Megaloh – Regenmacher

Wenn der gute Megaloh so weiter macht, dann müssen wir uns keine Sorgen machen. Und er kann sich sicher sein: Das Baby folgt ihm „Bis ans Ende“. ...
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Sonntagnachmittag, 17 Uhr, ein mir sehr holdes Hip-Hop-Medium namens Backspin veröffentlicht ein Video-Interview mit einem Künstler, der vor allem für seine Interviews in deutschen Rap-Landen mittlerweile Kultstatus erlangt hat. Drei Mal dürft ihr raten: Ja, es ist der gute Flizzy. Ganz neue Auswüchse sollte es hier zu bewundern geben, das Attribut episch wurde vielleicht ein bisschen vorschnell in den Ring geworfen. Worauf ich eigentlich hinaus will: Letztendlich drehte sich der wieder einmal unterhaltsame Diskurs um Realness im Rap, die viel beschworene Authentizität wurde wieder durchs Dorf getrieben. So abstruse Ausmaße das Interview auch annahm, kann man dennoch zufrieden feststellen, dass am Freitag ein Künstler seine neueste Platte veröffentlichte, dem tatsächlich diese Realness zuzusprechen ist: Megaloh. Denn in den neunzehn Tracks macht er es regnen auf euch Bitches. Für den ein oder anderen fühlt sich diese Demonstration eventuell auch wie Hagel an. Also: Schirm kaufen oder das Rappen an den Nagel hängen. Ihr habt die Wahl.

Um eines vorweg klarzustellen: Allein Megalohs Organ hat schon so eine ungemeine Strahlkraft, dass selbst Flers Texte, von ihm rezitiert, urplötzlich steilgehen würden. Das Schöne daran ist: Da ist noch so viel mehr als allein diese eindringliche Stimme. Er beherrscht sein Handwerk respektive Mundwerk, von Album zu Album verspürt man diesen eisernen Willen, sich immer weiter verbessern zu wollen und die Kunstform des MCing voranzutreiben. Von Müdigkeit oder lässig zur Schau gestellten Ignoranz und Gleichgültigkeit ist nichts zu merken. Megaloh atmet Rap. These: Er ist derzeit der kompletteste Rapper, den Deutschland zu bieten hat.

Die Palette seines Könnens ist immens, weswegen es im Fall der Deluxe-Version von „Regenmacher“ ausnahmsweise mal nicht verwerflich ist, sage und schreibe 19 Songs aufzufahren. Redundanz oder Langeweile wollen beim besten Willen nicht aufkommen.

 

Rolex ade, Gürtelrose Hallöchen

Er ackert hart, seit vielen, vielen Jahren. Und wenn sich über lange Zeit der kommerzielle Erfolg auch nicht wie erhofft einstellen wollte, hat er weitergemacht. Schlaf war wohl immer eher Mangelware, um das Rap-Ding weiter so intensiv verfolgen zu können, musste die Kohle durch ein, zwei, drei Jobs ran. So feiertauglich „Tripleschicht“ daher rollt, da steckt die Wahrheit drin, Opfer hat er viele erbracht, um das heutige Level zu erreichen. Es sind die normalen Dinge des Alltags, mit denen Rapper tatsächlich auch zu tun haben. Hört sich unglaublich an, ist aber so:

Am Ende bleibt nur ein bisschen,
der Staat will auch nicht verzichten.
Jeder kocht hier sein Süppchen,
Familie heißt du hast Pflichten.
Die Kinder brauchen mehr Zeit,
die Frau braucht ’n neues Kleid.
Ich brauch Ferien, doch steh hier und brauch Sound auf’m Mic.

Von Glamour, Blitzlichtgewitter, wilden Gelagen, Schampus und Huren keine Spur. „Laaaangweilig!“, mag da einer sagen. „Real talk, no gimmicks!“, sag ich. Für viele vielleicht ein Schlag ins Gesicht: Man kann der Geilste sein, ohne es ständig sagen zu müssen. Denn wenn man es tagein tagaus dem Fenster brüllt, hat das irgendwann den gleichen Effekt wie ständig den Fortschritt propagierende Politiker: Man glaubt ihnen kein Wort mehr.

 

Max Herre, aber sogar mal gut

Vor ein paar Jährchen war noch zu befürchten, dass Megaloh ein ähnliches Schicksal wie einen der unterschätztesten MCs der frühen Zweitausender namens Tone ereilen würde. Dem war glücklicherweise nicht so, der Schritt zu Max Herres Label Nesola umzusiedeln war ein durchaus zukunftsweisender Move. Künstlerisch frei und ein Umfeld, das fruchtbaren Boden bot, damit endlich sprießen konnte, was sich schon so lang gen Sonne recken wollte. Und Tracks können die zwei zusammen auch noch basteln, ganz feine Dinger. „Alles anders“ schmiegt sich ins Ohr, lässig und deep, der Verzicht auf Pathos veredelt es mit wahrem Gefühl.

Auf „Exodus“, einem kleinen Who is Who des Deutschrap zur Jahrtausendwende, zeigt der gute Max außerdem mit Schmackes, dass ihm das conscious Reimen immer noch liegt. Man flattert in Gedanken kurz zurück in längst vergessene Freundeskreis-Zeiten. Thema verfehlt muss man hier leider nur Samy Deluxe attestieren. Entweder ihm hat keiner gesagt, worum sich der Song dreht oder er scheißt einfach drauf. Für sich gesehen auch wieder ne Form von Style.

Rap-Puristen bekommen bei „Zapp Brannigan“ vom Kopfnicken Schleudertraumata. Und deswegen wollen wir hier feststellen: Rap braucht auch Technik. Die Geschichte allein reißt es nicht, es geht nicht nur ums Was, sondern auch ums Wie. Megaloh scheint es verinnerlicht zu haben. Und trotzdem verfällt er nicht in reinen Technik-Masturbationsmodus. Da wo es sein muss, gibt’s Endreimsalven oder Doubletime-Orgien. Bei Tracks wie „Schlechter Schlaf“ wär‘ das Zubrettern völlig fehl am Platz, hier heißt es wirklich zuhören, denn da labert keiner. Nope, hier hat einer was zu sagen.

Schlechter Schlaf, Knete in Matratzen.
Bete für Familie, bete für die Batzen.
Ohne Zahlen in ’ner Zahlenwelt.
Nutzlos.
Die uns schützen sollten, waren selbst schutzlos.
Ein System, das auf der Schwelle zum Verfall ist.
Wenn du für nichts stehst, fällst du für alles.

Und was sonst noch so schiefläuft hierzulande, greift er an mehreren Stellen auf. Besonders in „Wohin“. Hier besonders passt Trap, diese so wütende, oftmals verzweifelte Spielart des Rap, so verdammt gut ins Songkonzept. Und folgt man Flers Ausführungen, macht Megaloh hier sogar nach Maskulin’scher Rap-Definition so einiges richtig, denn: Er gibt denen eine Stimme, die sonst in der Medienlandschaft keine haben. Flüchtlinge. Menschen, die alles verloren haben und nichts anderes als eine sichere Zuflucht suchen. So hoffnungslos der Track endet, so aussichtslos und kalt ist die Realität tatsächlich. Traurig, aber wahr.

Megaloh ist ein guter Beobachter und transformiert das Erlebte in Bilder, die nicht mit Pinsel oder Marker, sondern Drumset und Stimmbändern gemalt werden.

 

Darf ich da mal reinkieken?

Ich könnte jetzt ewig so weitermachen und Song für Song sezieren. Aber: Da hab ich keinen Bock drauf und ihr sicherlich noch weniger. Außerdem ist es eh spannender, so ein Album wie Regenmacher selbst zu entdecken. Beat für Beat, Reim für Reim.

Wenn der gute Mega so weiter macht, dann müssen wir uns keine Sorgen machen. Und er kann sich sicher sein: Das Baby folgt ihm „Bis ans Ende“. Denn das ist dann wahrhaftig die ehrlichste Form dieser Kunst namens Rap, die uns in Form einer brennenden Ghetto-Mülltonne Tag für Tag Wärme schenkt.

Themen
Rap

L(i)ebt hip hop Klischees. Haelt sich selbst gerne den Spiegel vor. Weil er so schön ist. Wenn nicht zehn mal bitch in nem 16er vorkommt, hat der Track schon verloren. Dirne bitte.
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