Wieder scheint Deutschland durch die Festnahme des mit Sprengstoff ausgestatteten Dschaber Al-Bakr knapp einem dschihadistisch motivierten Anschlag entgangen zu sein. Gute Arbeit, Glück gehabt, gerade noch gut gegangen, und so weiter. Einer Sache allerdings entgeht dabei wieder niemand: der andauernd wieder aufflammenden Pauschalisierung und Denunzierung der (syrischen) Flüchtlinge. Und die findet leider nicht nur an Tresen im tiefsten Hinterland statt, sondern manchmal auch auf viel gehörten Radiowellen.

Montag morgen, die Nachrichten um Acht, alles atmet auf, Al-Bakr ist gefasst. (Hey wow, vielleicht werde ich doch noch Rapper) Zu dem Zeitpunkt unbestätigte, aber dramaturgisch wunderbar wertvolle Randnotiz: Die Suche der Sicherheitsbeamten nach dem geflohenen Terror-Verdächtigen wird mit der Hilfe von zwei Syrern beendet – die Al-Bakr auf seiner Flucht unbekannterweise um Unterschlupf gebeten hat. Sie hätten ihn zuerst eingeladen, dann überwältigt und ausgeliefert.

Alles super bis hier, eigentlich die perfekte Veranschaulichung eines wahrscheinlich grundsätzlich geltenden Verhältnisses: Ein einsamer Spinner wird von zwei Männern überwältigt, die er aufgrund der gemeinsamen Nationalität auf seiner Seite wähnte.

Das der 22-jährige wohl aus dem selben Land über Flüchtlingsrouten nach Deutschland kam und ebenfalls Arabisch spricht, war aber wahrscheinlich das Einzige, was der offensichtlich fanatisierte Syrer mit seinen beiden Festsetzern gemeinsam hatte.

Und trotzdem kommt ein SWR-Sprecher nicht drumrum, noch im jedwedem Nebensatz salopp anzumerken:

„Damit haben sie das Ansehen ihrer Landsmänner ja zumindest ein bisschen wieder hergestellt…“

Was bitte!? Allen wird übel, wenn in Städten wie Bautzen eine kleine, aber lautstarke Minderheit meint, für „uns alle“ sprechen zu müssen – fürs Volk, die Deutschen, bla bla bla. Uns ist aber auch allen klar, dass da niemand „für uns“ spricht, sie behaupten es einfach. Was ist da mit meinem „Ansehen“, wer stellt das wieder her? Wahrscheinlich niemand, ist ja nicht nötig.

Nicht deutsch = Teufel?

Umso schwerer wiegen solche – wahrscheinlich gedankenlosen – Anmerkungen in den Nachrichten öffentlich-rechtlicher Berichterstatter. Die Nationalität von Verbrechern zu benennen, sobald sie nicht aus dem Land sind, aus dem berichtet wird – ja, okay, das ist eben Branchen-Standard.

Aber mit so bescheuerten Bemerkungen stellt man Zusammenhänge auf, die gar nicht da sind – und tut diesen ganzen „Landsmännern“ überhaupt gar keinen Gefallen. Die sind nämlich von eben solchen fanatischen Menschen aus ihrem Zuhause geflohen. Gemeinsames Heimatland hin oder her, diese Menschen hatten sie zum Feind erklärt.

 

Keine Schublade, kein Denken?

Dass Landesgrenzen in einer zusammen wachenden Welt immer unnötiger werden, aber eben trotzdem bestehen bleiben, ist erstmal aussagekräftig genug. Denk- und Wahrnehmungsmuster ändern sich nur langsam, und in irgendwelchen Kategorien orientiert sich die eigene Identität immer. Schlimm wird’s nur, wenn für andere außer solchen Kategorien nichts mehr Bedeutung zu haben scheint. (Hinweis 1933-1945: eigentlich unnötig) Eine Bekannte von mir ist Lehrerin und sie lässt die Kids in ihren Flüchtlingsklassen Briefe über sich schreiben.

Sie sagt ihnen, dass es wichtig sei, über sich selbst und die Erlebnisse ihrer Flucht erzählen zu können: Sonst könnten die Kids nur sagen, sie sind Flüchtlinge. Eine Beschreibung, die heutzutage oft zu kurz greift, weil die Kategorie auf so viele Menschen passt.

So oft gehört, so viel (oder eben viel zu wenig) assoziiert In ihren Briefen können sie von sich und ihrem Schicksal erzählen, sie werden zu einem Gesicht mit einer persönlichen, zumeist sehr tragischen, Geschichte.

 

Lieber SWR…

Weiterhin werden einfache, ideologisch motivierte Denkmuster den Hass, das Misstrauen und damit die Bedrohung hoch halten – zumindest seitens der Terroristen und einiger zunehmend recht(s) besorgter Bürger. Dazwischen gefangen: Die Masse an Menschen, bei denen diese einfachen Rechnungen nicht aufgehen. Lieber SWR, bitte rechnet nicht auch noch diesen verunsicherten Menschen eine Gleichung vor, die einfacher scheint als sie ist.