Jochen-Distelmeyer_Songs-From-The-Bottom-Review

Unfreiwilliges Stöhnen. Nicht einer von diesen. Bitte nicht einer dieser seriösen Musiker, die ja ach so ironisch sind und sich etwas darauf einbilden, dass unter den Besuchern ihrer Konzerte mehr Akademiker sind als auf Elitepartner. Also drei. Die angeblich subversiv sind und einen Britney-Spears-Song covern. Natürlich nur, um wahrhaft intellektuell die Janusköpfigkeit des eigenen Schaffens aufzuzeigen und sagen zu wollen: „Seht her, wie selbstreflektiert, selbstironisch und selbstlos ich bin.“ Die Wahrheit ist leider nur das genaue Gegenteil: Unreflektiert, unlustig und selbstsüchtig.

 

Ich gebe zu, dass ich deswegen Angst vor Jochen Distelmeyers „Songs From The Bottom Vol. 1“ hatte. Das Prinzip „verquaster Blumfeld-Poet macht einen auf Singer/Songwriter und covert wahllos Pop-Songs“ klang einfach zu sehr nach berechneter Hipster-Hofierung.

Eben nach genau dem, was das angeblich kultivierte Intellektuellenpublikum so schätzt, wenn es andächtig ins Nichts blickend einen Club Mate schlürft und hofft, dabei einerseits gelangweilt, andererseits gerührt und dabei eh immer überlegen zu wirken.

 

Alles Arschlöcher, meine Fans…

Aber, was soll ich sagen? Jochen Distelmeyer kann ja nichts für die Leute, die seine Musik hören. Das kann kein Künstler und beschert vielen von ihnen schlimme Träume. Dafür kann Distelmeyer etwas anderes: Musik machen, Popmusik, um genau zu sein.

Da machten ihm in Deutschland in den Neunzigern wenige etwas vor. Auch mit Blumfeld ging es bergab, wie das nun mal so ist in der Welt, und wer den Fehler macht, sein Solo-Oeuvre mit den frühen Blumfeld-Manifeste vergleichen, wird feststellen müssen, dass da nicht mehr viel von übrig geblieben ist.

Von der Dringlichkeit, der enormen Kraft der Worte und Melodien. Veröffentlicht der Hamburger jetzt deshalb ein Album, auf dem „nur“ Coverversionen enthalten sind? Ich weiß es nicht. Er wird es aber eh abstreiten.

Langweilig
Achso. Das ist also Dein Geschenk an uns, Jochen?

Ein Mal die Sjoa Latte sugar free und entkoffeiniert

Der größte Fehler dieses überambitionierten Albums ist es dann auch, dass es Tiefe völlig vermissen lässt. Das stört nicht nur, weil das Album immerhin „Songs From The Bottom“ heißt, sondern auch, weil es vielen der Stücke einfach nicht gerecht wird. Lana del Rey wäre mit dieser arg simplen Klavierfassung von „Video Games“ keinesfalls einverstanden, eine Joni Mitchell würde in Distelmeyers „Just Like This Train“ die Nonchalance, die lässige Passion vermissen, die das jazzige Original von 1974 auszeichnet.

Dass Distelmeyer das Album als Geschenk an seine Fans ansieht, ist natürlich löblich, lässt aber auch vermuten, dass er in dieser Aussage gleich eine Entschuldigung versteckt.

Nach dem Motto: „Also, ich habe das ja nur für die Fans gemacht, wäre es nach mir gegangen, hätte ich diese Songs so nicht veröffentlicht.“ Wer Easy-Listening-Fassungen von großen und kleinen Popsongs des letzten halben Jahrhunderts braucht, wird „Songs From the Bottom Vol. 1“ sicherlich mögen.

Im Grunde reicht dafür aber auch ein Starbucks-Besuch, bei dem diese vor sich hinplätschernde Unart der Chillout-Fassungen ikonischer Lieder die ekelhafte Plörre untermalt die sich Studenten und Touristen vom Lande dort verabreichen.

Saufen
Naja… Mir bleibt ja immer noch der Suff!?

It’s Jochen, Bitch!

Warum tatsächlich ausgerechnet Britney Spears‘ „Toxic“ einer der wirklich tollen Momente des kraftlosen Albums ist, ist mir ein Rätsel. Hier legt Distelmeyer auf einmal soulige Grandezza in seine Stimme, die zwar manchmal an Sasha erinnert, aber zumindest Verve aufweist.

Der funkige Groove von „Let’s Stay Together“ kommt dann aber schon wieder nicht über den Straßenmusiker an der Ecke hinaus, „Bitter Sweet Symphony“ ist nun mal kein Song, der für Lagerfeuergitarren und gepfiffene Hooks gemacht ist. Wo ist denn da das Drama, Baby?

Jochen Distelmeyers frühere musikalische Leistungen in allen Ehren: „Songs From The Bottom Vol. 1“ ist ein nettes Album. Mehr nicht. Perfekt geeignet, um eine der nächsten 17 romantischen Komödien mit Matthias Schweighöfer musikalisch zuzukleistern.