Manche Wege sind unergründlich. Die des Herrn zum Beispiel. Und von Politikern sowieso. Aber ein Saufbruder als Oberbürgermeister? Kann das gehen? Wolfgang Wendland von der Punk-Ikone Die Kassierer zeigt Engagement, für seine Stadt Bochum einzustehen. Und wo die Sensation groß ist, sind die Aasgeier nicht weit: Lokale Blätter überschlagen sich seit Monaten mit ihrer Belächelei. Der Nackte von den Kassierern, kichern sie. Proletenband, titeln die Pressefuzzis. Ahnung müssten sie haben. Wölfi gehört mit seiner Kapelle zu Deutschlands fortschrittlichsten Denkern, die mit genialen Klangkonstruktionen und lyrischen Prosaergüssen Bürgern aus der Seele sprechen. Philosophische Weltsichten packen die Wattenscheider in prägnante Formulierungen, bei denen Lichter aufgehen: „Im Jenseits gibt es kein Bier“, „Mach die Titten frei, ich will wichsen“, „Rudelfick im Altersheim“ oder „No future, das war gestern“ sind rabiate Einsichten, die die Grundessenz zivilisatorischen Lebens in aller Form feiern. Klar gehören da Ängste dazu. Nüchtern erschüttert zeigt sich Wolfgang darum auch als Politiker. Wie mit seinen Kassierern: Wölfi ist kein Karriere-Clown, sondern ein besorgter Bürger. Nah am Volke, der an allen Fronten Aufklärung verspricht. Auch wenn er Scheiße baut. Oder andere. Dann ist sein sympathisches Lachen schneller als Lucky Lukes Pistolenfeuer. Wendland wird seinen Zeigefingern denen auf die Brust setzen, die Gelder verschwinden lassen und flotte Wahlversprechen plötzlich vergessen. Wenn er denn Oberbürgermeister wird. Gutes Gelingen für die Wahl am 13. September, Herr Wendland. Unser Bürgermeister der Herzen sind sie ja schon jetzt!

 

Wie möchtest du Transparenz in die Politik Bochums bringen?

Als Oberbürgermeister habe ich ja das Presseamt unter mir. Und ob das Presseamt jetzt Reklame für die Stadt macht oder realistisch berichtet: „Da haben die Politiker oder ich scheiße gebaut“, das kann ich dann bestimmen. Ich werde über viele Informationen verfügen, die beispielsweise ein Abgeordneter im Bezirk Wattenscheid – wie ich es fünf Jahre lang war – erst nach Anfragen und dreimonatiger Bearbeitungszeit bekommen würde, die dann wiederum drei neue Fragen aufwerfen. Teilweise waren die Antworten so blöd, dass man klagen müsste, um eine realistische Antwort zu bekommen. Als Oberbürgermeister, der als Oppositioneller und Bürger im Bezirk Fragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz gestellt hat, weiß ich schon, was es bedeutet, Fragen zu beantworten.

Solche internen Informationen würdest du öffentlich teilen?

Ja, als Oberbürgermeister, der nicht parteigebunden ist, sehe ich mich neutral. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nach fünf Jahren die Menschen der Stadt wüssten, welche Partei was zu verantworten hat, damit sie danach ihre Wahl ausrichten können. Die Bürger haben ein Recht darauf zu wissen, wo Scheiße läuft.

 

Wenn du einen Haushaltsüberschuss entdecken würdest, was wäre das Erste, das du finanzieren würdest?

Du stellst wirklich gemeine Fragen. Durch meine kommunalpolitische Tätigkeit weiß ich zwar sehr viel über die Dinge in Wattenscheid, ich müsste aber erst mal in den anderen Bezirken gucken. Ich fand’s zum Beispiel völlig scheiße, die Übernachtungsstelle für Obdachlose in Wattenscheid zu schließen – mit dem einfachen Hinweis, sie sollen nach Bochum fahren. Wenn eine Übernachtung drei Euro kostet, der Fahrschein nach Bochum aber 2,50 oder du zwölf Kilometer laufen müsstest, dann kannst du auch sagen: Es gibt keine Übernachtungsstelle mehr.

 

Wie bekommst du die jungen Leute dazu, sich für Politik zu interessieren?

Das ist schwierig. Selbst wenn ich als Sänger einer bei jungen Leuten populären Band antrete, hat das nicht solch einen Übertragungseffekt. Ich hatte in Bochum versucht, alte Kinofilme wieder aufzuführen und dachte, wenn mein Name im Programm steht, kommt ja auch der ein oder andere Kassierer-Fan. Aber das Publikum war in dem Alter, das den Filmen entsprach. Bei einem von 1966 habe ich im Kino so viele Menschen im Rollator gesehen wie nie zuvor. 

 

Glauben dir das die Wähler, dass du keine verkappte APPD-Strategie durchziehst?

Denke ich schon. Das lässt sich ja auch prüfen beim Ratsinformationssystem. Ich habe fünf Jahre lang als Parteiloser für Die Linke im Bezirksvertreter in Wattenscheid gesessen. Am Anfang haben die richtig Angst gehabt. Beim Geldautomaten hat mich einer aus der Verwaltung angesprochen, der hat mit dem Schlimmsten gerechnet: Nacktpalamentariern oder was weiß ich. 

 

Schon bei deiner Pressekonferenz waren die Journalisten schockiert, dass du so seriös wirken kannst.

Das war ja auch Berechnung. Da hatte ich meinen wunderschönen C&A-Anzug an. Das Komische ist: In Bochum bin ich so bekannt, dass mich sogar der C&A-Verkäufer erkennt, obwohl die Bewohner überwiegend katholisch sind. Aber das stimmt, mir geht’s ja wirklich um die Stadt. 

 

Wölfi-Die-Kassierer
Richtige „dicke“ Kumpel, unser Vince und Herr Wölfi zu Bochum. Keine Ahnung, wer betrunkener war…

 

Kommt für dich Trinken während der Arbeit in Frage?

Sehr schwierige Sache. Arbeitsrechtlich ist das sicher schwierig. In bestimmten kreativen Zusammenhängen finde ich das sehr wichtig. Früher hatte ich in Bochum meinen Filmschneidetisch im Keller einer Werbeagentur. Die haben da auch gesoffen und gesagt: „Jetzt sind wir mal richtig kreativ.“ Ich bin da immer gerne vorbeigegangen, da gab’s auch mittags Bier. Erst Anfang der 90er haben die aufgehört. Zwei, drei Jahre später waren die pleite. Viele Ideen entstehen unter Alkohol. Wenn man sich die Geschichten über den Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg anhört, hat man realistisch den Eindruck: Diese Republik ist im Suff entstanden. Erkundige dich mal bei denen Großeltern. 

 

Volker Kampfgarten: Die Entwicklung ist sehr pessimistisch. In der WDR-Kantine in Bocklemünd gab es noch vor zehn Jahren standardmäßig Bier.

 

Wolfgang: Früher in der Post in Bochum gab es für die Mitarbeiter auf dem Flur ein Bierautomat. An der Uni auch in der Caféteria.

 

Kampfgarten: Da durfte auch überall geraucht werden! In den S-Bahnen! 

 

Wolfgang: Auch an der Uni. Du bist in Seminarräume gekommen, da war alles voller schwarzer Flecken, weil alle ihre Zigaretten ausgemacht haben. Als ich angefangen habe zu studieren, gab es genau ein Seminar, in dem man nicht rauchen durfte: Ursula Neemann über Bocheński. Und Ursula sagte am Anfang: „Ich habe gehört, wenn nur eeeeiner den Antrag stellt, dass nicht geraucht wird, dann darf nicht geraucht werden. Hiermit stelle ich diesen Antrag.“ 

 

Wenn du für Bochum werben würdest, wie sähe das aus?

Das ist ja eine gemeine Frage.

 

Ok, was ist schön an Bochum?

Die Möglichkeit, die die Stadt hat.

 

Was ist scheiße an Bochum?

Die Herrschaft der SPD seit 70 Jahren. Das könnte jede Partei sein, aber wenn nur eine Partei eine Stadt 70 Jahre lang beherrscht, kommt immer Scheiße raus.

 

Wie gefährlich ist deine Konkurrenz bei der Oberbürgermeisterwahl?

Es gibt mindestens drei oder vier, die sich über einen SPD-Kandidaten aufregen. Es gibt zehn Kandidierende. 

 

Die wichtigste Frage: Wo trinkst du abends in Bochum ein gepflegtes Bierchen?

Ich wohne ja sehr zentral im Stadtbezirk Wattenscheid. Ein Kollege hat ne Pommesbude, da geh ich dann hin, während er die Abrechnung macht. Wenn der Laden schon zu ist, trinke ich da mein Bier. Das ist günstig.

 

Keine Frage: Die Babys positionieren sich klar pro Wendland! Nur irgendwie wünschen wir dir, lieber Wölfi, den Wahlerfolg nicht so ganz – versteh das bitte nicht falsch! Aber was soll denn sonst aus unseren Kassierern werden?

 
 
[alert type=white ]♥  MEIN BLOCK ♥ 

Wir wollen wissen wer hinter der Maske steckt: wo und wie leben unsere Künstler, was hat sie geprägt und wie spiegelt sich das in ihren Werken wider? Daher dreht sich in „Mein Block“ alles um den Block – der Künstler. Ende.

[/alert]