Kitty-Daisy-And-Lewis-The-Third-Review
[dropcap size=big]D[/dropcap]er gemeine Kritiker macht es sich gern zu einfach. Gibt sich mit 30-Sekunden-Schnipseln eines neuen Albums zufrieden, überfliegt mit selbstgefälligem Kennerblick das Promoschreiben der Plattenfirma und denkt dann in seiner oftmals grenzenlosen Arroganz, eine Band verstanden zu haben. Weil wir hier aber nicht bei laut.de sind (dazu nehmen wir uns selbst viel zu wenig ernst, und das scheint bei den miesepetrigen Besserwissern ja alleiniges Einstellungskriterium zu sein) und uns auch nicht für ein Stadtmagazin halten, das irgendwie voll gern der Feuilleton der FAZ wäre, kommt das für uns nicht in Frage. Irgendjemand muss diese Scheiße hier ja noch ernst nehmen!

Wären wir bei einer solchen Postille, würde unsere Einleitung der Kritik vom neuen Kitty, Daisy & Lewis-Album „The Third“ irgendwie so lauten: „Manche Wege sind vom Schicksal vorherbestimmt. Der von Kitty, Daisy & Lewis zum Beispiel. Die Mutter war als Drummerin bei den Raincoats aktiv, der Vater in einem Tonstudio tätig, zuhause standen überall Musikinstrumente und Platten herum – das Geschwistertrio aus London saugte Musik mit der Muttermilch auf, ihr Weg in die Musik war nur eine Frage der Zeit.“

 

Katze Stickerei Gif
Mutti hats für gut befunden.

 

 

Uah, aufhören, ich kann nicht mehr. Ja, Sätze wie diese wird man jetzt wieder zuhauf lesen. Und dabei sind sie so voller ausgemachtem Unsinn, dass es mir die Fußnägel kräuselt. Zunächst mal: man kann Musik nicht mit der Muttermilch aufsaugen. Was für eine ekelhafte Vorstellung! Wenn überhaupt, dann saugten die Geschwister Durham Drogen, Alkohol und Nikotin auf, immerhin war ihre Mutter bei einer ziemlich notorischen Band für den wummernden Post-Punk-Rhythmus verantwortlich.

 

Kinners, macht Musik! Papa braucht Knete!

Und noch etwas: Nur weil die Eltern etwas gut fanden oder gemacht haben, heißt das noch lange nicht, dass die Sprösslinge das auch machen. Meine Eltern rauchten jede Menge, sogar im Auto, unsere Vorhänge waren früher immer ganz gelb, hatte ich den Eindruck. Wurde ich deshalb zum Raucher? Nö. Bis heute rauche ich nur gelegentlich eine, wenn ich zu viel getrunken habe, sonst aber nicht. Ich habe auch einen anderen Job als meine Eltern, außerdem größtenteils andere Hobbys und eine andere Lebensauffassung. Nicht etwa, weil ich Dissident bin. Sondern weil das verdammt noch mal normal ist! In Interviews beteuern die drei zwar fleißig, dass zuhause immer die Musik im Vordergrund stand, doch so ganz nehme ich ihnen das einfach nicht ab.

Sicher kann es sein, dass sich die Lebenswirklichkeit ihrer Eltern förderlich auf die drei Geschwister ausgewirkt hat, immerhin teilen sie sich mit Mama und Papa bis heute eine Bühne. Wer das Musikbusiness kennt, würde als treusorgendes Elternpaar allerdings einen Teufel tun und die eigenen Kids auch noch dazu ermutigen, den Sprung in diese von Armut, Arschlöchern und geplatzten Träumen bevölkerte Welt zu wagen. Zu einfach machen sollte man es sich eben nicht.

 

Gehen drei Engländer in den Pub…

Ich halte Londons – und insbesondere Camdens – Eigenart, aus seinen Mauern Musik tropfen zu lassen (und die Tatsache, dass es in dieser Stadt mehr talentierte Straßenmusiker gibt als gute Singer/Songwriter auf dieser Welt) deswegen viel eher für das verantwortlich, was mittlerweile aus ihnen geworden ist. Auf „The Third“ wirken sie noch weniger wie drei beeinflussbare Individuen, die sich lieber von Mama und Papa beraten lassen anstatt sich selbst an etwas zu versuchen. Diesmal bauten sie in ein ehemaliges indisches Restaurant in Camden kurzerhand ein Studio hinein, in dem dieses Album Gestalt annahm. Das klingt so kauzig, wie man sich das von einer englischen Geschwister-WG vorstellt, die auch noch (reinstes Sitcom-Material!) über einem Pub wohnt und in selbigem gern man einen über den Durst trinkt. Engländer eben, die müssen sich ja immer in Druckbetankung üben, bevor sie die Sperrstunde aus ihrer hausgemachten Britenlethargie reißt und sie die Fäuste fliegen lassen.

 

Baby Karate Gif
Ja, Kowabunga Schätzchen…Mach‘ Mutti stolz!

 

 

Der Erfolg ist bei einer derart schillernden Hintergrundgeschichte mit anrührender familiärer Komponente natürlich vorprogrammiert, und natürlich macht ihr anachronistischer Haartollen-Sound jede Menge Spaß. Dass das gewisse Etwas in ihrem Retrogebräu ebenso fehlt wie ein wirklicher Blickfang auf der Bühne (no offense, dears!), wird von jeder Menge cleverem Marketing, wirklich coolen Videos und ihrer wirklich schweinecoolen, lässig-britischen Art locker wettgemacht. Und manchmal ist es ja auch nicht nur die Musik, sondern das ganze Paket, das zählt.

 

„Och nö, jetzt erwähnt der auch noch The BossHoss!“

Dennoch: Die „zeitgemäßen Eigenkreationen“, die die Zeit in den Songs auf „The Third“ entdecken will, müssen sich tatsächlich auf einem anderen Album befinden. Von Johnny Cash bis Little Richard reicht die Palette der Einflüsse, überzeugend dargeboten und in „Baby Bye Bye“ auch mit einem augenzwinkernden Beatles-Zitat versehen. In „Never Get Back“ klingen sie allerdings wie die etwas unbeholfene Schülerband, die sie irgendwann mal waren. Und dass sie mit den aufgeblasenen Pseudocowboys von The BossHoss zusammengearbeitet haben, spricht ja irgendwie auch Bände.

Es ist also gar nicht so leicht, in Kitty, Daisy & Lewis mehr zu sehen als ein nettes Produkt, das einem jungen Publikum den Klang der Fünfziger näherbringt. Das machen mittlerweile wahrscheinlich mehr Bands als es vor 60 Jahren überhaupt gab. Wieso ausgerechnet diese drei aus dieser Masse herausstechen, erschließt sich mir zwar nicht, ein charmanter Kandidat für die nächste Fummelfahrt ins Autokino ist „The Third“ aber allemal.

PS: The Raincoats sind zehnmal eigenständiger, and that’s a fact!