[dropcap size=big]D[/dropcap]a gibt es tatsächlich eine mittelgroße Stadt, die vom Schabernack des Zweiten Weltkriegs verschont wurde – und fällt dann doch dem Sozialismus in die Hände. Dass dort heute nicht alles grau und hässlich ist, ist natürlich jedem Wessi und seinem mit viel Widerwillen bezahlten Soli zu verdanken. Aber gut, wir machen es ja, ähäm, gern. Immerhin treiben in einer Stadt wie Halle die quietschfidelen Boys von Annisokay ihr Unwesen. Deutschlands aktuell größte Metalcore-Hoffnung wird sich an Wende, Wiedervereinigung und Trabi-Ansturm auf West-Berlin zwar kaum erinnern, dafür haben sie mit „Enigmatic Smile“ ein bemerkenswertes Album vorgelegt. Nicht nur musikalisch, wohlgemerkt. Bemerkenswert ist auch, dass sie gar kein Ossi-Englisch singen und mit Titel und Artwork auf eine adrette Wasserleiche anspielen, die vor langer Zeit aus der Seine gezogen wurde und mirakulöserweise nicht krass aufgedunsen und abstoßend, sondern eben irgendwie schön aussah. Wie die Mona Lisa der Toten, quasi. Weil darüber aber schon alle anderen sogenannten Musikmagazine reden, haben wir mit den Jungs einen Spaziergang durch Halle gemacht. Ob wir die Stadt danach cooler finden? Schaumermal.

 

Was ist so richtig scheiße an Halle?

Die Verkehrsführung. In Halle ist es nicht immer leicht, Auto zu fahren und lebensgefährlich, sich auf das Fahrrad zu schwingen. Manche Kreuzungen sind so abenteuerlich, dass sie es schon zu bundesweiter Berühmtheit gebracht haben. Und die Ampeln erst! Googelt einfach mal „Arschlochampel“.

 

Und warum lebt ihr dennoch gern hier?

Home is where the heart is. Man ist doch dort verwurzelt, wo Freunde und Familie sind. Welcher Name dieser Ort trägt, ist Nebensache. Wird einem dann noch eine berufliche Perspektive geboten, gibt es nur wenige Gründe für einen Umzug.

 

Gibt es ein Halle-Klischee, das so wahr ist, dass es schmerzt?

Halle ist grau und hässlich. Die wunderschöne Altstadt von Halle überlebte zwar den Krieg, aber nicht den Sozialismus. Prunkvolle Villen wurden dem Verfall überlassen. Dafür wurden sehr funktionale wie hässliche Plattenbauten errichtet. Doch das war gestern und das Gestern ist 25 Jahre her. Dem Abbruch verschont geblieben, verfügt Halle, im Gegensatz zu vielen anderen Städten, über ein beeindruckendes historisches Stadtbild, welches nach und nach
restauriert, verschönert und wiederbelebt wird.

 

„Halle hat sogar schon Quentin Tarantino angelockt. Der war wirklich da!“

 

 

Na gut. Wieso zum Henker gibt es in eurer Stadt eine Knack-WM???

Was zum Henker ist eine Knack-WM?

Ach, das wisst Ihr nicht? In eurer Stadt wird die Goldene Knackwurst verliehen! Was das Image natürlich nur bedingt zu verbessern weiß: In der Liste der hippsten Städte Deutschlands rangiert Halle wohl eher so zwischen Dorsten und Pforzheim.

Was ist ein Dorsten? Und Pforzheim kann man doch nicht ernsthaft eine Stadt nennen? Ich glaube du willst uns wieder aufs Glatteis führen!

 

Ich merke schon, heikles Thema. Dann wohl lieber eine Frage wie: Wo kann man am besten trinken, um zu vergessen?

Neben den üblichen Spelunken und Kneipenmeilen hat Halle eine kleine, aber feine Szene von nicht-immer-angemeldeten spontanen Partys. Und da Halle zum Glück ein Dorf ist und jeder jeden kennt, sind diese Partys auch sehr gut besucht und immer dufte.

 

Wo seid Ihr am öftesten abgestürzt?

Wenn wir das noch wüssten! Immer diese Filmrisse. Vielleicht manchmal aber auch besser so.

 

Bester Platz an der Saale für ein Bier an einem sommerlichen Abend?

Halle ist voller toller netter Plätze. Es ist doch die Gesellschaft, die zählt!

 

 

„Die Peißnitz, eine Insel zwischen den Flussarmen der Saale, ist das Paradies in Halle.“

 

 

Wo war euer erstes Konzert in Halle?

Das müsste in der Reil78 gewesen sein. Ein wirklich legendärer alternativer Punkerschuppen, der schon punkig war, als es noch nicht einmal unsere Eltern gab.

 

Wo war euer erster Proberaum?

In der berühmt-berüchtigten Hafenstraße, wo so ziemlich alle Hallenser Bands Krach machen.

 

Wo ist Halle am schönsten?

Im Grünen! Und davon hat Halle glücklicherweise eine Menge. Die Peißnitz, eine Insel zwischen den Flussarmen der Saale, ist das Paradies in Halle. Aufgeteilt in ein Naturschutzgebiet und einem urbanen Erholungspark, bietet die Peißnitz auch eine große Freilichtbühne [arbeitet der nebenher beim Tourismusverband? – die urlaubsreifen Babys]. Die dort stattfindenden Veranstaltungen haben sogar schon Quentin Tarantino angelockt. Und ich rede hier nicht vom Sommerkino. Der war wirklich da!

 

Wo gibt’s die geilsten Klamotten?

Wir würden jetzt gerne eine Lanze für die regionalen Einzelhändler brechen. Wir sind aber eher Shopping-Muffel und bestellen meist im Internet. Sorry!

 

Wo warten die heißesten Damen?

Ganz sicher in der Uni. Dort trifft man(n) auf die schönsten Frauen.

 

Wo habt Ihr am meisten erlebt?

Auf Tour! Sorry Halle, wir gehen dir so oft fremd. Die nächste große Sause heißt „Sacrifice To Venus Tour Part II“ und beginnt schon am 10. April. Wir sind unterwegs mit den allmächtigen Emil Bulls! Gleich danach beehren wir die königliche Insel. Im Mai sind wir auf UK-Tour mit Fearless Vampire Killers.

 

Ausnahmsweise lassen wir diese letzte Antwort jetzt mal drin, auch wenn sie pure Selbstvermarktung war. Wir wollen aber mal nicht so sein und spendieren Euch sogar noch die aktuellen Tourdates der Boys. Das ist nach dem Soli aber das Letzte, das wir tun!

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Wir wollen wissen, wer hinter unseren Künstlern und deren Kunst steckt: wo und wie sie leben, was sie geprägt hat und wie sich das in ihren Werken widerspiegelt. Daher dreht sich in „Mein Block“ alles um den Block – der Künstler. Ende.

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