„…Wir fall’n dort ein, wo ihr auffallt. Gebieten eurer braunen Scheiße endlich Aufhalt. Denn was ihr sucht ist das Ende. Und was wir reichen sind geballte Fäuste und keine Hände. Euer Niedergang für immer…“

 
Die oben genannten Lyrics dürfte wohl jeder kennen, der sich auch nur am Rande mit der Hip-Hop-Kultur beschäftigt. Der Song „Adriano“ handelt von der Geschichte eines Mosambikaners namens Adriano, der im Jahr 2000 von drei Neonazis in Dessau derartig heftig körperlich angegangen wurde, dass er drei Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag.

 
Xavier Naidoo, der das Projekt Brothers Keepers federführend initiiert hatte, befindet sich zwar momentan hinsichtlich seiner politischen Einstellung auf sonderbaren Irrwegen, die selbst bei weniger moderaten Systemkritikern auf Unverständnis stoßen. Was er jedoch damals mit diesem Song auf die Beine gestellt hat, gehört bis zum heutigen Tag honoriert und sollte nicht in Vergessenheit geraten. 15 Jahre nach Adriano, 22 Jahre nach Rostock Lichtenhagen und 70 Jahre nach Ende des NS-Regimes könnte man meinen, dass die Hetze und körperliche Gewalt gegen Personen mit internationalem Background respektive Flüchtlingen der Vergangenheit angehört. Dem ist nicht so!

 
Jüngste Beispiele wie der Brandanschlag auf ein Asylheim in Meißen oder die lautstarke Hetze Freitaler Bürger gegen die Aufnahme von Flüchtlingen zeigen, dass sich im Kern an der Situation nichts geändert hat. Stattdessen skandieren die Ewiggestrigen die gleichen Parolen wir früher und auch Ihre Argumente zwingen einem ein negatives Déjà-Vu auf. Allein in Sachsen, der gefühlten Keimzelle deutscher Neonazis, zählten die Behörden bis Ende Mai 31 Anschläge auf Asylbewerberheime.

 

Kleines dummes Österreich…

Eine Aktion in Österreich setzt dem Ganzen aber die Krone auf. Anhänger der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ (FPÖ) – in Bezug auf politische Einstellung und der Gestaltung der Wahlplakate etwa vergleichbar mit der NPD – haben sich in Wien vor einem Asylbewerberheim aufgestellt, da an diesem Tag neue Flüchtlinge das Heim beziehen sollten, um dort ihre fremdenfeindliche Gesinnung öffentlich zur Schau zu stellen. An der Stelle wäre dann auch seitens der FPÖ ein ganz neues Level freigeschaltet in Bezug auf Fremdscham. Als wären derartige Zustande nicht schon widerwärtig genug, schafft es die eben genannte Partei bei der letzten Landtagswahl in der Steiermark auch noch 26,76 Prozent der Wählerstimmen für sich zu gewinnen. Dass dies eine Entwicklung darstellt, die völlig in die falsche Richtung geht, dürfte jedem, der mit Atmen nicht völlig ausgelastet ist, klar sein. Wie muss man sich als Person mit internationalem Background in einem Land fühlen, wenn eine rechte Partei fast ein Drittel der Stimmen bekommt?

 

Nazar macht den Mund auf!

Nazar, seines Zeichen Österreichs kommerziell erfolgreichster Sprechgesangsartist, hat es geschafft, mit seiner drei Minütigen Ansprache beim Donauinselfest in Wien genau dieses Gefühl zu transportieren. Das Video, das den aufgebrachten Rapper inmitten seines Auftritts zeigt, verbreitete sich aufgrund des gesellschaftlichen Zündstoffes erwartungsgemäß schnell. Abgesehen von der viralen Verbreitung, ernteten seine Zeilen von vielen Seiten Lob und Dank dafür, dass er die Zivilcourage besitzt und auf die momentan grassierenden Missstände hinweist. Um die Brisanz des Kontexts deutlicher zu machen: Nazar kam im Alter von drei Jahren als iranischer Flüchtling mit seinem älteren Bruder und seiner Mutter nach Österreich. Sein Vater fiel den Kriegswirren zum Opfer, weshalb sich die Mutter dazu entschloss, ihrem von Krieg zerrütteten Heimatland den Rücken zu kehren. Nun hat sich dieser Vorfall aber in Österreich abgespielt und auch das öffentliche Aufbegehren gegen derartige soziokulturelle Auswüchse kam von einer in Österreich lebenden Person.

 

Eckstein, Eckstein, der Rapper muss versteckt sein?

Da kommt die Frage auf: Wo sind derartige Stimmen/Aktionen gegen Rassismus innerhalb der deutschen Rap-Szene? Was haben denn eigentlich Bushido, Celo&Abdi, Haftbefehl, Kool Savas, SSIO, Xatar, MoTrip, Credibil, Eko, KC Rebell und Farid Bang gemeinsam? Allesamt Rapper, die in Deutschland aufgewachsen sind und gleichzeitig kulturelle Wurzeln in sich tragen, die ihren Ursprung außerhalb deutscher Staatsgrenzen haben. Reicht dies schon für die Forderung, dass sich die eben benannten Künstler solidarisch hinsichtlich Asylbewerbern zeigen müssen?

 
Rapper wie Xatar, MoTrip und SSIO teilen mit Nazar das exakt selbe Schicksal. Das Land, in dem sie lebten und dessen politische Situation zwangen Sie dazu, ihr Heimatland zu verlassen und die Flucht anzutreten. Warum nutzen denn diese Künstler ihre Kredibilität und ihren Bekanntheitsgrad nicht dazu, um gegen rechtsextreme Parolen Stimmung zu machen? Letzten Endes wird es von ihnen unkommentiert gelassen, dass die „Ronnys und Sandys“ in der ostdeutschen Peripherie den Flüchtlingen das Recht auf Asyl verwehren wollen. Hätten sich diese Leute damals mit ihrem braunen Gedankengut durchgesetzt, dann wüsste heute keiner, dass Farid Bang öfters abspritzt als Autowaschanlagen, Eko der König von Deutschland ist – und CDU-Politiker hätten bis heute keine Ahnung, wer der Babo ist. Die Quintessenz besteht letztendlich darin, dass ohne Asylsuchende und Flüchtlinge, die in Deutschland aufgenommen wurden, eine Lücke klaffen würde. Sportlich, kulturell und gesellschaftlich.

 
Diese Kritik dient nicht als Generalisierung für fehlendes politisches Engagement der Hip-Hop-Szene. An dieser Stelle sind beispielsweise Personen wie Afrob, Megaloh oder Marcus Staiger zu nennen. insbesondere Staiger erhebt seine Stimme in aller Regelmäßigkeit, wenn es um die Flüchtlingsdebatte geht. Darüber hinaus ist die Aktion der Antilopen Gang zu nennen, die im sagenumwobenen Freital ein Konzert auf offener Straße gespielt haben und dem ostdeutschen Mob sinnbildlich den Mittelfinger gezeigt haben. Starke Aktion, danke!

 
Um aber auf die angesprochenen Künstler zurückzukommen, die aus ihrer Historie heraus wissen, wie es sich anfühlt, nahezu mittellos in einem fremden Land anzukommen: Sollten sie sich nicht dafür einsetzen, dass im Idealfall den Flüchtlingen das gleiche Privileg wie Ihnen zuteil wird? Schließlich war dies ein auschlaggebender Grund für deren heutigen Erfolg und Wohlstand.

 

Nimm‘ Dir ein Vorbild an Nazar!

Ein Punkt der bei dieser kontrovers geführten Debatte oft vernachlässigt wird, ist die Würde der Flüchtlinge. Genau diese wird durch die Hetze der Leute, deren Horizont von der Couch bis zu ihrem Fliesentisch reicht, mit Füßen getreten. Wie bereits erwähnt – allein der Fakt, dass Rapper unter heranwachsenden ein derartig großes Maß an Bewunderung genießen, sollte Grund genug sein, sich ein Vorbild an Nazar zu nehmen. Natürlich darf niemand dazu gezwungen werden, politisch Stellung zu beziehen, beziehungsweise seine eigene politische Meinung öffentlich kundzutun. Dennoch, eine gewisse moralische Verpflichtung ist im vorliegenden Fall nicht von der Hand zu weisen.

 
Wenn ein Rapper die Mutter eines anderen Rappers beleidigt, oder es anderweitig verbal unter die Gürtellinie geht, lässt die Reaktion meist nicht lange auf sich warten. Wenn aber die Würde der Menschen mit Füßen getreten wird, an deren Stelle die Künstler selbst einmal waren, wirken sie ungewohnt passiv.

 
Der in Rostock geborene Marteria und Zeitzeuge der rechtsextremen Anschläge in Lichtenhagen hat es mit seiner Aussage auf den Punkt getroffen:

„…..HipHop war für mich auch nie das große Proll-Ding, sondern in erster Linie eine Möglichkeit, Schwächere zu beschützen, und genau mit dieser Einstellung will ich HipHop auch vertreten. Als Rapper muss man auch mal die Fresse aufmachen!“

 

Vielleicht steppen ja Xatar, Haftbefehl, MoTrip und Co. bald gemeinsam gegen Fremdenhass und Intoleranz in die Cypher. Eine schöne Geste wäre es in jedem Fall!