1Wann habe ich eigentlich das letzte Mal eine Menge Zeit mit Leuten rumhängen müssen, die ich nicht mochte? Im Nachtbus? Beim IgittBaby-Redaktionstreffen? Ach nee, Moment: In der Schule. Manche fangen auffällig schnell an, ihre Schulzeit als die beste Zeit ihres Lebens zu vermissen. Was läuft denn bei euch schief? Ich will nicht zurück in die Schule. Klar, ich hatte viel Zeit. Aber auch Pickel. Und Selbstzweifel. Und Hausaufgaben. Und mit allem konnte ich ziemlich wenig anfangen.

Und dann hatte ich noch Mitschüler. Von mir aus, ein paar davon konnte man wohl Freunde nennen. Aber dann gibt’s ja noch die ganzen anderen. Die Drängler. Die Drangsalierer. Die Macker. Die Schläger, Sportler, Freibadgänger. Von heimlich angehimmelten Mädchen fange ich erst gar nicht an.

Dass es diese Leute überhaupt noch gibt, vergesse ich gerne mal, wenn ich mich jetzt durch meine kleine heile Uni-Blase bewege. Schmerzlich an ihre Existenz erinnert werde ich dann auf dem alljährlichen Dorffest. Klar stehe ich da inzwischen drüber, sonst würde ich nicht hingehen. Trotzdem bin ich dann ziemlich baff, als sich einer von denen kurz zu mir gesellt und mich im breitesten Schwäbisch fragt:

„…abr‘ des Metall in dr‘ Naas, muss des soi?“

Nein, das muss nicht sein, das Metall in der Nase. Wie vieles andere auch nicht sein muss – aber eben sein kann. In seiner Lebenswelt ist sowas halt nicht angekommen. Ich freu‘ mich eigentlich ja auch über seine Entrüstung – hätte er auch einen Ring in der Nase gehabt und mich dazu beglückwünscht, ich hätte mir ihn an Ort und Stelle rausgerissen.

So aber kann ich mich wenigstens auf dem Dorffest noch so richtig radikal fühlen. In meinem gewohnten sozialen Umfeld ist ein Nasenring eben nur noch eine Mode- und keine Grundsatz- oder Einstellungsfrage.

Nach ein paar mehr Sätzen stelle ich fest, dass vieles andere bei ihm, glaube ich, leider auch nicht angekommen ist. Wie auch? Genau wie ich ist er nach der Schule ausgezogen in die weite Welt, oder zumindest ausgezogen bei Mutti. Und genau wie ich hat er sich von dort an ausgesucht, wo und mit wem er seine Zeit verbringt. So ist das eben mit der Selbstfindung. Horizont erweitern? Eher Horizont beschränken.

 

Ab ins digitale Eckchen?

Diese Flucht in die individualisierte Komfortzone war wahrscheinlich nie leichter als heutzutage, und da bin ich eigentlich froh drum. Von mir aus habe ich’s geografisch nicht ganz so weit geschafft wie ich mir mal ausgemalt hatte, aber ich habe trotzdem Welten gebracht zwischen mich und diesem beschränkten Kleinstadtleben.

Das glaube ich zumindest gerne, und zeitweise boten die neu aufkommenden sozialen Netzwerke eine gewisse Bestätigung. Unregelmäßig wie unverbindlich kriegte ich da gerade genug mit, wie ich mitkriegen wollte: wer wo, wer was, wer mit wem – und Hauptsache weit weg von mir.

Doch Google, Facebook und Konsorten gehen inzwischen konform mit der Ich-zentrierten Alltagsgestaltung und passen ihre Algorithmen an die Vorlieben des Benutzers an. Suchst du bei Google nach einem aktuellen Ereignis, listet Google tendenziell nicht die meist gelesenen Quellen zuerst – sondern die Quellen, die du regelmäßig besuchst. Google sucht also nicht in der Welt, sondern in deiner Welt. Deine Meinung dreht sich im Kreis, die Berichterstattung bestätigt deine Grundeinstellung. Auf Facebook läuft das inzwischen genauso: Von all deinen Bekanntschaften schaffen es nur die in dein Klickfeld, mit denen du auch sonst interagierst. Du scrollst durch deinen Feed und denkst, die Welt ist eigentlich ganz in Ordnung – alle feiern die gleichen Bands, schauen die selben Filme und regen sich über die richtigen Sachen auf.

 

My Chemical Romance hatten so recht!

Die Welt ist aber gar nicht so in Ordnung, das fühlt sich nur so an. Wir vergessen das gerne, und es wird uns inzwischen verdammt leicht gemacht. Soziale Netzwerke ersetzen zunehmend öffentliche Räume, aber die dortigen Aufeinandertreffen und Auseinandersetzungen werden im Internet von werbe-geilen Algorithmen unterdrückt.

Währenddessen kochen die Krisenherde dieser Welt kochen über und ihre Probleme schwappen zu uns – nicht mehr nur als Nachrichten, sondern als echte Menschen, die unsere Unterstützung brauchen, um unbehelligt leben zu können. Und alles was wir wollen ist unsere Ruhe?

Ich selbst nehme mich da gar nicht raus. Ich bin ein kleines unpolitisches Arschlochkind, und ich bin auch deshalb liberal, weil ich es mir leisten kann. Wenn ich bei gleichaltrigen Schulkameraden aber ernsthaft noch mit Nasenringen anecke, dann würde mich hin und wieder schon noch interessieren, was diese ganzen vergessenen Gestalten sonst so denken – und wen die bei der Landtagswahl wählen gegangen sind.

 

Draußen ist das wahre Leben

Bevor wir alle also weiter in unseren kleiner werdenden Blasen durch die Welt eiern: Wir schmeissen vielleicht nicht mehr mit Steinen und wir gehen nicht auf Demos. Wir mögen ignorant wirken, aber es gibt eine ganze Welt da draußen, die noch viel ignoranter ist als wir.

Aktuell ist es wieder wichtig wie lange nicht, sich nicht in der von den Eltern gezahlten Mietwohnung zu verkriechen, sich nicht hinter überheblichen Zynismus zu verstecken, nicht hinter seinem iPhone zu versinken. Sondern rauszugehen, sich aufzuregen und auszutauschen, den Kontakt zu anderen und manchmal anders denkenden zu suchen.

Irgendein Feuilletonist hat vor Kurzem mal geschrieben, die erodierende deutsche Mitte, (und viele von uns sind wahrscheinlich mittiger als wir denken) muss wieder aktiver für ihre Werte einstehen. Und zwar nicht bei der besorgten Affenbande AfD, sondern im konstruktiven gesellschaftlichen Miteinander.

Ab in den Ring.