Jaja, von wegen Großstadtkinder und Weltbürger: aus dem Nirgendwo, da kommen doch die meisten von uns her. Aus Städten und Dörfern, deren Namen höchstens noch jemandem bekannt vorkommen von Anzeigetafeln am Bahnhof und Abfahrten auf der Autobahn. Und dann zieht es uns irgendwann aus dem Dorf in die große weite Welt und die Berliner beschweren sich, dass wir ihre Schrippen jetzt Weckle nennen und die Wiener weinen, dass die deutschen Bildungsschmarotzer ihre wenigen internationalen Plätze mit wenig internationalem Flair füllen. Auch „Danny“ kommt aus dem „Nirgendwo“, und dann auch noch irgendwo aus Bayern. Und wahrscheinlich heißt er eigentlich auch Daniel, außer seine Eltern sind aus Sachsen. Das weiß man aber nicht, denn die Eltern sind generell abwesend in seinem Heimkehrerfilm „Nirgendwo“ für die 00er-Jugend, die in die Welt zog und nichts fand.

Früher nämlich, da war eigentlich alles besser: In goldgetränkten Bildern verbringt Danny die Stunden mit seiner brünetten Jugendliebe glücklich kuschelnd und knutschend im Bett, Casper-Poster an der Wand. Seine große Leidenschaft ist das Fotografieren, das wird uns während der Bettszenen gezeigt: Liebestolle Aufnahmen mit Selbstauslöser und weiblichen Brustwarzen. Schnitt, „zwei Jahre später“: Graue Farben, dunkler Himmel, Wolkenkratzer, Danny alleine in irgendeinem völlig unpersönlichen Penthouse-Apartment in Frankfurt. Kein Casper-Poster an der Wand.

Gefühlloser Rausch im Club, gesichtslose Mädchen im Bett. Und sein Kumpel aus Kindertagen kriegt am schicken Frühstücksbuffet sogar noch verkatert die Formeln für die anstehende Klausur besser hin als unser ahnungsloser Danny.

Danny studiert jetzt BWL, mehr der Wunsch seines Vaters als sein eigener, und abgesehen davon dass wahrscheinlich kein einziger Student in der Bundesrepublik so schnieke lebt wie er, fühlt er sich so seltsam unerfüllt. Das sagt er zwar nicht, aber das soll man ihm ja ansehen: Also alle Szenen schön suggestiv aufladen und ihn, während er mit nachdenklichem Blick sinniert, auf den riesigen Treppen des Universitätssaales auch noch von zwei Anzugschnöseln anrempeln lassen, obwohl um ihn herum verdammt viel Platz gewesen wäre.

Ohje, der kleine Danny alleine in der fiesen Ellbogengesellschaft. Da kommt der Anruf aus dem Nirgendwo ja gerade richtig: Papa ist tot!

Zielloser Film für ziellose Zuschauer

Also geht’s zurück ins Nirgendwo und die üblichen Begegnungen bleiben natürlich nicht aus: entfremdete Ex, daheim gebliebene Schulkumpel, heimlich schwangere Halbschwester. Und plötzlich fühlt Danny auch wieder was, und die Farben werden wieder heller. Hurra! „Zu seiner Überraschung findet er in diesem Sommer das Paradies seiner längst vergangenen Jugend und seine alten Freunde wieder“, posaunt der Promotext; und genauso klischeehaft wie der Satz sich liest, schaut sich auch der Film: Eine mit jugendlicher Leichtigkeit aufgeladenen und mit hip pumpenden Elektropop-Melodien unterlegten Szene jagt die nächste.

Sämtliche Momente sind aus allen erdenklichen Instagram-Klischees von einem happy hippo life zusammengeschmissen: die Dämmerung, das Lagerfeuer, der schicke Wagen von Papa, das Rollbrettern durch die leeren Straßen. Zigaretten und Bier. Nicht viel sagen, aber viel fühlen. „Ey schön, dass du wieder da bist, Alter.“

Die Stadt gehört uns, yeah!

Kein Wunder, die will ja auch sonst niemand. Auf irgendwelchen Dächern sinnieren die Jugendfreunde zu irgendwelchem Bier über die Sinne des Lebens und kommen auf Weisheiten wie:  „Ich will mehr als ein Haus und Nachbarn, Kleinwagen, Schrebergarten… Ich will tiefere Spuren hinterlassen“, oder „Was ist denn so schlimm daran, wenn ich hier glücklich bin? Ich brauch‘ nicht mehr!“

Oder sie müssen nachdenklich feststellen: „Mann, in unserem Alter hatten unsere Eltern schon Kinder, ey.“ Sich auf das Wesentliche besinnen, sich mal festlegen, seine Träume verfolgen – und natürlich coole Klamotten tragen.

Der Film schielt auf die Herausforderungen einer immens mobilen und furchtbar angepassten Generation in einer verwirrend großen Welt, schießt aber völlig übers Ziel hinaus und scheitert, weil die ganze Inszenierung nicht mehr hergibt als aufgewärmte Einsichten, die in lange ausgelutschten Diskussionen längst zu ihrem eigenen Klischee geworden sind. Aber immerhin wissen wir jetzt, wo Schnalle Chantalle aus „Fack Ju Göthe“ gelandet ist – übrigens ein Film, der trotz widerlicher Til-Schweiger-Dramatik wesentlich mehr Zeitgeist bewiesen hat als jetzt „Nirgendwo“.

 

Party? Halt die Fresse!

Zum Schluss gibt’s natürlich noch die große Haussause, und nach einer Menge Stoff und Schnaps und  entfesselter Tanzerei gibt der Gastgeber im Gin-Rausch noch eine Klagerede, in der er sein zerrissenes Innerstes nach das obercoole Außen kehrt: Seine Eltern bieten ihm doch nur Geld und keine Liebe! Achje. Wir erinnern uns, diese gefühlskalten Eltern sind tatsächlich auch nie zu sehen: Da hat jemand aufgepasst im Anfängerkurs Symbolik.

Als wäre das alles der Dramatik von der Stange nicht genug, ist natürlich auch noch der obligatorische und völlig überzogene Selbstmord eines Weggefährten dabei. Ein „Na endlich“ tönt nach dem Schuss in der Stille durch den Kinosaal. Ja, endlich. Sollen sie doch verrotten, da im Nirgendwo, der BWL-Student und seine hängengebliebenen Gefährten. Der Danny ist halt nicht Frodo und er hat auch keinen Ring nach Mordor zu tragen, sondern nur mal die längst überfällige Studienplatzbewerbung für Fotografie zum Briefkasten. #passion und so.

 

Heimatgefühle, haut mir bloß ab

Das Nirgendwo soll überall sein: Autor und Regisseur Matthias Starte will einen Film für alle machen und erreicht niemanden. Es sind natürlich nicht mehr die immergrünen Welten der beschaulichen Alpen, die hier glorifiziert werden, aber der Film zielt auf denselben klischeehaften Eskapismus und schlägt, natürlich eher unfreiwillig, mit flachen Dialogen und Fließbandmusik auch stilistisch in die selbe Kerbe.

Hashtag Heimatfilm: „Nirgendwo“ braucht niemand!