Kid-Rock-First-Kiss-Review

[dropcap size=big]W[/dropcap]as machst Du, wenn Dir ein Kinderschänder das Leben rettet? Was machst Du, wenn Dir ein Nazi mit den schweren Einkaufstaschen hilft? Was machst Du, wenn Dir ein Vergewaltiger eine Beförderung anbietet? Was machst Du, wenn Du in einen Mörder verliebt bist?

 

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Jeder muss sich seine eigenen Moralvorstellungen zurechtbiegen, über den Haufen werfen und neu justieren. Jeder muss selbst wissen, was er gut oder schlecht findet, was er unterstützt, verurteilt, was er isst, worauf er verzichtet, wofür er steht und wofür er auf die Straße geht. Willst Du einen Burger bei McDonalds essen? Nur zu. Aber rechtfertige oder leugne es danach nicht. Kaufst Du einen Liter Discount-Milch im Supermarkt für 55 Cent? Wenn das für Dich okay ist, solltest Du es auch weiterhin tun.

Du hörst Frei.Wild, obwohl Du natürlich kein Nazi bist? Deine Sache. Aber mindestens in diesem Fall finde ich Dich scheiße und bitte Dich, diese Seite nie wieder zu besuchen. Das wird ich wahrscheinlich nicht davon abhalten, diese und andere dumme Dinge zu tun. Es wäre sogar schlimm, wenn es das tun würde. Manchmal tut es allerdings gut, den Verstand zu benutzen. Der ist es nämlich, der uns von Grund auf mit einem gewissen Verständnis mit Vernunft und Moral ausstattet. Und wenn wir ganz tief in uns hineinhören, wissen wir, dass gewisse Dinge eigentlich nicht cool sind.

USA Gif
Ich ficke Waschbären und liebe mein Land!

 

Mama, wo isch mei Schießg’wehr?

Wie bei Kid Rock. Natürlich ist es seine Sache, wenn er seine Freizeit gern damit zubringt, Tiere totzuschießen und debil grinsend mit ihren noch warmen Kadavern vor der Kamera für ein Selfie zu postieren. Hey, ich bin schließlich nicht die Peta und irgendwo muss dieser Amerikaner ja wohl Druck ablassen, wo er nicht mehr über Pamela Anderson drüberrutschen kann. Ich bin nicht mal gegen Jagd, esse gern Fleisch und bin mir der moralischen Tragweite dessen voll bewusst (siehe voriger Paragraph). Die Art und Weise, wie Kid Rock das Töten eines Lebewesens feiert, glorifiziert und portraitiert, ist allerdings ähnlich zum Kotzen wie sein bemühtes White-Trash-Verhalten.

Natürlich kann ein Künstler in seiner Freizeit tun und lassen, was er will. Lichtet er sich dabei aber ab und teilt dieses Bild auf seinen sozialen Kanälen, wird aus der privaten Freizeitaktivität eine bewusste Inszenierung. Und das kreide ich Kid Rock sogar noch mehr an als die Tatsache, dass sein aktuellen Album First Kiss so langweilig ist, dass man zwischendrin regelmäßig vergisst, dass es noch läuft. Im besten Sinne also Musik zum Nebenbeihören, die noch weniger nervt als das Surren des Kühlschranks. Easy listening war nie easier, sozusagen.

 

 Ein Yeti in Tansania?

Viel ist nicht zu erwarten von einem Künstler, dessen Höhepunkt eine amüsante, aber letztlich freche Version von Metallicas „Sad But True“ war. Vielleicht wird First Kiss deswegen ja auch von einem Titeltrack angeführt, der ein zahnloser Abklatsch von „Summer Of ’69“ ist. Erst Metallica, jetzt Bryan Adams. Die Kurve zeigt steil nach unten. Außerdem hatte er mit James Hetfield immerhin das Jagdfieber gemeinsam. Hetfield beweist allerdings genug Anstand, sich nicht mit Tierleichen zu fotografieren.

Dennoch ist Kid Rocks Verhalten geradezu programmatisch für ein Album, das genau das verkörpert, wofür ich Amerika hasse: Ignoranz, ein völlig verklärter Blick auf die eigene Vergangenheit, oberflächliche Floskeln und das bemühte Rumreiten [nicht auf Pamela Anderson, sondern] auf White-Trash-Klischees, Blues-Stereotypen und Country-Gehabe, das so wenig zu Kid Rock passt wie ein Yeti nach Tansania.

 

Einfach älter werden und die Fresse halten!

Er beschwört seine erste Liebe in Highschool-Tagen [Klischee Nummer eins], erinnert sich wehmütig daran, wie er mit seinem Vater sein erstes Bier geleert hat [Klischee Nummer zwei], gibt den Underdog, der sich aus der Gosse hochkämpfen musste [Klischee Nummer drei]. Dazu gibt es Rock-Riffs von der Stange, lustlose Drums, Pseudocountry und Texte, die so sinnentleert sind, wie man sie sich von einem Typen vorstellt, der das Töten von Lebewesen cool findet. Am schlimmsten wird es jedoch in der Nummer „Jesus and Bocephus“.

Zunächst beschwört er die scheinheilige Religiosität der an Hirnlosigkeit nicht zu überbietenden amerikanisch-konservativen Evolutionsverweigerer [Klischee Nummer vier], dann nennt er den Messias aber auch noch in einem Atemzug mit Hank Williams, Jr., genannt Bocephus. Der hat bekanntermaßen eine ganze Menge gegen einen schwarzen Präsidenten und erfüllt auch sonst jedes Klischee des saublöden Hinterwäldlers. Super gemacht, Kid Rock, dank Typen wie Dir und gefährlich stereotypen, erzkonservativen Alben wie „First Kiss“ wird Amerika nie raffen, was in diesem Land schief läuft.