K.I.Z-Hurra-die-Welt-geht-unter-Review

Es gibt gerade mehr gute Gründe, diesem Land die Pest an den Arsch zu wünschen, als jetzt an den Kühlschrank zu gehen und ein Bier aufzumachen. Okay, fast, aber immer noch verdammt viele. In Freital möchten sie gerne Zyklon B an die Flüchtlinge verteilen, wollen eine Treibjagd eröffnen, schämen sich nicht mal, das öffentlich zuzugeben. Der Grieche an sich wird beschimpft, als faul und korrupt hingestellt (okay, der eine aus dem Cavos Restaurantsketteninferno ist das ja vielleicht wirklich…), Pegidas Faltenärsche machen ihre Fackelmärsche und Xavier Naidoo finanziert seine Reichsbürgerthesen mit seiner Gelddruckmaschine „Sing meinen Song“. Mal ehrlich: Wäre es da nicht einfach besser, all das wäre vorbei? Bums, aus, Nikolaus, Licht aus, das wars, ciao? Es gäbe zumindest verdammt viele Gründe, sich darüber zu freuen.

 

Wie, Anabolika? Da sterben Menschen, Alter!

K.I.Z. sehen das ähnlich. Es muss schon schlimm um unser Land stehen, wenn einer absurden, oft albernen, perversen Hallodri-Hip-Hop-Combo nach jeder Menge sinnfreiem Schabernack auf diversen Alben und Mixtapes urplötzlich das Lachen im Halse steckenbleibt. Denn genau das ist auf „Hurra, die Welt geht unter“ passiert. Von Deutschlands Lehrerschreck zu Deutschlands wichtigster Rap-Einheit, ein krasser Schritt, das muss man schon sagen. Ein nötiger halt auch. Wo die anabolikaumnachteten Kollegahs und Bangs völlig ungeachtet der aktuellen Geschehnisse einfach weiter von ihren lächerlichen Allmachtsfantasien, Bitches und fiktivem Bizepspumpen erzählen, hat es wenigstens mal eine deutsches Hip-Hop-Größe erkannt, die Zeichen der Zeit zu deuten. Und ein giftiges, angepisstes, heftiges, kompromissloses, vor allem aber: wichtiges Album vorgelegt.

 

Es naht die Hip-Hop-Götterdämmerung

Weltverbessernde Tofu-Jäger mit siebzehn moralisch erhobenen Zeigefingern und Jutebeutel sind natürlich nicht aus K.I.Z. geworden. Wenn, dann sind sie in allem einfach noch eine Spur sicker, heftiger geworden. Viel hilft eben manchmal viel, und vielen Bürgern in dieser bildungs- und mitleidsresistenten Republik muss man einfach mal alles um die Ohren hauen, bevor sie überhaupt aus ihrer Trash-TV-Lethargie erwachen. Dafür ist den Berlinern jedes Mittel recht.

Ihr Album ist wie eine moderne Variante des Dystopieromans des jungen 20. Jahrhunderts, eine durchaus überspitzte, aber eben keineswegs an den Dreadlocks herbeigezogene Studie zur Lage der Nation. Und die sagt eben: Alter, wir sind alle so am Sack, es wäre besser, wir könnten noch mal von vorne anfangen. Dieser beinahe mythologische Unterbau des Albums ist Wagners Götterdämmerung, mit Beats statt Blitzen und Raps statt Chören.

 

Rap-Jesus is here!

Schon das Video zu „Boom Boom Boom“ hat die Marschrichtung vorgegeben: Drastische Bilder, drastischer Text, Kapitalismus, ISIS, K.I.Z. selbst, jeder bekommt sein Fett weg, niemand wird verschont. Das macht „Hurra die Welt geht unter“ erfrischend unpolemisch. Gegen Nazis hetzen kann letztlich jeder – eben auch der Typ, der zu Kinderpornos abspritzt. Unschuldige gibt es bei K.I.Z. längst keine mehr, sie sind wie Rap-Jesus und singen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Und weil sie sich selbst nicht herausnehmen, dürfen sie so viele Steine werfen, wie sie nur wollen. Das tun sie 13-mal auf dem neuen Album, am Ende haben sie einen ganzen Steinbruch abgetragen.

 

Guck, da hängt der alte Otto

Aus der Skandalband, die von Mags boykottiert wurde, die sich mit zünftigen Texten über Frauen, Mütter und was es dazwischen sonst noch so gibt, bei ironiefreien Menschen so beliebt gemacht hat wie der HSV in der Bundesliga, ist eine Skandalband geworden, die erkannt hat, dass man Hass und Verachtung viel besser einsetzen kann: Gegen Nazis, gegen Schwulenhasser, die BPJM, natürlich das System. Das tun sie mit Lyrics, bei denen man mehr als einmal um die Ecke denken und sich von gängigen Vorurteilen befreien muss.

Der kleine Otto Normalverbraucher, seine Ängste und Sorgen, wird von den Kannibalen völlig auseinandergenommen und ausgeweidet, zum Trocknen in die Sonne gehängt, gerollt und geraucht. Dass sie dabei nicht immer die krassesten Beats und coolsten Hooks vorlegen, fällt gar nicht auf. Es ist mehr denn je das Gesamtpaket, das zählt. Und da haben K.I.Z. derzeit eindeutig den Größten. Wenn Deutschrap jemals real war, ist er das hier. Nicht, weil K.I.Z. vom real keepen predigen. Sondern weil sie wissen, was sie tun und wie sie es tun, vor allem aber warum sie es tun.