Life of Agony im Interview: „Vorurteile entstehen durch falsche Erziehung!“

Life of Agony erzählen uns von Krebstod, Alkoholismus, körperlichen Missbrauch, Selbstverletzung und der Zerlegung von Prominentenstatus......
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Als sich Keith Caputo 2008 bei seinen Nächsten als trans geoutet hat, war die Hölle los. Familie und Freunde machten sich aus dem Staub, zurück blieb noch mehr Verängstigung. Erst drei Jahre später ließ sich Keith in Mina Caputo umbenennen und machte sein überwältigendes Gefühl, geschlechtslos zu sein, öffentlich. Da wussten es aber noch nicht mal ihre Bandmitglieder von Life Of Agony. Schock. Und Unverständnis, solange angelogen worden zu sein. Abzusehen war das beileibe nicht: Mit den ersten Alben von Life Of Agony hat Mina noch als Keith zehn Mal so viel Männlichkeit in ihre Stimme gelegt wie ihre Kollegen im Alternativ Rock. Um ihr inneres Ungleichgewicht zu kompensieren. Sie litt viele kleine Tode: Ihre Mutter starb früh an einer Heroin-Überdosis, ihr Vater tat es ihr Jahrzehnte später gleich. Jetzt kloppen LOG ihr Comeback raus: ein Album über Krebstod, Alkoholismus, körperlichen Missbrauch, Selbstverletzung, Zerlegung von Prominentenstatus und der Flucht vor sich selbst. „A Place Where There’s No More Pain“.

 

Ihr seid zurück – wie nie zuvor!

Mina Caputo: Mit Wut! Enthusiasmus, den ich vorher so noch nicht in diesem Projekt erlebt habe. Es sind die besten Momente, die Life Of Agony musikalisch gemacht haben. Das ist eine Explosion, eine rachsüchtige.

Alan Robert: Verlorene Zeit wieder wettmachen. Es gab Enttäuschungen auf unserem Weg. Diese Platte ist bemüht, vergebene Chancen aufzuholen. Weil wir vielleicht nicht die richtige Mentalität aufbringen konnten oder die Leute in den Labels nicht die richtigen waren.

 

Wie kam es dazu, dass ihr die Band 2014 wieder neu geformt habt?

Mina: Das ist nichts Neues für diese Band, jetzt haben wir die Legende von Oasis begraben. Keine andere Band hat sich so oft aufgelöst und wieder zusammengerauft wie wir.

Alan: Wir sind wahrhaftig. Wenn wir es nicht fühlen, wollen wir es nicht tun. Wir können es nicht faken, das ist echt hart.

Mina: Wir machen, was unser Herz uns sagt. Es gibt ein richtiges und falsches Timing für alles. Wir werden nicht wie jede Band da draußen sein, die sich die Scheiße aus dem Leib spielt. Nur, weil sie denken, sie müssten, weil sie sonst vergessen werden würden. Uns geht das nicht so.

Alan: Wir bleiben lieber unserer Integrität treu und machen, was wir wollen, wann immer wir wollen. Und verpissen uns, wenn wir nicht in dem Gemütszustand sind.

Mina: Wir folgen nicht den Regeln des Spiels/der Musikindustrie. Wir geben keinen Fick.

 

Euch geht es um die Kunst.

Mina: Es geht um Kunst, das ist ein Liebesprojekt, wir müssen nichts beweisen. Wir geben keinen Fick darauf, wer die Platte mag und wer nicht. Wir wissen, wir haben ein unglaubliches Album geschrieben; eins, nachdem wir uns jahrelang gesehnt haben. Für mich ist es das Wiedergutmachungsalbum mit den Jungs. Weil ich die Jungs verrückt gemacht habe, sie in die Irre geführt und angelogen habe. Weil ich fast jede Nacht nicht alles gegeben hatte.

 

Musstest du in den letzten Jahren erst deinen Platz in dieser Welt finden?

Mina: Mein ganzes Leben lang versuche ich schon, meinen Platz in der Welt zu finden. Aber ich denke, ich habe meinen Platz gefunden, an dem ich mich sehr wohl fühle und mich um nichts schere, egal wer was sagt. Wenn es eben um mein Leben und die Entscheidungen geht, die ich gefällt habe, um meine eigene Seele zu retten.

 

Vor zehn Jahren hast du dich als trans geoutet, stimmt das?

Mina: 2008 habe ich es den Nächsten von mir erzählt, mit denen ich mich am wohlsten gefühlt habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich dazu fähig sein kann. Aber ich war es.

 

Wie hast du die Angst davor bewältigt?

Mina: Man kann nicht für die Welt leben oder für andere Menschen. Und ich habe das mein Leben lang, so wurde ich erzogen. Ich bin in die alten Gewohnheiten gefallen, es jedem recht machen zu wollen – Familie, Freunde, Freundinnen, Liebschaften… In diesem Prozess habe ich mich immer tiefer verloren bis zu dem Abgrund, wo meine Intuition wollte, dass ich nun das mache, was ich wirklich will. Und das war, meine Weiblichkeit auch in der äußeren Welt zu ehren und erblühen zu lassen, nicht nur innerlich.

 

Wow. Alan, wann hast du davon erfahren, auch 2008?

Alan: Es ist immer noch neu für mich. Ich wusste es bis 2011 nicht.

Mina: Ja, ich habe sie angelogen.

Alan: Es war ein Schock. Ich fand es auf Tour heraus. Die News wurden auf den Metal-Seiten geteilt.

Mina: Wie als Ziggy Stardust seine letzte Show mit den Spiders of Mars gespielt hat und Bowie das erst auf der Bühne angekündigt hatte. Die Band wusste nicht annähernd, was Bowie vorhatte.

Alan: Ich habe es erst erfahren, als es eine Menge Leute schon wussten.

Mina (kleinlaut): Ich habe es nicht unzähligen erzählt.

Alan: Aber es war da draußen in der Welt. Ich musste die Situation erstmal verstehen, was sie durchmachte. All die neuen Pronomen. Meine Unterstützung zeigen und meinen Respekt für ihren Mut. Ich bin unglaublich stolz auf sie. Ich kenne in diesem Leben keinen anderen, der so stark und mutig ist.

 

Ein geflüstertes „danke“ seufzt Mina zu ihrem Songwriter rüber, ihre Hand fällt auf sein Bein.

Alan: Das sagt viel über uns als Gruppe aus. Die Erwartungen der Menschen überwinden: „Wie werden sie das schaffen? Was kommt als Nächstes? Wie können sie nur weitermachen?“ Wir haben diese Gedanken alle weggewischt, unser Ding gemacht und eine gewaltige Platte geschrieben, auf die wir nicht stolzer sein könnten. Uns ist es so komplett egal, ob die überhaupt jemand hört. Es fühlt sich an, als hätten wir schon alles geschafft. Wir haben das für uns gemacht.

Mina: Aber ich denke, jeder wird es mögen. Was ich am meisten von Journalisten höre: Es sind all die besten Momente von Life Of Agony.

 

Wie hat die Hardcore-Szene darauf reagiert, als du dich geoutet hast?

Mina: Ich bekomme so viel Liebe und Unterstützung von so vielen Leuten. Die Metal-Szene hat mich auch überrascht. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, nicht jeder versteht es. Das erwarte ich auch nicht, will ich auch nicht. Ich genieße den Kontrast, dass Menschen unterschiedlichen Glauben haben. Das Leben ist mannigfaltig, nicht alles ist dafür gemacht, gleich zu sein. Nicht mal Meinungen oder Gefühle. Manche denken Mann und Mann sind schlecht, andere liebenswert. Es gibt so viele Menschen, die nicht verstehen, warum ein Mann sich wie eine Sie fühlt. Kein Wissenschaftler, keine Skala – niemand kann das erklären. Wir können die Natur nicht erklären, das gehört dazu. Die, die das nicht verstehen, sind die, die am weitesten weg von ihrer eigenen Natur sind. Es geht um Glück, um bedingungslose Liebe.

Alan: Wenn du einen beschränkten Geist oder eine beschränkte Weltsicht allgemein hast und dich in einer kleinen Box hältst; wenn alles nur schwarz und weiß ist, dann gibt es keinen Raum, um zu wachsen, keine Luft und keine glücklichen Zufälle, um neue Dinge zu erfahren.

Mina: Genau jetzt versucht sich die Menschheit wieder neue Formen von Idealen und Glauben zu gestalten. Es gibt ein neues Bewusstsein, das inmitten dieser großen Teilung erwacht. Es gibt Menschen, die total offen sind und andere glücklich sehen wollen und dann gibt es die, die alles kontrollieren wollen; die anderen nicht mehr Erfolg gönnen als sie selber haben.

Alan: Sie haben Vorurteile gegenüber verschiedenen Gruppen von Menschen, einfach, weil sie so erzogen wurden.

 

Was muss sich ändern in der Welt, dass sich Transgender wohl fühlen können?

Alan: Akzeptanz. Transgender Menschen sollten sich nicht fühlen müssen, als bräuchten sie die Genehmigung von irgendwem. Menschen sollen frei sein, sie selbst zu sein. Und nicht in irgendwelche Formen passen müssen, die von alten weißen Männern in Anzügen diktiert werden.

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Türke, Pfälzer, Trinker, Gläubiger, Ankläger, Trottel und Playboy. Meine Muffins sind legendär und ich habe sehr schöne Füße. Bitte hör auf zu sabbern!
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    Auch feini fein