wie fühlt es sich an, zusammen zu sein?

So genau lässt sich das nie sagen. Ich meine, Beziehungen sind kompliziert, oder? Man sollte nie etwas als gegeben erachten und sich darauf verlassen. Es hat großen Spaß gemacht, das Album mit der Band aufzunehmen, doch wir alle haben unsere Leben, die Jungs haben Familie und Kinder. Wir können nicht dorthin zurück, wo wir schon mal waren. Der einzige Weg führt nach vorn, und das ist nicht immer einfach.

 

Wäre die Band ohne die erwähnte Pause eigentlich noch am Leben?

Wahrscheinlich nicht. Wir fühlten uns so schrecklich am Ende, dass wir an nichts mehr Freude hatten. Unsere Plattenfirma machte uns großen Druck, und lange Zeit beugten wir uns diesem Druck. Unser viertes Album verkaufte eine Million Exemplare, und man bezeichnete uns als Flop. Das war heftig genug, damit du morgens in deinen Kaffee weinst. Wie kann man uns als Flop bezeichnen, wenn wir eine Million Exemplare verkaufen? Wir zogen die Reißleine, weil wir merkten, dass dieser Wahnsinn nicht aufhören würde. Also hörten wir auf und gingen nach Hause.