Jaja, Breaking Bad, Dexter, Game of Thrones und Co sind ja so gut, weil sie so echt wirken. Weil die Charaktere so dufte ausgearbeitet sind. Weil sie einfach so geijel spannend sind. Weißt Du was: leck mich. Bleib Du ruhig weiter in der kleinen TV-Fantasie-Popcorn-Nixraffer-Welt und glaub weiter daran, dass Walter White, Familie Stark oder  die immer gleich aussehenden Untoten aus The Walking Dead Höhepunkte des heutigen Fernsehschaffens markieren. Ich für meinen Teil habe genug von fiktiven Heldenreisen und dämlich zusammengeschusterten Plots, die sich zwischen Twist-Inflation und Selbstplagiaterie nicht entscheiden können. Ich will Realität! Und von dieser habe ich mit Steven Avery und seiner Geschichte mehr gefunden, als es mir nun lieb ist… Denn nicht die Lannisters, Drogendealer oder Zombieinvasionen sind das Grausamste, was die Glotze zu bieten hat, sondern das amerikanische Rechtssystem.

Steven Avery ist so etwas wie der Superstar unter den amerikanischen Knastis. Im Alter von 20 Jahren wurde der Automechaniker wegen Vergewaltigung von Penny Beernsten festgenommen und 18 Jahre in den Bau gesteckt. Bis eines Tages ein DNA-Test belegte, dass Avery nicht der Täter war. Am 11. September 2003 wurde Avery daher aus dem Gefängnis entlassen und vollständig rehabilitiert. Was eigentlich schon genügt, um eine spannende Kriminalgeschichte zu erzählen, erreicht in Making A Murderer ein erzählerisches Ausmaß, dass kein Hollywood-Autor besser hätte schreiben können: Denn nur zwei Jahre nach seiner Entlassung wurde Avery erneut festgenommen. Doch dieses Mal jedoch wegen Mordes und Leichenschändung an einer 25-jährigen Fotografin.

Alle Beweise und Indizien deuteten daraufhin, dass Avery ein wahres Monster sein muss. Der einst als Rechts-Martyrer gefeierte Avery wurde vom amerikanischen Volk und den Medien verurteilt und fallen gelassen… Bis nun Making A Murderer hinter die Kulissen eines Rechtssystem blickte, dass in Sachen Korruption und Inkompetenz vielleicht nur noch von Griechenland überboten werden kann.

Ab in die Besenkammer, Fernsehen machen

In 10 Folgen erzählt Making A Murderer ruhig und sachlich die Geschichte Steven Averys. Dabei entwickelt die Doku-Serie einen emotionalen Sog, dem man sich spätestens ab der dritten Folge kaum mehr entziehen kann.

Gekonnt spielen die Macher mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, lassen ihn mitfühlen, wie es ist 18 Jahre unschuldig eingesperrt gewesen zu sein, lassen ihn eine Kehrtwende machen, wenn die eigentlich eindeutigen Beweise des Mordfalls vorgelegt werden: Avery soll eine Fotografin, die er zu sich eingeladen hatte einen seltenen Truck zu fotografieren, getötet, vergewaltigt und anschließend verbrannt und vergraben haben – bei sich Zuhause.

Doch nicht nur die Hintergrund-Story, Avery Schicksal ist außergewöhnlich, sondern auch die Machart von Making A Murderer. So spielt die Doku nicht nur auf der richterlichen Bühne des US-amerikanischen Rechtssystems, sondern auch in dessen Abstellkammern, Pausenräumen, Schulklassen und Wohnzimmern.

Mit Telefonaten Averys mit seinen Eltern, Ausschnitten aus dem Gerichtsprozess, Videotapes von Verhören und Analysen von Protokollen lösen die Macher langsam aber sicher die Fassade der offensichtlichen Beweisführung auf und lassen den zurecht voreingenommenen Zuschauer in den Abgrund der Oberflächlichkeit blicken. Schon sehr früh wird klar: irgendetwas stimmt hier nicht… Und die Spirale des Fadenscheinigen dreht sich in einem unaufhaltsamen Sog immer weiter nach „unten“.

 

Alter, was ist da los?

Polizisten rufen Besitzer von Nummernschildern ab, obwohl die Wägen noch nicht als vermisst gemeldet wurden. Ein Schlüssel des Opfers wird am Tatort entdeckt und weißt nur DNA des vermeintlichen Täters auf, obwohl dieser dem Opfer gehört hat.  Und in den Verhandlungen wird davon gesprochen, dass dem Opfer der Hals aufgetrennt worden sein soll, aber nirgendwo am Tatort wird auch nur ein Tropfen Blut gefunden. Making A Murderer ist der spannendste Thriller, den David Fincher nie gedreht hat.

Insbesondere als die Story einen kleinen Twist bereit hält, der einem wahrlich den Atem stocken lässt: denn nicht nur Steven Avery wurde des Mordes angeklagt und rechtskräftig verurteilt, sondern auch sein 16-jähriger Neffe; der lernschwache, wenn nicht schon geistig behinderte Brendan Dassey, der seinem Onkel dabei geholfen haben soll, das Opfer zu töten und zu schänden – nachdem er zufällig nach der Schule in der Mord „gestolpert“ war.

 

Upsidaisy, ist sie tot?

In unzähligen Videmitschnitten belegen die Dokumacher, dass der alles andere als intelligente Teenager in den Verhören manipuliert, bedroht und eingeschüchtert wurde – und verleihen ihrem Werk so ein weiteres, schockierendes emotionales Level. Dasseys Geschichte, um einen verwirrten Jungen, der gar nicht weiß, in was für einen Schlamassel er da geraten ist, macht genauso wütend und fassungslos, wie die seines Onkels.

Mehr  zur „Handlung“ darf und wird an dieser Stelle nicht verraten. Aus sehr gutem Grund: das Ende steht den großen Plottwists Hollywoods in nichts nach!

 

Schau das, jetzt!

Making A Murderer ist die beste, spannendste, wahnwitzigste, realistischste, erschreckendste und verstörendste Doku-Reihe, die ich je sehen durfte, die mich mich derart fassungslos zurückließ, dass selbst ich mich nun dazu gezwungen fühle, irgendwie zu handeln, Steven Avery und seinem Neffen zu helfen… Auch wenn da immer noch Zweifel sind.

Unsere Welt ist ein Drecksloch. Danke, Netflix, dass Du mich wieder daran erinnert hast.