J.Cole-Forest-Hill-Drive-Review

[dropcap size=big]D[/dropcap]er Therapeut ist zurück und bittet zu einer erneuten Sofa-Sitzung mit tiefgründigem Geschichtenerzählen – soweit ohne Anglizismen. Auf „Rap“ heißt das dann: Der „Therapist“ J. Cole dropt seine neue LP „2014 Forrest Hills Drive“ und schwingt sich zum „King of Storytelling“ auf, yo – aber tut er das wirklich oder stolpert er schon wie ein pubertierender Freshman auf dem ersten Absatz zum hoch gelegenen Chefsessel des Raps? Herr Jermaine Lamarr Cole, bitte einmal in Behandlungszimmer „2“ Bequem machen, Atmung fließen lassen und Lauscher aufsperren.

Jermaine … ich darf doch Jermaine sagen, oder? Also Jermaine, gleich zu Anfang Ihres Langspielers ist mir ein Satz aufgefallen, den ich Ihnen gerne vortragen und analysieren möchte.

 

„If you ain’t aim too high, you aim too low“

 

Meines Erachtens nach gibt es – ganz entgegen Ihrer Aussage – verschiedenste Abstufungen zwischen „Nach den Sternen greifen“ und der resignierten „damals war alles besser“-Mentalität nur noch aus Prinzip motzender Wutbürger. In Ihrem Fall erscheint mir jedoch „Größenwahn“ die angebrachtere Beschreibung, wenn ich so ganz frei heraus sprechen darf. Wir sind ja unter uns – Notiz an mich selbst: Bedeutungsvolles Ansehen über den Rand meiner Lesebrille wirkt Wunder! Jetzt aber wieder zurück zu Ihnen, Herr Cole, äh, Jermaine. Der Wahrheitsgehalt Ihrer Aussage wird im Verlauf der Platte noch zu überprüfen sein.

Napoleon Gif
Aufauf Ihr Hasen. Hört Ihr nicht den Jäger blasen?

Patient weist ernstzunehmende Merkmale eines Napoleon-Komplexes auf

Sie schreiben meiner Erkenntnis nach meist Texte über die alltäglichen Probleme ganz normaler Menschen wie Sie und ich – Rap, mit dem sich auch Otto Normalverbraucher identifizieren kann. Funktionieren solche Lieder nicht besonders gut, wenn sie Empathie demonstrieren und sich auf eine Stufe mit dem gewünschten Ansprechpartner stellen? Mir erscheint es hierbei wenig hilfreich, wenn man (hier kommen Sie ins Spiel, Mister Cole) gleich zu Anfang eines Albums, das nach eigener Aussage nicht dazu beitragen soll, sich selbst zu vergessen, sondern der zu bleiben, der Sie sind, mit einem Song wie „January 28th“ versucht, den „ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit“-Sprung in den Rap-Olymp zu schaffen. Im Rap-Olymp sitzen meiner Vermutung nach nämlich keine „Andy Averages“ auf Klappstühlen und starren tumbe in die verglühenden Restkohlen eines Einweggrills von K-Mart, nur mit dem Gedanken beschäftigt, dass man jetzt ja „Schnick Schnack Schnuck“ darum spielen könnte, wer als nächstes das längst lauwarme Dosenbier aus der abgetauten Pepsi-Kühltruhe holt.

Nein, dort sitzen 2Pac und Biggie als transparente Geister der Oldschool-Rap-Kultur Seite an Seite mit den von Ihnen besungenen Größen und lassen sich ein saftiges Spanferkel auf ihren goldverzierten Marmorsessel munden. Da ist es doch etwas unverfroren, nach Ihrer kurzen Zeit im Geschäft schon einen Bissen vom vollreifen Reichsapfel der Königlichkeit zu fordern. Bitte verzeihen Sie mir meine bildhafte Sprache! Manchmal gehen die Pferde mit mir durch bis nach Japan.

Penis Gif
Entschuldigen Sie bitte … Halten Sie das Maul!

Dient dieses Album nur als Straßenpenis-Ersatz, weil noch kein Ferrari zur Hand ist?

Sie haben Sich ganz bewusst dafür entschieden, ein Album ohne Features und Singles zu schaffen und fast alles selbst zu schreiben, beziehungsweise selbst zu produzieren. Ein geradezu monumental-phallisches Ausrufezeichen der Selbstgefälligkeit, wenn es funktioniert. Andererseits gehen Sie damit auch sehenden Auges das Risiko ein, das ein solches Konzept birgt, wenn die eigene Größe nicht so riesenhaft wie besungen ist – den über alle Maßen unangenehmen und zu einhundert Prozent selbstverschuldeten Super-Flop. Außer Frage steht, dass Sie ein gewisses Talent für Sprachartistik besitzen und auch Ihre Gesangsstimme für Kurzweil sorgen kann. Reicht diese Kurzweil jedoch, um ein ganzes Album als Alleinunterhalter – und das ganz ohne lustigen Affen und Leierkasten fernab jeder Fußgängerzone – zu füllen?

Ohne Sie enttäuschen zu wollen, können starke Songs wie „G.O.M.D.“ und „Fire Squad“ Ihnen meiner Meinung nach nicht die Rechtfertigung verschaffen, die Sie benötigen, um sich über den Klee loben zu dürfen. Geschweige denn Ihnen die Aufnahme in die Hip-Hop-Hall-of-Fame, den Rap-Olymp, ermöglichen. Um es vom ehemaligen Jay-Z-Stalker zum gefeierten Musiker zu bringen, empfehle ich Ihnen vor allem den häufigeren Umgang mit gleichaltrigen Freunden – am Besten in Form von Features – und weitere meiner Kurse, zum Beispiel „Wie lerne ich Verantwortung abzugeben“ und „Unbelehrbare lernen von Belehrten“. Zum gleichen Stundensatz versteht sich.

PS: Sie finden doch selbst zur Tür, nicht wahr!?