Marilyn-Manson-Pale-Emporer-Review

[dropcap size=big]K[/dropcap]inder, aufgepasst und ab unter die Bettdecke, der böse Onkel Brian schleicht wieder um und will Euch mit in Satans Grube ziehen. Wobei: um im Jahr 2015 Angst und Schrecken bei der besorgten Gutmenschenmasse zu verbreiten, ist Marilyn Manson einfach etwas zu – weiß?! Kein ISIS, nur etwas igitt. Nein, der Antichrist ist nicht mehr Superstar im guten alten Amerika, sein Ruf inzwischen so erblasst wie er selbst. „The Pale Emperor“ ist MM-Album Nummer neun, und an die letzten vier kann zumindest ich mich nicht mal mehr erinnern. Marilyn Manson schockt heute niemanden mehr hinterm Baum hervor.

Muss Brian Warner ja aber auch nicht. Marilyn Manson war ja schon immer ein Kunstprodukt, entstiegen aus den Szenarien von Albträumen und Horrorfilmen und Manga-Porno. Wie viele Untote in der heutigen Unterhaltungsbranche, hat er der Gesellschaft eben die eigene hässliche Fratze im Spiegel hingehalten. So viel mehr als Slipknot war Manson auch nie: Kasperle-Theater für Metalheads und Gothic-Hansel. Ziemlich unterhaltsam, etwas verstörend, aber letztendlich relativ harmlos. Natürlich ist der erzieherische Einfluss auf orientierungslose Teenies nicht der pädagogisch wertvollste, aber wann ist er das schon mal, wenn orientierungslose Teenies was toll finden? Und klar waren die ganzen Bibelverkäufer nicht gerade begeistert, dass der Brian ihre Büchlein auf der Bühne verbrannt hat, aber diese Herrschaften sind nun mal auch nicht gerade die Gralshüter des Humors. Mich zumindest hat Mansons kurzer, aber nachdrücklicher Beitrag in „Bowling For Columbine“ sowieso mehr beeindruckt als seine Diskografie. Da schlug der so verteufelte Gothic-Gigolo durchaus reflektiert und sozial-sensibel vor, dass den Amokläufern an der Columbine High School vielleicht einfach mal jemand hätte zuhören müssen und sie nicht mit ihren Problemen alleine gelassen hätten werden sollen.
Producer Meme

 

Jetzt nimm schon meinen Fuß ins Maul!

Brian Warner ist eben nicht dumm, und deshalb weiß er das alles auch selbst. Solange die Aufregung groß war, hat er nur umso mehr über die Stränge geschlagen, dann hat er einfach weiter seine Version von Kunst gemacht, zum Beispiel lange auch an einem Film über das fiktive Leben des Lewis Caroll gedreht. Der liegt gerade auf Eis und deshalb lehnt sich MM jetzt ganz gediegen im Schatten seines einst berühmt-berüchtigten Images zurück und macht entspannten Industrial. Das stampfende Schlagzeug, angezerrte Gitarren, der knarzende Bass und völlig verstimmte Klaviere – alles noch da. Aber musikalisch ist The Pale Emperor absolut unaufgeregt umgesetzt. „Deep Six“ ist so ziemlich der einzige Song, der noch als heavy durchgeht. Zu „Third Day Of A Seven Day Binge“ dagegen hätte sich Salma Hayek in „From Dusk Till Dawn“ gut räkeln können. Der eingängig schlängelnde Rythmus ist ziemlich sleazy, aber nicht so wirklich shocky. Und die sage und schreibe letzten drei Songs sind dann tatsächlich auch noch so was wie Akustikballaden.

Manson Gif
Pale Emperor ist nicht das Necronomicon…

 

Herr Manson, noch etwas Rotwein oder etwas Käse?

Damit will ich nicht sagen, dass The Pale Emperor jetzt Dinnermusik ist. Natürlich knurrt MM immer noch ganz fies durch seine schwarz gefletschten Zähne und die Melodien schleifen schief durch das Gruselkabinett. Aber „The Pale Emperor“ durchzieht so ein staubtrockener Groove, der das Ganze zwar überraschend überraschungsarm, aber eben auch irgendwie ganz entspannt macht. Horror-Blues schon fast, sozusagen. Dazu passend knurrt Manson auch immer wieder die selben Zeilen, die sich gospelartig ins Ohr bohren. „We’re killing strangers so we don’t have to kill the ones that we love“. „Slave never dreams to be free, slave only dreams to be king“. Ich meine sogar, eine Art Konzept zu erkennen (siehe sich wiederholende Zeilen wie „Reached the third day of a seven day binge“ oder „I’m a fated, faithful, fatal“). Aber bis die Motive dann zehn Songs später wieder aufgegriffen werden, bin ich längst selig albträumend eingedöst. The Pale Emperor bleibt so stur auf der selben bpm-Zahl, dass 13 Songs schon fast zu viel und 65 Minuten viel zu lang sind.
Vielleicht weiß ein emsiger Bibelverkäufer ja weiter. Merry Manson scheint sich recht tief im Buch der Bücher vergraben haben und übernimmt allerlei Motive aus den staubigen Geschichtchen: tauft sich selbst zum „Mephistopheles of Los Angeles“ oder singt „It’s better to be blamed for robbing Peter than guilty for paying Paul“. Ich habe in Religion jetzt nicht so aufgepasst, aber das wird sicher irgendeinen Sinn machen. Und dann wäre Marilyn Manson jetzt endlich auch mal was für den Bibelkreis.

 

P.S. Alles gar nicht mehr so böse, oder?